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Kritiker des digitalisierten Alltags: Neurowissenschaftler und Buchautor Manfred Spitzer, hier 2014 bei einem Vortrag in Leipzig.

Foto: Hendrik Schmidt/dpa

"Maximale Verdummung von Kindern"

Für seine Thesen zur "Digitalen Demenz" ist Professor Manfred Spitzer geschmäht und gefeiert worden - Jetzt ist sein neues Buch da

erschienen am 04.11.2015

Zu viel Internet und Zocken an der Playstation macht dick, dumm und aggressiv - so wurde der 2012 erschienene Bestseller "Digitale Demenz" von Professor Manfred Spitzer gern zusammengefasst. Der Psychiater und Neurowissenschaftler sagt selbst, für seine Thesen habe ihn ein Shitstorm ereilt. Doch an seinen Warnungen vor der Onlinewelt hält der 56-Jährige fest. In seinem jetzt erschienenen Buch "Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert" vergleicht Spitzer die Risiken ständiger Smartphone-Nutzung gar mit denen des Rauchens. Andreas Rentsch sprach mit ihm.

Professor Spitzer, Sie beschreiben ein neues Zivilisationsleiden. Was ist das - "cyberkrank"?

Es ist für mich ein Sammelbegriff für die krankhaften Veränderungen, die durch digitale Informationstechnik ausgelöst werden und die wir beobachten können.

Wie kommen Sie darauf, dass es so schlimm um uns steht? Ist dafür der Begriff Krankheit gerechtfertigt?

Als ich "Digitale Demenz" schrieb, ging es mir vor allem um die negativen Auswirkungen intensiver Me diennutzung auf unser Denkvermögen. Es sind seit 2012 viele Studien zu Auswirkungen digitaler Informationstechnik erschienen, und in vielen von ihnen ging es um anderes: Ängste, Depressionen, Schlafstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen - also um Krankheiten, die in mein Fachgebiet, die Psychiatrie, fallen. Zugleich haben wir erlebt, wie sich das Smartphone rasend schnell verbreitet hat und sich massiv negativ auf Bildung und soziale Entwicklung junger Menschen auswirkt.

Sie warnen speziell vor Gefahren für Kinder und Jugendliche. Wenn man weiß, dass 12- bis 16-Jährige derzeit 7,5 Stunden täglich Bildschirmmedien nutzen, kommt diese Warnung ziemlich spät.

Solche Warnungen kommen immer zu spät. Nehmen Sie das Rauchen: Hier hat es über ein halbes Jahrhundert gedauert von der Einsicht, dass Rauchen Lungenkrebs verursacht, bis zu Gesetzen, die Zigarettenwerbung verbieten und das Rauchen einschränken. Während dieser Zeit starben sieben Millionen Menschen an den Folgen des Rauchens. Die Tabaklobby hatte ganze Arbeit geleistet. Jetzt haben wir wieder eine Lobby - Google, Apple, Facebook, Microsoft und Co. -, die behauptet: Digitale Medien machen klug, sozial und sind genial für den Unterricht. Richtig ist hingegen, dass Computer und Tablets in der Schule die Leistungen verschlechtern - insbesondere die der schwächeren Schüler.

Was ist schlecht daran, wenn ein Kind scheinbar intuitiv auf einem Touchscreen herumwischt oder -tippt? Zeigen sich hier nicht auch Lerneffekte?

In Wahrheit ist es das Verheerendste für die Gehirnentwicklung. Gerade kleine Kinder müssen die Dinge ergreifen, um sie zu begreifen! Es ist nachgewiesen, dass die sensomotorische Entwicklung entscheidend für die Entwicklung höherer geistiger Leistungen ist. Schauen Sie einem vierjährigen Kind zu, wie es mit einer Nadel, einem Schlüssel oder anderen komplizierten Gegenständen wunderbar hantiert. Diese Handgriffe lernt es nicht, wenn es mit immer gleicher Handbewegung über eine Glasoberfläche wischt. Das ist eine maximale Verdummung der Sensomotorik. Man muss deshalb vor der Benutzung von Tablets im Kindergarten-Alter warnen.

