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Die couragierte Studentin auf dem Hauptbahnhof in Chemnitz: "Ich habe meine moralischen Werte verteidigt." Die couragierte Studentin auf dem Hauptbahnhof in Chemnitz: "Ich habe meine moralischen Werte verteidigt."

Foto: Andreas Seidel

Studentin rettet Syrer vor rassistischen Schlägern

Im Regionalzug nach Zwickau schauten fast alle weg, als eine Gruppe Männer zwei Flüchtlinge terrorisierte. Doch eine junge Frau stand auf.

Von Oliver Hach
erschienen am 29.02.2016

Chemnitz. Samstag, 18.45 Uhr in der Regionalbahn zwischen Chemnitz und Zwickau: Nach dem Sachsenderby Chemnitzer FC gegen Dynamo Dresden treibt ein kräftig gebauter Mann um die 1,90 Meter, vermummt mit Sonnenbrille und CFC-Fanschal, einen jungen Syrer vor sich her. Er hat den Flüchtling am Hals gepackt und schleift ihn ungehindert durchs Oberdeck des Doppelstockzugs. Die Waggons sind voller Reisender, doch niemand traut sich einzuschreiten. Bis die beiden am Platz von Lisa Müller* vorbei kommen. Die junge Frau hat Kopfhörer auf und hört Musik, bemerkt daher erst im letzten Moment, was los ist. Sofort steht sie auf, geht auf den breitschultrigen Mann zu und schleudert ihm, auf den völlig verängstigten Flüchtling deutend, die Worte entgegen: "Lass ihn in Ruhe!"

Lisa Müller kann kein Karate und hat noch nie einen Selbstverteidigungskurs besucht. Die Chemnitzer Studentin ist eine zierliche junge Frau - aber sie hat Mut. "Das Überraschungsmoment war auf meiner Seite", erzählt sie. Der Täter ließ von seinem Opfer ab, schnappte sich jedoch dessen Rucksack und machte sich aufs Unterdeck davon.

Die 24-Jährige rannte hinterher, traf Sicherheitsleute der Deutschen Bahn und forderte sie auf, den Täter festzuhalten. Doch die lehnten ab. Es gebe im Zug nicht nur diesen einen Mann, sondern eine ganze Gruppe Gewaltbereiter. "Die Sicherheitsleute sagten, sie können nicht sechs solche Klötze festhalten", berichtet die Studentin. Fünf weitere offenkundig rassistische Schläger hatten schon seit der Abfahrt in Chemnitz einen weiteren Asylbewerber, den Freund des ersten Opfers, tyrannisiert. Laut Polizei wurde er "ins Gesicht geschlagen und gewürgt". In Hohenstein-Ernstthal stiegen die Täter aus. Dort wurde später der geraubte Rucksack gefunden.

Lisa Müller indes kümmerte sich weiter um die Opfer. Sie versuchte, die beiden Syrer zu beruhigen. In Zwickau begleitete sie die beiden zusammen mit den Sicherheitsleuten zur Polizeistation im Bahnhof, wo sie Anzeige erstatteten.

Eckhard Fiedler von der Bundespolizeidirektion Klingenthal, wo die Anzeige einging, bestätigt den Hergang. "Das Verhalten der jungen Frau war sehr couragiert", sagt er, "ich habe ihr meinen Dank ausgesprochen." Es sei nicht alltäglich, dass jemand so mutig einschreite. Lisa Müller selbst sagt: "Ich finde es selbstverständlich, dass man so was macht." Und: "Ich habe meine moralischen Werte verteidigt."

Inzwischen hat die Bundespolizei in Chemnitz die Ermittlungen übernommen. Sprecherin Anett Bochmann sagt, fachkundige Beamte der Fanszene hätten die Gruppe schon beim Einsteigen in den Zug beobachtet, seien aber selbst nicht eingestiegen. Die Tatverdächtigen seien der Polizei bekannt.

*Name von der Redaktion geändert

 

 
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Kommentare
29
(Anmeldung erforderlich)
  • 02.03.2016
    18:39 Uhr

    Sonnenschein123: #klapp grüner Daumen, grüner Daumen, grüner Daumen!

    1 0
     
  • 01.03.2016
    07:49 Uhr

    Niemand: Hier zeigt sich auf deutliche Weise, dass seit Jahren in unserer Gesellschaft was schief läuft: praktisch keine Zivilcourage und jeder ist sich selbst der Nächste. Was sich so einfach liest, ist fatal für uns alle - denn jeglicher Gewalt- oder Straftäter darf sich sicher sein, dass ihn niemand hindert. Das ist aber kein sächsisches Problem ... bevor wieder jemand Fachkräfte- oder Touristenmangel damit assoziiert!
    Wenn ich höre, wie ratlos unser politischen Verantwortungsträger im Chaos stochern .... weiß ich alles!
    Die hier geschilderte Tat ist nur eine mögliche Erscheinungsform dieser verhängnisvollen Veränderung.

    Die Studentin hat einfach "normal" gehandelt. Allerdings hätte sie auch ein weiteres Opfer sein können .... möglicherweise hätte auch sie keiner unterstützt.

    Ohne die Täter verharmlosen zu wollen: wären die Akteure wirkliche radikale .... Gewalttäter gewesen .... sähe das "Ergebnis" wohl anders aus .... die hätten mit Sicherheit wesentlich aggressiver agiert.

    Zur Kritik an den Sicherheitskräften: ja, natürlich hätten die wohl anders reagieren müssen .... .
    Allerdings sollten wir für die Beurteilung dessen nicht vergessen, dass wir Deutschen uns immer Meisterhaft mit Gesetzen und Regularien ausstatten ..... was auf der einen Seite vor Gewalt und Repressalien durch Sicherheitspersonal schützt, ist auf der anderen Seite dem couragierten Einschreiten selbiger hinderlich. Was darf unsere Polizei etc.? Freundlich gucken .... fragen .... schauen .... bitten. Handelt ein Beamter oder Sicherheitsmann, darf er fast schon sicher sein, dass irgendwo eine Kamera ihn aufzeichnet ... das Video hochgebauscht wird ..... und er Konsequenzen ertragen darf. Wartet er ab (also defensive Handlung), sind die Kritiker ebenfalls nicht weit ..... !
    Der gesunde Menschenverstand (damit verbunden sind natürlich auch Fehler und Fehlentscheidungen) ist die Lösung .... doch genau den haben wir den Menschen fast schon erfolgreich abtrainiert und per Gesetz ausgeschlossen!

    Zum Schluß stehen wir alle "betröpfelt" da .... und staunen und fragen nach den Ursachen .... und stellen unsere Heimat als Nazi (Sachsen / Deutschland) dar ..... .

    5 5
     
  • 29.02.2016
    21:04 Uhr

    fp2012: "Er hat den Flüchtling am Hals gepackt und schleift ihn ungehindert durchs Oberdeck des Doppelstockzugs. Die Waggons sind voller Reisender, doch niemand traut sich einzuschreiten."
    Sachsen halt. Noch Fragen? Doch eine kleine Korrektur ist denke ich angebracht. Ich würde für Sachsen "traut sich" durch "will" ersetzen.

    8 8
     
  • 29.02.2016
    20:05 Uhr

    klapp: Respekt! Allerdings glaube ich, wenn ein junger Mann sich den Typen in den Weg gestellt hätte, würde dieser jetzt im Krankenhaus liegen.

    0 9
     
  • 29.02.2016
    20:03 Uhr

    fliegenderRobert: @Freigeist14: Diese Frage stellt sich allerdings, auch wenn ihr Klischeebild vom "Einheimischen" etwas eindimensional ist.

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