Kraftklub im Chemnitzer Atomino: Max Marschk, Steffen Israel, Felix und Till Brummer, Karl Schumann (von links) Foto: Tim Klöcker/Universal
Protokoll eines mittelschweren Trinkgelages: Willkommen im Klub
Erstes Album der Chemnitzer Band Kraftklub erscheint am Freitag - Zeit für nüchterne Analysen
Chemnitz. Das Café Kutsche hat einen Slogan: "Betreutes Trinken" steht über der Eingangstür. Es gibt Kneipen, in denen trinkt man eben. Und es gibt Kneipen, in denen trinkt man gern. Weil hier beim Bier noch geraucht werden darf, zum Beispiel. Ich habe ein Date mit Kraftklub. Einfach war es nicht, einen Termin zu finden. An diesem Abend sind Sänger Felix und Gitarrist Steffen zum Interviewdienst abkommandiert worden.
2012 wird das Jahr des Weltunterganges, sagten die Maya. 2012 wird das Jahr von Kraftklub, sagen die Medien. Zumindest eins von beiden hat sich angekündigt: 2010 gewinnen fünf Jungs aus Chemnitz den New Music Award. Da gibt es die Band kaum ein Jahr. Bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest treten Kraftklub im Bodypainting-Outfit für Sachsen an, erreichen den fünften Platz und 1,67 Millionen Fernsehzuschauer. Die Konzerte ihrer ersten eigenen Tour sind fast jeden Abend ausverkauft.
Was ist das für eine Band, die regelmäßig als "das nächste große Ding" gehandelt wird und ihre Heimatstadt, beseelt von fröhlichem Geschichtsrevisionismus, Karl-Marx-Stadt nennt? In einem Fitnessstudio sollen sie sich kennengelernt haben, soweit der Gründungsmythos. Im Halbdunkel der "Kutsche" aber sitzen zwei junge Männer, die aussehen, als wären sie ihr Leben lang vor den Stärkeren auf der Flucht gewesen: Der eine trägt die Brille seines Großvaters, der andere ein bizarres Stück Strick.
Felix: Der Pullover ist von meiner Oma. Den hat sie in ihrem Golfclub geschenkt bekommen, der war ihr aber viel zu groß.
Freie Presse: Was, in Gottes Namen, ist da drauf?
Felix: Hunde, die Golf spielen.
FP: Das macht keinen Sinn.
Felix: Nicht für die Hunde.
FP: Habt ihr euch wirklich in der Muckibude kennengelernt?
Steffen: Eigentlich kriegt jeder ne andere Version. Welche willst du?
FP: Eine, die stimmt, wäre schön.
Es folgt die fast romantische Geschichte von fünf Schulfreunden, die beginnen, Musik zu machen. Bassist Till und Frontmann Felix sind Brüder. Alle sind Anfang zwanzig, wohnen dicht beieinander. Felix hat früher im Kino als Eisverkäufer gearbeitet, Steffen ist noch immer für Maschinenbau eingeschrieben. Alles nicht besonders aufregend, aber so sei das eben in Chemnitz.
Ach, Chemnitz. Wenn eine Stadt einen Ruf weg hat, dann du. Bestenfalls triste Talentschmiede für Sportler und Ingenieure. Schlimmstenfalls Ort, an dem eine überalterte Bevölkerung übermütige Nazis gern ignoriert. Doch wer hier wohnt, weiß, dass Chemnitz nicht das Ende aller Lebensfreude sein muss. Seit Jahren ist die Stadt ein Schmelztiegel für Musikstile: zu klein, als dass man sich langfristig aus dem Weg gehen könnte, gerade groß genug, um Nischen zuzulassen.
Im Februar 2010 veröffentlichen Kraftklub die erste Demo-CD. Sieben Songs voll bissiger Alltagsbetrachtung und postpubertärem Gefühlschaos. "Adonis Maximus" ist ein Bastard, vereint Sprechgesang und Gitarrenriffs. Aufmerksamkeit bekommt die Platte vor allem in der Rap-Szene. Dort ist wahlweise von der Rettung und dem Untergang des deutschen Hiphop die Rede.
