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Foto: David Ebener/dpa

Rechtsextreme quälten wehrloses Nachbarskind

Für Misshandlungen eines Behinderten, der für sie "vergast gehörte", kamen zwei Männer mit Bewährungsstrafen davon.

Von Jens Eumann
erschienen am 24.03.2015

Rechenberg-Bienenmühle. Die Stimme der Richterin bebte: "Ein derart menschenverachtendes Verhalten habe ich noch nie erlebt", schalt Petra Strack, Vorsitzende des Schöffengerichts am Amtsgericht Freiberg, am Dienstag die Gewalttäter Lars G. und Michael U. Doch wollten die zornigen Sätze nicht ganz zu den Bewährungsstrafen von einem Jahr und von zehn Monaten passen, mit denen die 40 und 28 Jahre alten Männer für Misshandlungen eines behinderten Jungen davonkamen.

Ein Haus als rechtsfreier Raum

Das nach außen schmucke Mietshaus im erzgebirgischen Rechenberg-Bienenmühle schien ab 2012 ein rechtsfreier Raum, als Lars G. und Michael U. dort ihr Terrorregime für jene Nachbarn installierten, die den arbeitslosen Security-Kräften unterlegen waren. Der damals zehn Jahre alte Nachbarssohn Ralf O. war ihr Hauptopfer. Das geistig behinderte Kind demütigten und quälten sie vor den Augen seines Vaters. Angeklagt waren fünf Delikte. Einmal hatte der 40-jährige Lars G. dem Kind die Faust derart in den Magen geschlagen, dass es sich krümmte, berichtete die ältere Schwester des Opfers. Eines nachts hätten beide das Bett hochgehoben und den schlafenden Bruder herausgeschüttet, dass er auf den Boden stürzte. Auf den am Boden liegenden Jungen eingetreten hätten die Täter einmal. Dann wieder banden sie ihm eine Wäscheleine um den Hals und zogen ihn am Boden herum. Hin und her "wie Tauziehen", schilderte die große Schwester. Ihr Bruder habe versucht, mit den Händen die in seinen Hals schneidende Leine zu lockern. Beim letzten Delikt der Anklage hatten die Männer von dem Behinderten verlangt, er solle seine jüngere Schwester mit einem Besen schlagen. Nach erster Weigerung hatte der Bruder die Anweisung aus Angst befolgt.

Als der Vater schilderte, sein Sohn sei eine Stunde lang geschlagen worden, fragte die Richterin ungläubig: "Wie hat er das überlebt?" Das habe er sich auch gefragt, sagte Vater Norbert O. Warum er nie einschritt? "Gegen die hatte ich keine Chance", sagte der Mann, der laut seiner älteren Tochter selbst Opfer von Prügelattacken wurde. Ob es ein Motiv gegeben habe für die Gewalt gegenüber dem behinderten Sohn? Außer jenen Sätzen, mit denen die Männer ihre rechtsextreme Haltung kundtaten, kenne er keines, so der Vater. Sein Sohn "gehöre erschlagen oder vergast", habe Lars G. gesagt. Außer durch diese Sätze und die CDs der rechtsextremen Band Landser, die der Haupttäter oft hörte, klang die rechtsextreme Prägung der Täter am Dienstag kaum an.

Spätes Teilgeständnis

Versuchten die Verteidiger zunächst durch Widersprüche in Opferaussagen die Glaubwürdigkeit zu erschüttern, so machte ein Kreuzverhör von Staatsanwältin Marita Recken deutlich, dass die augenscheinlichen Unstimmigkeiten gar keine waren. Offenbar gab es nur zu viele ähnliche Situationen, die auseinanderzuhalten den Opfern kaum mehr möglich war. Nachdem klar war, dass das Gericht den Opfern Glauben schenkte, schwenkten die schweigenden Täter zum Teilgeständnis um. Lars G. räumte den Fausthieb, das "Hundeleinenspiel" und die Anstachelung zur Gewalt gegen die kleine Schwester ein. Die letzten Delikte gestand auch sein Kumpan. Beide müssen noch soziale Stunden ableisten und je 500 Euro an die Opferhilfe zahlen.

"Trotzdem ist das Urteil für die Opfer ein Hohn", sagte Anwohnerin Nicole G., zu der das kleine Mädchen nach dem Besenhieb des Bruders geflüchtet war. "Sie hat wochenlang bei mir gewohnt, weil sie sich nicht heim traute", sagte Nicole G. Jetzt sind die Kinder in Betreuung.

 
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Kommentare
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Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 29.03.2015
    12:04 Uhr

    PeKa: Gleichgültig, welche Rolle der Vater gespielt hat, das begangene Verbrechen der beiden Männer wird dadurch nicht geringer.

    0 0
     
  • 29.03.2015
    08:34 Uhr

    Pedroleum: @Zugereiste: „Aber ist mir auch gleich. Meinethalben ist der Vater ein Heiliger.“

    Niemand behauptet, dass der Vater ein Heiliger sei. Ich weiß nur, dass ich nicht genug über den Sachverhalt weiß, um mir solch ein Urteil zu erlauben.

    0 0
     
  • 27.03.2015
    15:26 Uhr

    Pedroleum: @Zugereiste: „Genauso wie Sie!“

    Wo habe ich behauptet, das zu wissen? Ich habe lediglich Ihre Behauptung in Frage gestellt.

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  • 27.03.2015
    14:39 Uhr

    Zugereiste: @Peka: Eben drum ist die Rolle des Vaters zweifelhaft. Selbst wenn die Prügler ihn mit dem Tode bedroht hätten: Meinen Sie nicht, dass auch das bei Gericht hätte herauskommen müssen? Denn es ist ein Unterschied, ob man sagt "ich konnte nichts gegen sie ausrichten" oder "ich hatte Todesangst, denn es gab konkrete Drohungen gegen mich/uns". Und auch das hätte in der Presse gestanden, denn nichts ist besser als eine reißerische Schlagzeile. Und das wäre sie gewesen.

    Aber ist mir auch gleich. Meinethalben ist der Vater ein Heiliger. Mir tun nur die Kinder leid, die einen solchen Vater haben.

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  • 27.03.2015
    13:05 Uhr

    PeKa: @Zugereiste, es gibt genug Beispiele in den Medien, wo Unterlassungen der Beamten offen zur Sprache kommen. Das ist heute kein Tabuthema mehr. Der Grund ist sicher ein anderer. Der Vater wird von den beiden Männern mit dem Tode bedroht worden sein für den Fall, dass er zur Polizei geht. Natürlich steht auch das nicht im Text, aber jeder vernünftig denkende Mensch weiß doch, wie dieses Gesocks tickt.

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