Das heißt, Sie argumentieren auch dagegen, Kinder altersgerechte Apps nutzen zu lassen?

Ja, die sind Quatsch. Leute, die damit Geld verdienen, erzählen Ihnen natürlich was anderes. Aber da geht es um Kommerz, nicht um die Kinder.

Aber wann und wie ist denn dann die Nutzung digitaler Informationstechnik aus Ihrer Sicht akzeptabel?

Im Grunde ist es einfach: In der Kindheit und Jugend sollte die Freizeit nicht mit digitalen Medien gestaltet werden. Kinder gehören raus in die Natur, zum Sport. Sie lernen Musik nicht mit einer App, sondern, indem sie ein Instrument in die Hand nehmen oder auf Kochtöpfen trommeln. Was bleibt, ist die Verwendung als Werkzeug. Doch wenn die Frage lautet, ob digitale Medien Bildungswerkzeuge sind, lautet meine Antwort: Nein. Wenn wir in einem Buch lesen, dann merken wir es uns besser, als wenn wir es googeln. Wer in einer Vorlesung mittippt, behält weniger als der, der mitschreibt. Das Alter, ab dem digitale Technik der Entwicklung von jungen Menschen nicht mehr schadet, ist schwer zu ermitteln. Bei 16-Jährigen sind Schäden definitiv noch deutlich, mit 18 darf jeder, was er will. Immer gilt: Die Dosis macht das Gift.

Es entspricht aber nicht der Realität, dass Jugendliche erst mit 16 Jahren beginnen, ein Smartphone zu benutzen.

Genau dies ist ja das Problem! Wir haben noch nicht begriffen, wie schädlich digitale Medien für die Gesundheit und Bildung junger Menschen sind. Übrigens fallen Smartphones und Spielkonsolen ja nicht vom Himmel. Wir kaufen sie! Und wenn wir so etwas kaufen, um es an unsere Kinder zu verschenken, müssen wir überlegen: Tut es ihnen gut? Die Antwort ist: Nein. Also kaufen wir es ihnen nicht. Punkt, aus, Schluss.

Dann gilt es allerdings den Gruppendruck auszuhalten, weil alle anderen ein Smartphone haben.

Dafür sind Eltern eben zuständig. Da ist die Sorge, dass man sein Kind zum Außenseiter macht, wenn man ihm Smartphone, Facebook oder WhatsApp verbietet. Ich sage, es ist genau umgekehrt: Wer zu viel Facebook und WhatsApp benutzt, wird empathielos und asozial.

Das Gegenargument: Wer bei Facebook viele Freunde hat, ist auch sozial gut vernetzt. Was sagen Sie dazu?

Facebook-Kontakte sind häufig keine sozialen Kontakte. Am Bildschirm lernen Kinder weder Empathie noch das Verstehen von Mimik, Gestik oder Sprachmelodie im Hinblick auf den affektiven Hintergrund einer Äußerung.

Sie schreiben im Buch, Facebook erzeuge Stress und eine ständige Angst, etwas zu verpassen. Fällt Ihnen gar nichts Positives zu den sozialen Netzwerken ein?

Facebook macht unzufrieden und unglücklich, alles andere erzählt Ihnen die Lobby. Von den Risiken und Nebenwirkungen spricht keiner. Daher mache ich das als Arzt.

Sie zählen noch andere Effekte auf. In einem Kapitel heißt es: "Wir wissen zwar, dass uns das digitalisierte Leben den Schlaf raubt, wir wissen jedoch nicht, warum dies im Einzelnen so ist." Was vermuten Sie?

