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Foto: Caroline Seidel/dpa

Mit dem Kopf durch die Wand

Die Pädagogin und Buchautorin Ingrid Löbner spricht über trotzige Kinder, Eltern im Dauerstress und zu starre Regeln.

erschienen am 20.03.2017

Kinder sind heute oft überdreht und aggressiv, wollen möglichst immer mit dem Kopf durch die Wand. Das lässt Eltern verzweifeln. In ihren Büchern empfiehlt Ingrid Löbner aus Tübingen Eltern Gelassenheit. Wie das im Alltag geht, wollte Stephanie Wesely von ihr wissen.

Frau Löbner, Sie plädieren für eine entspannte Erziehung ohne allzu straffe Regeln. Ist das nicht längst der Fall? Man braucht sich doch nur einmal umzusehen.

So scheint es oft, aber die Eltern sind eher verunsichert, wissen nicht, wo sie die Zügel lockerer lassen können und wo nicht. Von den Großeltern hören sie, sie dürften sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen, und die Wissenschaft rät, Kinder nicht zu stark zu reglementieren. Ja, was denn nun?

Ja, was denn nun?

Alles zu seiner Zeit. Ein Beispiel: Ein Dreijähriger wollte vor dem Mittagessen ein Eis und wiederholte diesen Wunsch anhaltend. Die Eltern waren dagegen, machten jedoch eine Ausnahme, weil Besuch da war. Das Kind bekam sein Eis und aß trotzdem das Mittagessen. Wenn ein Kind, besonders im klassischen Trotzalter, etwas mitbestimmen darf, ist es auch kooperativ. Manchmal hilft es also, Kompromisse zuzulassen, zum Beispiel die Reihenfolge des Essens zu lockern.

Es soll also möglichst nach dem Kopf des Kindes gehen?

Nein. Im Kleinkindalter, der Trotzphase, entdecken die Kinder ihren Willen. Manche Dinge darf man sie dann mitentscheiden lassen, die Essensreihenfolge oder welche Tasse es gern möchte, zum Beispiel. Probleme von großer Tragweite, wenn es um die Sicherheit oder Gesundheit geht, natürlich nicht. Die Eltern sollten sich deshalb einig sein, welche Regeln ihnen wichtig sind und diese auch konsequent vertreten. Es ist doch gut, wenn Kinder auch ihren Willen kundtun und mit den Eltern verhandeln. Kompromisse zu finden, statt ausschließlich Gehorsam zu fordern, bestärkt die Kinder, später eine Meinung zu vertreten, sich nicht nur den Mächtigen zu unterwerfen. Und der Disput mit den Eltern ist ein Training dafür. Es ist die Basis unserer Demokratie.

Aber wie macht man Kindern klar, bei welchen Fragen sie kein Vetorecht haben?

Durch eine knappe und klare Ansage. Zum Beispiel: "Weil ich deine Mama bin, weiß ich, dass dir dies oder jenes nicht gut tut. Deshalb sage ich das jetzt. Wenn du mal Mama oder Papa bist, darfst du bestimmen, jetzt noch nicht." Und bitte keine endlosen Diskussionen, das überfordert Kinder und die Eltern gleich mit.

Gutes Stichwort: Ist es nur so ein Eindruck, oder sind Eltern heute eher überfordert als früher?

Ihr Gefühl entspricht schon der Realität. Die Zeit ist hektischer, die Arbeitsbelastung höher. Da haben viele Eltern abends keine Kraft mehr für ihre Kinder. Hinzu kommt, dass die Kinder viel mehr Zeit in der Wohnung verbringen als früher. Früher wurde im Hof mit den vielen anderen Kindern gespielt. Da saß kein Erwachsener dabei, um aufzupassen. Die nutzten dann die Zeit, um den Haushalt zu erledigen. Das Draußenspielen ist heute selten geworden und die Eltern sind im Dauerstress. Einen Ausweg suchen sie dann, indem sie ihre Kinder bei allen möglichen Freizeitangeboten anmelden. Das nennt man dann frühkindliche Bildung.

Das klingt sehr negativ. Halten Sie nichts von frühkindlicher Bildung?

Ganz klar nein. Es bringt keine Vorteile in der Schule oder im späteren Leben. In den letzten 30 Jahren ist das Kursangebot für kleine Kinder drastisch gestiegen. Doch dahinter steckt eine falsche Vorstellung, wie Kinder klug werden. Und auch Kommerz. Schauen Sie sich einmal die Genies früherer Zeiten an. Sie kommen nicht selten aus einfachen Elternhäusern, wo kein Bildungsdrill herrschte. Kinder erkunden spielend ihre Welt. Um klug zu werden, brauchen sie die tiefe Liebe ihrer Eltern und viel körperliche Nähe. Mutter oder Vater sollten das Kind oft auf den Schoß nehmen und mit ihm erzählen. Kinder brauchen Zeit zum Trödeln und Spielen, eine anregende Umgebung, am besten in der Natur. Es muss nicht das teuerste Spielzeug sein. Einfache Dinge, die ihre Fantasie beflügeln, sind besser.

