Edward Shang (2.v.r.) kann sich bei dem Eingriff nur per Computerbildschirm orientieren. Eine Minikamera überträgt die Bilder. 
Edward Shang (2.v.r.) kann sich bei dem Eingriff nur per Computerbildschirm orientieren. Eine Minikamera überträgt die Bilder.

Foto: Waltraud Grubitzsch

Letzte Chance OP

In Leipzig entsteht Deutschlands größtes Zentrum zur Behandlung stark übergewichtiger Patienten

Leipzig. Für Steffi Fützenreiter ist dieser Mittwoch einer der wichtigsten Tage im Leben. "Eine Weichenstellung", sagt die 54-Jährige. Sie leidet an Adipositas, also an Fettsucht. Ihre Gelenke sind verschlissen, die Hüfte musste operiert werden. Frust hat sich aufgestaut. Wer kleidet sich schon gern in Übergrößen. Sie kennt alle Diäten und deren Tücken. "Ich habe oft zur falschen Zeit am falschen Ort das Falsche gegessen", sagt die gelernte Kindergärtnerin und Altenpflegerin. Ein Teufelskreis, aus dem sie ausbrechen will. Fützenreiter lässt sich den Magen verkleinern.

Es ist kurz vor 9 Uhr, als Professor Edward Shang ins operative Zentrum der Uniklinik Leipzig kommt. Die Patientin liegt in Narkose, während er den Ablauf des Eingriffes mit seinem Team kurz bespricht. Shang ist Deutschlands einziger ordentlicher Professor für bariatrische Chirurgie und international renommierter Experte für komplizierte Magenverkleinerungen. In Leipzig, wo der Bund 25 Millionen Euro in ein Integriertes Forschungs- und Behandlungszentrum Adipositaserkrankungen (IFB) steckt, arbeitet er seit vorigen August.

Frau Fützenreiter ist am IFB seine 60. OP-Patientin. Sie hat lange überlegt, ob sie sich unters Messer legen soll. Schließlich ist der Eingriff nicht ohne Risiko und er bedeutet, lebenslang ärztlich betreut zu werden. Am Ende hat ihr Willen auf einen Neuanfang dominiert. Sie hatte es satt, dick zu sein.

Navigieren im Bauchgewölbe

Shang prüft die sechs knopflochgroßen Eingänge in den Bauchraum von Steffi Fützenreiter. Über einen der Kanäle wird ein Gasgemisch eingeleitet. So wird aus dem Bauch ein Gewölbe, in dem mit Lampe, Kamera und chirurgischem Gerät navigiert und gearbeitet werden kann. "Ich muss erst die Übersicht gewinnen, weil jeder Patient anders gebaut ist", erklärt Shang. Er fixiert die Leber mit einem Haken, damit sie ihm nicht die Sicht nimmt. Jeder Handgriff wird auf einen Monitor über dem OP-Tisch übertragen. Shang inspiziert das Magenumfeld und hebt den Dünndarm vorsichtig zur Seite. 9.36 Uhr gibt er das Kommando: "Wir durchtrennen den Magen". So reduziert er das Fassungsvermögen des Organs von 1,5 Liter auf 20 Milliliter. Der große "Rest-Magen" erhält einen neuen Dünndarmanschluss, über den künftig die Verdauungssäfte fließen. "Roux-Y-Magenbypass" lautet die Fachbezeichnung für die komplizierte Operation. Nachdem die Millimeterarbeit vollbracht ist, zieht sich Shang zurück. Zweieinhalb Stunden nach der Erstinspektion sind die "Knopflöcher" in der Haut geschlossen. Steffi Fützenreiter hat alles gut überstanden.

In knapp zwei Wochen wird sie bereits 20 Kilogramm verloren haben. Ihr Stoffwechsel wird umgestellt, der Biorhythmus auf Genügsamkeit programmiert. "Am schnellsten schmilzt das Bauchfett", sagt Shang. Bis zu ihren Wunschgewicht von 85 Kilogramm ist es aber ein weiter Weg. Zuletzt wog Fützenreiter 150 Kilogramm. Der Eingriff allein ist zudem kein Erfolgsgarant. Die Patienten müssen vor allem ihren Lebensstil ändern. "Bevor die Patienten auf dem OP-Tisch liegen, kennen wir sie schon Jahre lang", berichtet Lars Dietrich, Leiter der Ernährungsmedizin im IFB. Die Operation sei die "ultima ratio", das letzte, was machbar ist. Zuvor müssen alle anderen Therapiemöglichkeiten genutzt worden sein.


Steffi Fützenreiter (Mitte) wird in der Ernährungsberatung des IFB betreut.
Steffi Fützenreiter (Mitte) wird in der Ernährungsberatung des IFB betreut.

Foto: Waltraud Grubitzsch

"Am wichtigsten ist es, es nicht erst bis zum Übergewicht kommen zu lassen", betont Isabelle Keller von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in Bonn. Sitzen schon zu viele Pfunde auf den Rippen, gibt es nur zwei Stellschrauben: Entweder die Energieaufnahme wird reduziert oder der Energieverbrauch erhöht. Das Adipositasproblem sei in Deutschland bereits so ausgeprägt, dass mit allen Altersklassen intensiv gearbeitet werden muss. Keller: "Es geht um die Änderung des Lebensstils." Operationen sieht Keller als letztes drastisches Mittel. Jeder Einzelfall sei sehr genau zu prüfen.

In Deutschland werden pro Jahr etwa 4500 bis 5000 fettleibige Patienten am Magen operiert. Bypässe, Schlauchmägen, Magenbänder - es gibt unterschiedliche Varianten. Mit dieser Anzahl gilt die Bundesrepublik laut Shang als Schlusslicht in Europa, obwohl der Bedarf nach Einschätzung des Chirurgen mittlerweile hierzulande am größten ist. Ein hoher Anteil der Betroffenen sei aus eigener Kraft nicht mehr in der Lage, Körperfett zu reduzieren, weil die Beweglichkeit bereits massiv eingeschränkt ist und der Hunger permanent nagt.

Das Problem wird immer dramatischer, die Kosten für die Behandlung von Schwergewichtigen steigen. Schon jetzt werden knapp fünf Prozent aller Gesundheitsausgaben in den Industrieländern für die Behandlung der Adipositas und ihrer Folgen aufgewendet.

Vor diesem Hintergrund sagt Shang mittelfristig steil ansteigende Operationszahlen voraus: "Es ist erwiesen, dass durch starken Gewichtsverlust die Mehrzahl der Altersdiabetes-Patienten geheilt werden". Bei den Krankenkassen beobachtet er ein Umdenken. "Sie erkennen langsam, dass eine OP für 7800 Euro ein Schnäppchen ist im Vergleich zur aufwändigen Behandlung von Gefäßleiden oder Diabetes."

Patientin leitet Selbsthilfeverein

Fützenreiter hatte mit ihrer Krankenversicherung kein Genehmigungsproblem. Gut möglich, dass der lange Leidensweg der verheirateten Mutter von drei erwachsenen Töchtern dabei auch eine Rolle spielte. "Ich hatte am Ende die Nase restlos voll", sagt sie.

Dem IFB-Team bleibt die temperamentvolle Frau treu. Als Chefin des Leipziger Selbsthilfevereins Adipositas versteht sie sich als Mutmacher und Berater. "Meine Moppelgruppe ist mir ans Herz gewachsen", sagt sie und ergänzt, dass ein Großteil der Aktiven auch am Magen operiert wurde und deshalb unter ärztlicher Kontrolle bleiben muss.

 
erschienen am 12.05.2011 ( Von Samira Sachse )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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