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Foto: Matthias Bein/dpa-Archiv

Multiresistente Keime in Sachsen auf dem Vormarsch

In sächsischen Krankenhäusern steigt die Zahl der Infektionen mit resistenten Keimen. Schuld ist der sorglose Umgang mit Antibiotika.

Von Ulrike Nimz (Text) und Jürgen Freitag (Grafik)
erschienen am 20.11.2014

Chemnitz.  In Deutschland ist die Zahl der Infektionen mit antibiotikaresistenten Keimen in den vergangenen drei Jahren stark gestiegen. Das geht aus Abrechnungsdaten deutscher Krankenhäuser hervor, die im Zuge gemeinsamer Recherchen der Wochenzeitung Die Zeit, der Funke-Mediengruppe und des Journalistenbüros Correctiv ausgewertet wurden. In Sachsen sind vor allem das Vogtland und die Stadt Leipzig betroffen. Im Vogtland wurden im Jahr 2013 bei elf von 1000 Patienten resistente Erreger nachgewiesen. Den größten Anteil machte dabei das Staphylokokkus aureus (MRSA) aus. In Mittelsachsen kamen im vergangenen Jahr auf 1000 Patienten sechs Fälle von resistenten Erregern, im Erzgebirgskreis sieben, in Zwickau fünf, in Chemnitz vier.

Insbesondere resistente Darmkeime (VRE und ESBL) werden immer häufiger diagnostiziert. Dramatisch stellt sich die Lage in der Stadt Leipzig da. 2013 rechneten Krankenhäuser hier 17 Behandlungen von resistenten Keimen pro 1000 Patienten ab. Deutschlandweit ist das der zweithöchste Wert. Die Zahl der Infektionen hat seit 2010 in allen Regionen Sachsens zugenommen, im Vogtland und dem Erzgebirgskreis hat sie sich nahezu verdreifacht.

Rückschlüsse auf die Situation in einzelnen Krankenhäusern lassen die Daten allerdings nicht zu. Das Bundesamt für Statistik beruft sich auf das Recht zur Geheimhaltung von Einzelangaben. Auch ob die Patienten sich während ihres Krankenhausaufenthaltes infizierten oder schon vorher Träger der Erreger waren, lässt sich nicht ablesen.

Das Bundesgesundheitsministerium geht von jährlich 7500 bis 15.000 Todesfällen durch antibiotikaresistente Erreger aus. Experten sind sich sicher, dass die Zahl höher liegt. Der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, Walter Popp, spricht von 30.000 bis 40.000 Todesfällen. Das Sächsische Gesundheitsministerium sowie der Verband der Krankenhausträger im Freistaat waren am Dienstag und Mittwoch für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Als Ursache für den Anstieg von Infektionen nennen Mediziner und Wissenschaftler die häufige Verschreibung von Antibiotika sowie deren Einsatz in der Tiermast. Zudem habe die Pharmaindustrie das Problem zu lange ignoriert, sagt Mathias Pletz, Leiter des Zentrums für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Jena. Während für den Krankenhauskeim MRSA neue Medikamente zur Verfügung stehen, habe man gegen einige resistente Darmkeime keine Handhabe mehr.

Weitere Informationen finden Sie unter www.zeit.de/MRE sowie www.mrsa.correctiv.org.

Die Superbakterien

Multiresistente Erreger (MRE) sind Bakterien, die gegenüber den meisten Antibiotika unempfindlich sind. Diese Eigenschaft ist im Erbgut vieler Bakterienstämme festgelegt ist und wird bei Vermehrung weitergegeben. Der Einsatz von Antibiotika hat über Jahrzehnte zu einem Überlebensvorteil jener Bakterienstämme geführt, die gegen eine wachsende Zahl von Wirkstoffen resistent sind und nun die empfindlicheren Bakterienstämme allmählich verdrängen.

MRSA: Der gegen das Antibiotikum Methicillin resistente Staphylococcus aureus kommt auf der Haut und Nasenschleimhaut des Menschen vor.
VRE: Darmkeime, die gegen das Antibiotikum Vancomycin resistent sind.

ESBL steht für eine Gruppe von Bakterien, die ein Enzym bilden, das Antibiotika unwirksam macht. Sind die gramnegativen Stäbchenbakterien gegen drei oder vier Antibiotikagruppen resistent, bezeichnet man sie auch als 3-MRGN oder als 4-MRGN.

Wie viele Menschen sind in Sachsen von resistente Erreger betroffen? Eine Übersicht nach Kreisen (pro 1000 Einwohner):

 

 
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Multiresistente Keime in Sachsen auf dem Vormarsch
Interview: "Das bekommen wir nicht in den Griff"
 
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Kommentare
6
(Anmeldung erforderlich)
  • 20.11.2014
    21:31 Uhr

    Interessierte: Besser für manche ...
    Hier im Wiki sieht das noch bißchen anders aus :
    "Multiresistente Keime: Diese Keime töten....
    ( siehe Deutschland-Karte )

    5 0
     
  • 20.11.2014
    15:57 Uhr

    Interessierte: Auf dieser Karte sieht das noch bißchen anders aus :
    Multiresistente Keime: Diese Keime töten....