Sie sagen aber selbst, dass das heute nicht mehr geht.

Doch. Statt von einem Bildungsangebot zum nächsten zu hetzen, sollte man versuchen, mit Nachbarn in Kontakt zu kommen, die auch Kinder haben. Man kann gemeinsame Spielzeiten vereinbaren, wo mehrere Kinder zusammenkommen, mal passen die einen Eltern auf, mal die anderen.

Viele Kitas profilieren sich mit Bildungsprogrammen. Ist das falsch?

So, wie es jetzt oft gemacht wird, ja. Kinder, die bereits im Vorschulalter Sätze auf Englisch sprechen können, haben in der Schule keine Vorteile. Hirnforscher sprechen sogar von Dressur. Wirkliche Intelligenz und Klugheit entwickelt sich in kreativen Gehirnen. Und es ist nachweislich das kindliche Spiel, das das Gehirn plastisch und hochkreativ werden lässt, nicht die frühe Wissensvermittlung. Die Kita hat aber durchaus Bildungsaufgaben. Sie sollte ein Ort sein, wo Kinder viel spielen können und die Regeln des menschlichen Zusammenlebens erlernen. Dazu dienen die Klassiker - Kreisspiele, gemeinsames Singen und Rollenspiele. Sie fördern die Kreativität und ein angstfreies Miteinander. Kinder sind begeisterte Beobachter, wenn man sie lässt und ihre Begeisterung pflegt, zum Beispiel in der Natur: Sind die Vögel aus Afrika schon wieder da? Was tut sich alles an einem Bach? Das ist für mich wirkliche frühkindliche Bildung.

Aufräumen und Schlafen bezeichnen Sie als Klassiker der Erziehungsprobleme. Ihre Tipps?

Intensives Spielen erfordert hohe Konzentration. Deshalb haben kleine Kinder danach nicht sofort die Kraft zum Aufräumen, zumindest nicht alleine. Ich rate, es mit ihnen gemeinsam und spielerisch zu tun, die Autos zum Beispiel in eine fiktive Garage stellen, das Bausteindepot für den nächsten Tag auf die "Baustelle" des Kindes zu schaffen, Puppen schlafen zu legen und so weiter. Das ist ein gutes Ritual, mit dem die Kinder spüren, dass jetzt bald Zeit zum Schlafen ist.

Bei manchen gibt es jeden Abend Krach, wenn es ins Bett geht.

Das macht es leider oft schlechter, denn Streit bedeutet Aufregung und verhindert Ruhe. Schlaf braucht eine ruhige Atmosphäre. Sind die Kinder noch klein, dürfen sich Eltern gerne mit hinlegen, ab dem zweiten bis dritten Lebensjahr hörbar in der Nähe sein, damit Kinder ohne Ängste in den Schlaf finden. Und wenn alles nicht klappt, hilft oftmals wieder ein Kompromiss: zum Beispiel, sie noch kurz etwas spielen zu lassen und es dann erneut zu versuchen.

Der Stress mit dem Schlafen geht ja bei vielen schon ganz früh los, bei Schreikindern zum Beispiel. Was hilft diesen Eltern?

Die Ursache dafür liegt neben möglichen schwierigen Situationen in der Familie auch in der Schwangerschaft oder Geburt begründet. Viele betroffene Mütter hatten hier Stress oder Ärger. Kinder wollen auch in Ruhe geboren werden. Hektik im Kreißsaal oder Mittel, die die Geburt beschleunigen, werden von manchen Kindern als Stress, manchmal auch traumatisch erlebt. Sie drücken Stress durch starkes Schreien aus. Ich empfehle den Müttern, ihre Kinder dann viel zu stillen. Der Geruch, die Wärme, das Saugen in großer Geborgenheit gibt den Säuglingen Ruhe und Vertrauen zurück, sie entspannen wieder tief und lassen den Stress los. Auch wer nicht stillt, kann Haut- und Körperkontakt ermöglichen. Betroffene Eltern sollen sich unbedingt Hilfe holen, sie sind nicht schuld am Schreien und finden alleine oft nicht aus dem Teufelskreis der Unruhe heraus.

Mehr dazu gibt es in den Büchern von Ingrid Löbner: "Gelassene Eltern - glückliche Kinder" (ISBN: 978-3-903072-20-6; 19,99 Euro), sowie "Erziehen mit Mut und Muße - was Babys, Klein- und Vorschulkinder wirklich brauchen" (ISBN: 978-3-903072-47-3; 20 Euro), ab heute im Handel.

privat

Foto: Ingrid Löbner

Die Therapeutin

Ingrid Löbner (60) ist Pädagogin, psychoanalytische Beraterin, Körper- und Traumatherapeutin. Sie arbeitet bei Pro Familia in Tübingen, berät dort Eltern mit Schreibabys und schwierigen Kleinkindern. Löbner ist Mutter und Großmutter.

 
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