Online-Portal prophezeite: Loveparade wird zum Tanz auf dem Drahtseil
Hinweise aus Veranstalterkreisen schürten schon in der Vorwoche Zweifel an der Sicherheit - Internetnutzer aus der Raver-Szene sahen sogar Details der Katastrophe voraus
Duisburg. Ein Internetnutzer namens "Alex" sah die Katastrophe voraus: "Duisburg wird sich spätestens am Sonntag sehnlichst wünschen, die Loveparade nicht ausgerichtet zu haben." So kommentierte der Leser der Internet-Plattform "Der Westen" das bevorstehende Spektakel schon am Freitag. "Nur für die Geschädigten ist es dann zu spät", fuhr "Alex" fort. Tags darauf kam es wie prophezeit. 20 Loveparade-Besucher - teils tot getrampelt, teils zerdrückt - waren nicht mehr zu retten. Über 500 weitere wurden verletzt.
Das Internet-Forum, auf dem neben "Alex" auch andere, der Raverszene offenbar kundige Kommentatoren vor Gefahren des Veranstaltungsorts warnten, hatte sich im Nachhall eines Artikels entsponnen. "Loveparade wird zum Tanz auf dem Drahtseil" titelte der aus Duisburg stammende Journalist Ingmar Kreienbrink. Bei einer Pressekonferenz der Veranstalter in der Vorwoche waren seine Fragen zu Kapazitätsgrenzen des Geländes auf dem ehemaligen Güterbahnhof "nur mit Herumgeeier" beantwortet worden. Von einigen Hunderttausend Menschen, die zeitgleich auf dem Gelände Platz hätten, war da die Rede. Die auf der Genehmigung der Stadt ausgewiesene exakte Besucherkapazität enthielt man vor. Angesichts zu erwartender, die Millionenmarke sprengender Massen warnte "Der Westen" vor nicht absehbaren Folgen.
Nach Auswertung der Nutzer-Klicks fand der Artikel laut Redaktion Tausende Leser, und nicht nur das. Allein bis zum Unglückswochenende sahen sich an die 100 Leser zu eigenen ergänzenden Kommentaren veranlasst. Kommentare mit seherisch genauem Vorhersage-Charakter: "Was die da machen, ist höchstgradig kriminell. Was ist denn, wenn zu dem Chaos auch Panik kommt, was ist dann? Panik heißt Flucht, und Flucht heißt Ausdehnung. Wohin soll sich diese Masse an Menschen ausdehnen, wenn was schief geht und Panik ausbricht?" Das fragte ein Nutzer namens "Voltago" vier Tage vor der Katastrophe angesichts des von Stadtautobahn und Bahngleisen flankierten Areals. Neben der begrenzten Fläche des eingezäunten Bahnhofs provozierte auch der Zugangs-Tunnel - wegen seiner gelben Beleuchtung in Duisburg nur "Gelber Bogen" genannt - zahlreiche Hinweise: "Beunruhigende Zahlen: der einzige Zugang zum Platz hat eine Durchgangskapazität von 60.000 Personen je Stunde. Wenn 400.000 auf dem Gelände Platz haben, über eine Millionen erwartet werden, wird schon hier ein gefährlicher Brennpunkt entstehen. Ich finde die Loveparade hervorragend, aber sie gehört nicht in diese Stadt", warnte ein gewisser "FriedLich53" am Donnerstagfrüh. Zwei Tage später kamen Zigtausende im Tunnel weder vor noch zurück.
Als Kommentator mit der Nummer 95 meldete sich Nutzer "Alex" dann noch einmal zu Wort: konkret am Samstag um 18.13 Uhr, als die Nachricht der ersten zehn Toten vermeldet war. "Traurig, dass ich recht behalten musste ... wirklich traurig ... und Beileid an die Betroffenen!" schrieb "Alex". Kurz darauf schloss "Der Westen", seinen hoffnungslos überbeanspruchten Diskussionspfad.