    6 0
     
  • 20.11.2014
    14:19 Uhr

    Interessierte: Seite 2:
    Müsste nicht auch das Krankenhauspersonal regelmäßig getestet werden?
    ....
    Die meisten resistenten Keime werden durch Schmierinfektion übertragen......

    Das war an sich schon zu DDR-Zeiten bekannt und so viel wie ich weiß , ist man damit sehr , sehr sorgfältig umgegangen ...
    Und wenn ´doch` einmal etwas schief gelaufen war , dann hatte man gesagt : so etwas gäbe es im Westen nicht !
    ( woher man das nur wußte ??? )

    5 0
     
  • 20.11.2014
    12:17 Uhr

    kartracer: Solange die meisten Götter in weiß keine Meinungen an sich
    heran lassen wird sich diese Lage nicht verbessern!
    Ich hatte mir vor 12 Jahren nach schweren großflächigen
    Verbrennungen 3.Grades MRSA Keime, eingehandelt, in
    einer Rehaklinik. Was mir dort wieder fahren ist war der
    Horror pur, im Bezug auf Fachwissen und Hygiene.
    Große Teile bereits eingeheilter Transplantationsflächen
    und Spalthautentnahmestellen gingen wieder auf, wie nach
    einer Verätzung, mit unsagbaren Schmerzen.
    Nach 3 Wochen in Quarantäne, habe ich mich
    selbst entlassen. Da ich eine Oberärztin aus einer Chemnitzer
    Klinik kannte, habe ich mir Rat geholt, ob ich meine Frau,
    hoch querschnittsgelähmt, gefährden könnte.
    Sie sagte mir, ich sollte ca. 3 Tage den direkten Kontakt
    vermeiden, ich müsse dort auf jeden Fall raus, da ich die
    Keime in dieser Klinik sonst nie los werde.
    Zu Hause hätten sie die geringste Möglichkeit sich zu
    entwickeln und zu bestehen.
    Genau so kam es, meine Hautärztin hat innerhalb von zwei
    Wochen geschafft, die die großflächig wieder auf gegangenen
    Wunden, zu schließen, und die MRSA Keime waren auch
    verschwunden, das mußte ja alle 2-3 Tage getestet und an
    die Hygieneinspektion gemeldet werden.
    Ich habe in dieser Zeit keinerlei Medikamente und Antibiotika
    eingenommen, nur die Wundflächen wurden behandelt.
    Auf eine spätere telef. Konfrontation zu dieser Rehaklinik
    reagierte man einfach nur aggressiv und abweisend.
    Der Dilettantismus der dort von angeblichen Fachärzten
    für Brandverletzungen begangen wurde, ist unbeschreiblich.


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  • 20.11.2014
    10:28 Uhr

    A809626: Das Problem multiresistenter Keime, speziell resistent gegen die große pharmazeuthische Errungenschaft namens Antibiotika ist mindestens seit 20 Jahren bekannt - und wurde erfolgreich verdrängt. Warum wird denn Antibiotika in Größenordnungen verschrieben? Damit die Menschen schnell wieder auf Arbeit gehen können. Und wenn die Viehzucht/Stallwirtschaft der größte Verbraucher mit dem sorglosesten Umgang von Antibiotika ist, dann sind wir wieder bei dem Punkt Tierhaltung. Dann sollte man vielleicht endlich einmal anfangen, unsere Massentierhaltung zu überdenken!
    Kritik übe ich aber auch am Klinikpersonal: Wenn ich, wie Ostern 2013, mit einem hochansteckenden Darm-Rota-Virus im Krankenhaus liege und ein Quarantänezimmer bekomme - Schwestern und Pfleger und evtl. Besuch nur mit Atemmaske, Einweghandschuhen und Wegwerfkittel den Raum betreten dürfen - ein Arzt aber völlig ohne Schutz das Zimmer betritt, mir die Hand gibt und eine Infusion legt - dann gibt mir das zu denken. Götter in Weiß sind aber keine Götter...... http://www.alwins-blog.de/?p=10819

    Im Übrigen sind Krankenhauskeime nicht gleichbedeutend mit multirestenten Erregern. Krankenhauskeime werden ausschließlich in den Kliniken "gezüchtet" und weitergereicht. Multirestente Erreger umfasst viel mehr, nämlich auch Erreger und Bakterien "herkömmlicher" (Darm- und Atemwegs-) Erkrankungen außerhalb der Klinikmauern, gegen die Antibiotika half; aber zunehmend eben nicht mehr.

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