Wenn Teenager kurz vorm Schlafengehen noch schnell ihr Smartphone checken, dann wirkt das bläuliche Licht des Bildschirms auf die innere Uhr des Körpers ein. Es suggeriert, dass noch Tag ist. Damit wird die Freisetzung von Melatonin gehemmt, die wir zum Einschlafen brauchen. Das kostet bis zu zwei Stunden Schlaf, und die innere Uhr wird verstellt. Am nächsten Morgen döst der junge Mensch vor sich hin, weil er noch müde ist.

Sie schildern noch ein anderes, neues Phänomen namens Nomophobie - die Angst, vom eigenen Smartphone getrennt zu sein. Ein verbreitetes Leiden?

Dazu gibt es interessante Experimente: Wenn ein Proband mal fünf Minuten lang nicht ans Smartphone gehen soll, steigen messbar Blutdruck und Puls, wenn es dann genau in dieser Zeit klingelt. Gleichzeitig nimmt die geistige Leistungsfähigkeit auf etwa die Hälfte ab. Eine andere Studie hat gezeigt, dass Jugendliche ein dreifach erhöhtes Risiko für erhöhten Blutdruck haben, wenn sie viel im Internet unterwegs sind.

Welches Vorgehen schlagen Sie besorgten Eltern also vor?

Die Nutzung digitaler Informationstechnik ist etwas, wovor man Kinder bis zu einem gewissen Alter - mindestens dem 14. Lebensjahr - schützen muss.

Die Lebenswirklichkeit in vielen Familien ist oft eine andere.

Ja, und noch einmal: Genau das ist das Problem! Kritiker werfen mir vor, ich sei zu radikal, aber bedenken Sie doch: Wenn wir wissen, dass Alkohol der kindlichen Entwicklung schadet und süchtig macht, veranstalten wir doch auch kein Alkohol-Kompetenztraining in Kitas und Grundschulen! Vielmehr schützen wir unsere Kinder, bis sie alt genug sind und die Chance haben, damit sinnvoll umgehen zu können.

Viele Eltern taugen beim Umgang mit digitaler Informationstechnik nicht gerade als Vorbild.

Das stimmt. Wenn Erwachsene beim Abendessen an ihr Smartphone gehen, werden ihre Kinder das auch bald tun. Damit ist die gemeinsame Mahlzeit zerschossen. Beim Essen geht es doch nicht bloß darum, den Magen zu füllen, sondern den vergangenen oder morgigen Tag zu besprechen, Freud und Leid zu teilen.

Der Zukunftsforscher Matthias Horx hat kürzlich prognostiziert, eines Tages werde Onlinesucht genauso sanktioniert wie Rauchen heute. Ist da nicht ein Umdenken im Gange?

Natürlich. Es gibt immer mehr kritische Stimmen. Langfristig wird die Gesellschaft lernen, auch mit digitaler Informationstechnik vernünftig umzugehen. Aber wenn man weiß, wie lange das beim Rauchen gedauert hat, kann ich nur hoffen, dass es diesmal schneller geht.

Prof. Manfred Spitzer ist ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm. Sein Buch "Cyberkrank" ist am Montag beim Droemer-Verlag erschienen.

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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Kommentare
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Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 15.11.2015
    09:03 Uhr

    diklu: Liebe(r) finnas, danke für Ihren Hinweis. Stimmt, an dieser Stelle muss ich Selbstkritik üben. Ich hätte besser "Rückgriff" anstelle von "Fall-Back" schreiben sollen. Man erkennt daran, dass selbst Gehirne, die das überhaupt nicht wollen, manipulierbar sind, sofern man sie nur lange genug entsprechenden Einwirkungen aussetzt. :-) Nun weiß ich leider nicht, wer Sie sind und ob wir uns vielleicht sogar durch die Arbeitswelt persönlich kennen. Sollte letzteres zutreffen, so könnte ich Ihren Einwand auch als Anspielung auf meinen kritischen Beitrag bezüglich der zunehmenden Anglifizierung unserer firmeninternen Kommunikation verstehen, welchen ich voriges Jahr verfasste und in dem ich ausdrücklich meinen Stolz auf unsere deutsche Muttersprache betonte. (?)