Kraftklub spielen da bereits in Collegejacken und Hosenträgern vor Stammpublikum und immer wieder im Atomino. Der Club mit dem reduzierten Charme einer tapezierten Turnhalle ist die Plattform, von der aus das Land erobert werden soll. Mit Songs wie "Scheissindiedisco" und "Zu jung" liefern Kraftklub den ironischen Kommentar zum Leben in der "hässlichsten Stadt der Welt" - nicht ohne die eigene Herkunft vor sich herzutragen, wie Narben einer gewonnenen Schlägerei.
Felix: So bescheuert und pathetisch das klingen mag: Chemnitz hat mich Loyalität gelehrt. Gegenüber Clubs und Bars und Leuten. Jetzt, wo wir viel in anderen Städten sind, hab ich gemerkt, dass das nicht die Regel ist. In Chemnitz kennt jeder jeden, und ich finde das krass schön. Auch wenn es irgendwie total albern ist, mit Anfang zwanzig so stammtischmäßig rumzuhängen.
FP: Aber diese Stadt hat schon so einige Probleme…
Steffen: Sicher. Man kann keinem vorwerfen, auf Chemnitz abzukotzen.
Felix: Natürlich werden wir deshalb in Interviews ständig gefragt, ob wir tatsächlich noch hier wohnen. Ich meine: Wir haben zwei Songs mit ziemlich eindeutigen Titeln darüber geschrieben, dass wir nicht weggehen werden: "Karl-Marx-Stadt" und "Ich will nicht nach Berlin". Hallo?
Es geht auf Mitternacht zu. Die Jungs bestellen Würstchen im Käsemantel, "Verstecktes Duo" heißt das hier. Barchef Jens stellt neue Schnäpse dazu. Man ist im Training.
77 Konzerte haben Kraftklub allein im letzten Jahr gespielt. Die kleinsten in Kellerclubs, in denen sich den Kopf stößt, wer zu hoch springt, das größte ausgerechnet in der Stadt, der sie eine musikalische Absage erteilen. "Wir messen alles am Live-Auftritt", sagt Felix. "Mir ist egal, auf welchem Platz unsere Single landet. Es geht immer darum, dass der Laden voll ist, wenn wir spielen."
Und das ist er oft, auf der "Autobahn zur Hölle-Tour". In Chemnitz ist das AJZ Talschock an zwei Tagen hintereinander ausverkauft. Wer gesehen hat, wie 800 junge Menschen mit hochgereckter Faust das Looser-Image ihrer Stadt feiern, hat trotz des Heimvorteils keinen Zweifel mehr daran, dass da was durch die Decke geht. Die Begeisterung allein dem Bundesvision Song Contest zuzuschreiben, griffe zu kurz. Kraftklub ist eine Band, die sich ihr Publikum erarbeitet hat: neben furiosen Konzerten auch über die neuen Medien. Was macht eine Band, wenn die letzten Fans gegangen, nur die Endorphine noch da sind? Wie damit umgehen, dass man zwar alt genug zum Trinken, aber zu jung zum Schlafengehen ist? Antwort auf diese Fragen gibt der "Kraftblok", ein Internet-Tourtagebuch voll juveniler Stilblüten. Den Blog schreibt Felix. Er sagt, den Blog schreibt das Leben.
Felix: Natürlich können wir da nicht alles reinschreiben. In einem Hotel mussten wir mal 500 Euro für eine Schuhputzmaschine bezahlen. Weil Till die Schuhwichse drübergekippt hat. Es gab einen Kurzschluss.
Steffen: Auf der ganzen Etage war Stromausfall.
Felix: Dabei war das ohne Absicht. Wir sind Tollpatsch-Rock'n Roller.
