Dunkle Wolken über der FSV-Trainingsstätte, dem Westsachsenstadion.

Notvorstand oder Insolvenz? Chaos-Tage beim FSV Zwickau

Spieler warten auf ihr Gehalt

Zwickau. Mit hängenden Köpfen stiegen die Spieler vom Fußball-Oberligisten FSV Zwickau nach dem Vormittagstraining aus dem kleinen Mannschaftsbus und verschwanden schnell in den weißen Blechcontainern, die neben dem entkernten Sanitärtrakt als provisorische Unterkunft dienen. Wenigstens konnten die FSV-Kicker gestern im Freien trainieren. Noch vor einigen Tagen war die kalte und düstere Halle am Westsachsenstadion ihre einzige Trainingsstätte.

Die ersten Strahlen der Frühlingssonne sorgten während der Übungseinheiten aber nur vorübergehend für bessere Laune. Nach dem zweistündigen Zusammensein ging jeder wieder seine eigenen Wege. "Wir reden nicht viel, wir warten ab, was passiert", brachte Kapitän Khvicha Shubitidze die derzeitige Gefühlslage der Mannschaft auf den Punkt. Der Traditionsverein steht vor dem Aus, das spüren die Spieler, auch wenn Shubitidze betont: "Die Hoffnung stirbt zuletzt."

Der kleine Georgier fungiert seit dem Rücktritt von Dirk Barsikow in der Vorwoche als Spielertrainer.

Natürlich unentgeltlich, denn Shubitidze wäre froh, wenn überhaupt mal wieder ein Euro vom FSV Zwickau auf seinem Bankkonto eingehen würde. Der zweifache Familienvater gesteht: "Langsam geht es an die Substanz. Irgendwann sind auch die letzten Ersparnisse aufgebraucht." Der 35-jährige Publikumsliebling, der einst mit dem FC Erzgebirge Aue in die 2. Bundesliga aufstieg, wohnt in Leipzig. Zum täglichen Training ins Westsachsenstadion fährt er längst nicht mehr mit dem Auto. "Ich habe eine Bahncard, das ist etwas preiswerter." Bis Saisonende läuft sein Vertrag, der nach wie vor gültig ist. Deshalb gibt es kein Geld von der Arbeitsagentur. "Selber kündigen? Nein, das werde ich nicht tun", betont Shubitidze.

Sebastian Helbig, der beim FSV seine Profikarriere ausklingen lassen wollte, denkt ebenfalls nicht daran, das Weite zu suchen. "Dabei warte ich schon seit Oktober auf mein Gehalt. Ich wurde immer wieder damit vertröstet, dass bald neue Sponsoren in Zwickau unterschreiben werden. Und ich habe es den Leuten geglaubt - eigene Dummheit", ist der Angreifer verbittert.

Der frühere Bundesligaprofi lebt ebenfalls von seinen Ersparnissen, "aber eigentlich waren die für meine Altersvorsorge gedacht." Wie es weitergeht beim FSV, das vermag er nicht zu sagen. "Von denen, die uns verarscht haben, ist ja keiner mehr da", meint er mit Fingerzeig auf das Präsidium, das komplett zurückgetreten ist. Der im Februar neu gewählte Verwaltungsrat versucht zu retten, was noch zu retten ist. "Das sind doch die ärmsten Schweine", gibt sich Helbig keinen Illusionen hin, dass sich von heute auf morgen plötzlich wieder alles verbessert. "Es kann nur eine Lösung mit Sponsoren aus der Region und gemeinsam mit der Stadt gefunden werden", erklärt Helbig, der vom Verwaltungsrat inzwischen mit in das Traineramt eingebunden worden ist.

"Die Mannschaft hat einen guten Charakter, das hat sie schon im Herbst gezeigt, als wir sechs Spiele in Folge gewonnen haben", weiß Helbig, der wie Shubitidze die Fußballschuhe im Sommer an den Nagel hängen wird. "Für die jüngeren Spieler geht es aber um die Existenz. Sie müssen sich mit guten Leistungen anbieten für andere Vereine", hofft Helbig, dass zumindest der Spielbetrieb gewährleistet ist.

Wegen Schulden gegenüber dem Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV) hat das Verbandsgericht den Oberligisten gestern bis auf weiteres gesperrt. FSV-Verwaltungsratsmitglied Lutz Oeser gab allerdings schnell Entwarnung: "Die rund 2800 Euro sind dank unserer Fans zusammengekommen und an den NOFV überwiesen worden."

Auf die FSV-Fans ist Verlass. Ob sich die Spieler auf die neuen Männer an der Vereinsspitze verlassen können, wird sich zeigen. Das Amtsgericht entscheidet heute über die Bestellung eines Notvorstands. Die Spielergewerkschaft VdV prüft zudem, ob sie einen Insolvenzantrag gegen den FSV stellen wird. Der wäre gleichbedeutend mit dem Ende des Traditionsvereins, hätte für die Spieler aber einen entscheidenden Vorteil: Sie bekämen von der Arbeitsagentur Insolvenzausfallgeld, das wären die Gehälter der letzten drei Monate.

Von Olaf Morgenstern



 
erschienen am 03.03.2010
 
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