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  • 14.11.2015
    17:39 Uhr

    finnas: Lieber diklu, ein Fall-Back auf unsere schöne deutsche Sprache scheint auch nicht mehr möglich zu sein.

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  • 14.11.2015
    13:40 Uhr

    diklu: Abschließend noch ein paar Bemerkungen zur Systematisierung der IT-Gefahren und der daraus resultierenden Kritik. Aus meiner Sicht muss man in diesem Kontext zwei wesentliche Kategorien unterscheiden. Erstens die gesundheitliche Gefährdung bei übertriebener IT-Nutzung, welche in den Büchern von Professor Spitzer ausführlich behandelt wird. Zweitens ist da die hochgradige Komplexität, Kurzlebigkeit und Störanfälligkeit der IT-Komponenten, im Vergleich zu konventionellen Methoden der Informationsspeicherung und -verarbeitung, zu nennen. Störanfälligkeit und Kurzlebigkeit sind a) physikalisch determiniert (wobei der II. Hauptsatz der Thermodynamik und dessen Wirkung auf die Hardware maßgeblich ist) und b) vom Menschen initiiert - soll heißen, eine Folge des ungebremsten, marktorientierten Veränderungsfetischismus (betrifft sowohl Hard- als auch Software). Dies kann den unwiederbringlichen Verlust wichtiger Daten für einzelne Individuen bzw. Gruppen von Menschen und schlimmstenfalls den Kollaps großer Teile der gesellschaftlichen Infrastruktur nach sich ziehen, denn ein Fall-Back auf weitgehend IT-freie Methoden scheint inzwischen kaum noch realisierbar zu sein. Kategorie 2 hat freilich auch signifikante Rückwirkungen auf Kategorie 1. Ich sehe der Vollendung meines 57. Lebensjahres entgegen und bin leider seit Jahrzehnten gezwungen, mir meinen Lebensunterhalt als Mitarbeiter der IT-Abteilung eines mittelständischen Unternehmens zu erarbeiten. Diese Tatsache hat mich für die Problematik der (negativen) Auswirkungen der Übercomputerisierung auf uns Menschen sehr sensibilisiert, denn ich bin selbst davon betroffen und habe Mühe, mir angesichts der täglichen Erlebnisse am Arbeitsplatz bis zum ersehnten Erreichen des Rentenalters die psychische Gesundheit zu bewahren.

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  • 13.11.2015
    19:20 Uhr

    diklu: Vor (historisch betrachtet) noch nicht allzu langer Zeit hatten sich Pioniere auf dem Gebiet der Computertechnik das Ziel gesetzt, mit ihren Erfindungen bzw. Entwicklungen die Arbeits- und Lebensabläufe der Menschen zu erleichtern. Mittlerweile muss man aber leider feststellen, dass die ökonomischen Machthaber aus Profitgründen in zunehmendem Maße bestrebt sind, diese Techniken zu missbrauchen - quasi als moderne Formen von Fessel und Peitsche. Dabei schrecken sie nicht vor Versuchen zurück, bereits Kinder mit ihren Machenschaften zu überziehen und überdies auch Personen fortgeschrittenen Alters, deren größter Teil ihrer biologischen Existenz schon der Vergangenheit angehört. Man sollte also bei der IT-Nutzung nicht unreflektiert jeden "Mist" mitmachen, sondern sich stets ein gesundes Augenmaß bewahren.

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  • 05.11.2015
    12:40 Uhr

    Interessierte: Dieser Artikel wird in meiner Post so angeboten :
    "Macht uns das Internet krank?"

    NEIN - das Internet macht niemanden krank !
    Der Staat macht krank ...
    Die Machtmenschen machen krank ...
    Die Arroganz dieser Menschen macht krank ...
    Die demokratische Diktatur macht krank ...
    Der Umgang mit den Menschen macht krank ...
    Die neuerlichen Sklavenhaltermanieren macht krank ...
    ( oder sind die im Westen niemals abhanden gekommen ???

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