Steffen: Einmal mussten wir backstage neu streichen.
Felix: Konnte ja keiner ahnen, dass Joghurt solche Flecken hinterlässt.
Steffen: Und als im Studentenwohnheim der Feueralarm losging...
Felix: Sicher, dass du das erzählen willst? Weißt du, was es kostet, wenn ein Löschzug umsonst ausrückt?
Steffen: Die dachten wohl, dass ganze Hochhaus brennt.
FP: Und ihr habt den Alarm gedrückt?
Steffen: Na, ich nicht.
Felix: Ich auch nicht! Wir haben dann trotzdem lieber ein Taxi gerufen.
Am Freitag erscheint das Album "Mit K", und Kraftklub bleiben sich treu: Flotte Indie-Rock-Stücke, zu denen sich vortrefflich ausrasten lässt. Texte über vergebliche Rebellion und vertane Chancen. Über das Ende der Liebe und darüber, wie es sich anfühlt, wenn in Chemnitz der Winter kommt. Das ist bisweilen halb-, manchmal ganz stark. Will man Bandporträts und Vorab-Besprechungen glauben, kann die Stadt Chemnitz bald die ersehnten Touristenmassen durch den Posthof schleusen, wie durch den Hamburger Star-Club. Einen Dankesbrief hat Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig der Band schon geschrieben. Einen Beatles-Vergleich rechtfertigt das vermutlich nicht.
In der "Kutsche" ist es inzwischen ziemlich spät geworden - oder richtig früh. Die Batterien des Aufnahmegeräts haben noch einen Balken und alle Beteiligten einen im Tee. Felix wird auf der Toilette auf ein Fernsehinterview für "Kulturzeit" angesprochen und versichert, dass das an Seltsamkeit nicht zu überbieten ist. Außer vielleicht von den Mädchen, für die er auf einer Privatparty Autogramme hat schreiben müssen. Das Gespräch schweift ab, nicht ohne von Zeit zu Zeit Perlen der Weisheit hervorzubringen. Über Groupies zum Beispiel...
Felix: Auf unseren Konzerten sind sehr viele schöne Mädchen. Oft in den hinteren Reihen. Aber das sind nie diejenigen, die nach der Show auf uns warten. Das sind die, die einfach langsam rausgehen und die wir nie wiedersehen. Wir werden ihnen auf ewig hinterherrennen und auf dem Weg von 13-Jährigen aufgehalten werden, die ein Foto machen wollen.
Steffen: Das ist unser Schicksal.
...oder das liebe Geld.
Felix: Das geht alles aufs Bandkonto. Wir sind da sehr gewissenhaft. Und wir sind uns auch alle einig, dass Geld nicht so gut ist für den Charakter.
FP: Keinen lang gehegten Traum erfüllt?
Felix: Ich bin ausgezogen.
Steffen: Ich hab mir Schuhe gekauft.
Fünf Jungs werden groß, ohne zu vergessen, wo sie herkommen. Im Grunde ist es das alte Märchen vom Rock'n Roll. Raus auf die Bühne und schwitzen und Dummheiten machen. Musik und Sehnsucht und das Große im Kleinen: All das wird bei Kraftklub spürbar. Gewachsen in und an der Provinz haben sie ihre Biografie kurzerhand zum Image erklärt - mit allen Lächerlichkeiten und Sympathien, die das so mit sich bringt. Kein Marketingmensch hätte sich das besser ausdenken können. Auch deshalb ist die Band Kraftklub so wertvoll - für die Labels, für die Fans und für Chemnitz.
Irgendwann bringt Jens drei Wodka mit den Worten: "Jetzt kommt der Todesstoß." Es muss kurz darauf gewesen sein, als der Journalist in mir das Handtuch warf. Er liegt vermutlich noch immer unter diesem Tisch neben dem Klavier. Wenn der Barvater ihn nicht mit dem übrigen Gesindel hinausgekehrt hat.