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Mirjam will bald Elmira heißen

Seit 2005 haben fast 2100 Sachsen ihren Vornamen geändert

Von Jan Oechsner
erschienen am 06.10.2010

Chemnitz/Seiffen. Der Grund, warum Mirjam nicht mehr Mirjam heißen möchte, ist unschön. "Der Name bedeutet Bitterkeit, Betrübnis, Widerspenstigkeit. Als meine Eltern ihn mir gaben, kannten sie seine Bedeutung nicht. Sonst hätten sie mich sicher nicht so genannt."

Das war 1989. Heute ist Mirjam Werner 21 Jahre. Sie lebt in Seiffen, ist Christin. Und sie will künftig Elmira heißen. "Mit dem Namen und dessen Bedeutung wird dem Kind ein Segen mit ins Leben gegeben. Er hat Einfluss auf die Persönlichkeit und den Charakter." Und weil Mirjam diesen Segen bei sich eher als Fluch empfindet, liegt seit fünf Wochen beim Standesamt in Marienberg der Antrag auf Namensänderung vor.

Mirjam Werner ist nicht die Einzige. Seit 2005 haben 2082 Sachsen ihren Vornamen offiziell ändern lassen. Allein im vergangenen Jahr gingen deshalb 435 Personen zum Standesamt - in 371 Fällen wurde dem Antrag stattgegeben, so eine Statistik des sächsischen Innenministeriums.

Mirjam Werner Mirjam Werner kämpft um ihren neuen Namen.

Foto: privat

"Immer mehr Menschen fühlen sich mit ihrem Vornamen extrem unwohl und wollen ihn ändern lassen", sagt Gabriele Rodriguez von der Namensberatung der Universität Leipzig. Mittlerweile gebe es bei ihr mehr als 100 Anfragen im Jahr. Das war früher spürbar weniger. Die Gründe, so die Expertin, sind sehr verschieden. So kann für viele Menschen der tägliche Umgang mit dem Vornamen langsam aber sicher zur Last werden. Beispiel Perkey: So heißt eine Frau aus der Region, erzählt Rodriguez. "Sie hat unter dem Vornamen gelitten, weil sie in Emails oder Briefen oft als Mann angesprochen wurde."

Schweres Schicksal: Bitterkeit nach Tod der Schwestern

Auch Mirjam hat gelitten. "Oft haben andere über die Bedeutung des Namens gelacht oder mir bestätigt, dass diese gewisse Widerspenstigkeit zu mir passe", so die 21-Jährige. Und gibt zu: "Ja ich war oft sehr widerspenstig, vor allem meinen Eltern gegenüber." Doch auch, weil sie mehrere schwere Schicksalsschläge als Kind zu verkraften hatte. "Ich habe meine zwei kleinen Schwestern verloren. Das eine war ein Unfall, das andere war der Krebs." Da passte zu Mirjam der Name Mirjam. Da war sie lange Zeit voll Bitterkeit, voller Betrübnis.

Gabriele Rodriguez Gabriele Rodriguez: "Immer mehr ändern ihren Vornamen."

Foto: Uni Leipzig

Dabei suchte sie in ihrem Innersten Friede und Halt. Beides hat sie in Gott gefunden, wie sie sagt. Und eines Tages gab ihr der Gemeindeleiter den Namen Elmira. Vielleicht weil auch er spürte, dass Mirjam der falsche Name für die aufgeweckte, heute so lebensfrohe Frau ist, die einen Neuanfang im Leben möchte. Dafür kämpft sie bei den Behörden. Ein Gutachten einer Psychologin, das Mirjams seelisches Leid wegen des eigenen Namens attestiert, liegt dem Antrag bei.

Elmira bedeutet Gottes Fürstin, so die junge Frau. "Ich will aber keine Herrschaft, sondern gern die Fürstin für Gott sein. Seine Ziele und Pläne für mich und diese Welt umsetzen." Das ist das Gegenteil von Bitterkeit, Betrübnis, Widerspenstigkeit. Weil Elmira das Gegenteil von Mirjam ist.

Mirjams Eltern konnten nicht ahnen, dass ihre Tochter zwei Jahrzehnte später gegen ihren Namen kämpft. Andere Eltern begehen dagegen regelrechte Sünden. "Viele suchen immer öfters außergewöhnliche Namen aus, damit ihr Kind in der Globalisierung trotzdem etwas Besonderes und Individuelles bleibt." Oder: Papa und Mama einigen sich auf den Namen eines Rockstars oder eines Filmstars - mindestens elf Prozent in Deutschland tun dies. Kevin aus "Kevin allein zu Haus" lasse grüßen. Rodriguez: "So gefundene Namen sind schnell wieder unmodern - und später dann oft unbeliebt."

Können Kinder, die Emma Tiger heißen, später glücklich sein?

Ein Phänomen, welches Wissenschaftler auch im größeren Rahmen nachweisen. So sind nur 78 Prozent aller Deutschen mit ihrem Vornamen vollkommen zufrieden, hat Meike Watzlawik festgestellt. Die Forscherin verglich in einer internationalen Studie für die TU Braunschweig die Aussagen von Bürgern mehrerer Staaten. Ergebnis: 22 Prozent der Bundesbürger mögen ihren Vornamen nicht besonders oder lehnen ihn sogar regelrecht ab - in Korea beispielsweise ist es gar fast ein Drittel, in Brasilien nur 17 Prozent. "Deutschland liegt noch im Mittelfeld", so Watzlawik.

Auch Udo Rudolph, Psychologe an der TU Chemnitz, fand heraus, dass Eltern sich heute weniger an familiäre und religiöse Traditionen orientieren als noch in den 1950er-Jahren: Der am häufigsten genannte Grund bei der Namenswahl für die Kinder sei Modernität. Rudolph empfiehlt aber, Kindern zeitlose Namen zu geben. Weder exotische, die sie stets buchstabieren müssten, noch solche, an denen man noch im hohen Alter ihr Geburtsjahrzehnt ablesen kann. Die Kinder sollen mit ihrem Namen ja ihr Leben lang glücklich sein.

Nicht alle halten sich an solche Hinweise - einige drehen den Spieß gar um. So wurden von Eltern besonders ausgefallene Namen regelrecht vor Gericht erstritten - etwa Emma Tiger, Emilie-Extra oder November. Letzterer wurde zuerst für einen Jungen gerichtlich abgelehnt, später als Zweitname aber genehmigt. Er ist inzwischen auch für Mädchen erlaubt.

Oder der Name Anderson: Er war sogar ein Fall fürs Bundesverfassungsgericht. Er wurde zuerst mit der Begründung, es handele sich um einen Nachnamen, abgelehnt. Dann sagten die Richter: Vornamen mit der Endung -son haben sich in Deutschland mittlerweile durchgesetzt.

Mirjam Werner indes hofft, bald auch offiziell Elmira heißen zu dürfen. Vielleicht haben die Behörden ein Einsehen und beeilen sich. Denn sie will demnächst auch noch ihren Nachnamen ändern. Mit dem hat sie zwar keinerlei Probleme, aber trotzdem muss es sein. Der Grund ist diesmal aber ein sehr schöner: Sie heiratet ihren Freund. Dann will Mirjam Werner für immer Elmira Sasek heißen.

 
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