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NSU-Terroristen spähten Mord-Tatorte aus

Neonazi-Trio hatte in Städten, in denen es tötete, laut Bundesanwaltschaft keine Helfer

Von Jens Eumann
erschienen am 15.03.2012

Zwickau/Karlsruhe. Die Tatorte der bundesweiten Mordserie an neun Kleinunternehmern ausländischer Herkunft wurden vorab ausgespäht. Das haben die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft zur sogenannten Zwickauer Zelle ergeben. "Wir haben im ausgebrannten Haus Kartenmaterial zahlreicher deutscher Städte, nicht nur der Tatorte, gefunden", sagt der Sprecher der Behörde, Marcus Köhler, auf Anfrage der "Freien Presse". Auf den Stadtplänen befanden sich Hinweise zu Örtlichkeiten, die die beiden Männer aus dem Terror-Trio, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, offenbar selbst notiert hatten.

"Das klingt nicht wie Anweisungen für Dritte, sondern wie Merkposten, die man für sich selbst festhält", sagt Köhler. Während die Ermittler davon ausgehen, dass die Opfer nach Herkunft ausgewählt wurden, ist bisher unklar, welche Kriterien für die Tatorte galten, ob diese zufällig bei der Durchreise entdeckt oder schon vorm Ausspähen gezielt angesteuert wurden. "Hinweise auf Helfer in den jeweiligen Städten haben wir nicht", sagt Köhler.

Anders sieht es bei der Beschaffung des Waffenarsenals und beim einstigen Abtauchen der drei Neonazis aus. Als bei der Razzia in der von Beate Zschäpe gemieteten Jenaer Garage im Januar 1998 fast anderthalb Kilogramm TNT und mehrere Rohrbomben gefunden wurden, verschwanden Zschäpe und ihre zwei männlichen Komplizen von der Bildfläche. Dabei hatte das Trio viele Helfer. Da waren die drei Freunde aus der sechsköpfigen Kameradschaft Jena: André K., Holger G. und der spätere NPD-Kreischef Ralf Wohlleben. Während André K. mit von Wohlleben und dem "Thüringer Heimatschutz" gesammelten Spenden falsche Pässe besorgen sollte, die ihm angeblich aus dem Auto gestohlen wurden, stellte Holger G. dem Trio seine eigenen Papiere und einen Führerschein zur Verfügung und trat als Mieter genutzter Wohnmobile auf. Das hat der in U-Haft befindliche mutmaßliche Helfer gestanden - ebenso, die drei einmal in ihrem Versteck aufgesucht und eine Schusswaffe überbracht zu haben, die Ralf Wohlleben besorgt habe. Auch Wohlleben sitzt bereits in U-Haft. Neben der von Holger G. überbrachten Waffe soll er auch die Tatwaffe der Ceska-Morde finanziert und seinem späteren Kameraden Carsten S. Anweisungen zu deren Kauf und Übergabe an die Terroristen gegeben haben. Auch der ebenfalls in U-Haft befindliche Carsten S. ist bereits weitgehend geständig.

Tino B., Gründer des Neonazi-Sammelbeckens "Thüringer Heimatschutz", in dem auch die Kameradschaft Jena aktiv war, hatte zwei Monate nach Abtauchen des Trios Telefonkontakt mit Böhnhardt, der finanzielle Unterstützung forderte. 2001 entpuppte sich B. als V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes. Allerdings war er der Szene dienlicher als der Behörde. Mit seinen V-Mann-Honoraren, über Jahre mehr als 200.000 Mark, finanzierte B. die Thüringer Neonazi-Szene. 2000 Mark bekam er vom Amt, damit er diese dem Trio für falsche Pässe zukommen lasse: ein Köder. Der Plan schlug fehl, das Geld verschwand.

André K. ist der einzige aus der Jenaer Kameradschaft, der noch auf freiem Fuß ist. 1998 soll er Kontakt zum NPD-Mann Frank Schwerdt gesucht haben, um von diesem finanzielle Hilfe für die Flucht des Trios nach Südafrika zu erbitten. In dieser Woche hat Schwerdt auch eigene Kontakte zu Mundlos eingeräumt. In den späten 90er-Jahren habe er diesen als Fahrer eingesetzt.

"Das war aber wohl vor dem Abtauchen", sagt Bundesanwaltschaftssprecher Köhler und betont: Selbst manche Abtauchhelfer werde man strafrechtlich nicht mehr zur Verantwortung ziehen können. Die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung verjährt nach zehn Jahren. Somit sind alle Handlungen vor November 2001 verjährt. "Allerdings gilt das nicht für die Festgenommenen", sagt Köhler. "Bei denen geht es auch um Beihilfe zum Mord." Und Mord verjährt nicht.

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