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Gute Nacht: Anhänger der bindungsorientieren Erziehung lassen ihr Kind im Elternbett schlafen, wann immer es will.

Foto: Imago

Wie viel Nähe ist gut fürs Kind?

Die bindungsorientierte Erziehung findet immer mehr Anhänger. Auch in Sachsen werden jetzt erstmals Kurse angeboten. Doch die Form der Erziehung ist umstritten.

Von Stephanie Wesely
erschienen am 24.08.2015

Auf jedes Bedürfnis des Kindes zu reagieren, ist eines der Grundprinzipien einer Erziehungsform, die Attachment Parenting genannt wird. Eltern, die sie für sich und ihr Baby entdeckt haben, füttern nicht nach Zeitplan, sondern nach Bedarf, tragen ihr Kind am Körper, statt es im Wagen zu schieben. Sie lassen es bei sich im Zimmer oder sogar im Bett schlafen, wenn es das möchte.

Sechs junge Mütter aus Dresden finden diese Methode ideal. Sie haben sich zu Babykursleiterinnen ausbilden lassen und geben ihr Wissen interessierten Eltern weiter. Weil es außer den genannten Grundprinzipien beim Attachment Parenting nicht viel zu beachten gibt und den Alltag mit dem Baby entspannter gestaltet, nennt sich das Konzept auch "Einfach Eltern". Eltern könnten das erste Lebensjahr des Kindes viel mehr genießen, verspricht das Attachment Parenting.

Kritiker indes befürchten, dass der Stress durch häufiges Füttern und Stillen sogar zunimmt, dass das ständige Tragen auf den Rücken geht und die Nächte mit dem Baby im Elternbett noch unruhiger werden. Dr. Michael Winterhoff, Kinderpsychiater aus Bonn, hat schon viele Bücher über Kindererziehung und die kindliche Entwicklung geschrieben. Er ist der Ansicht, dass man die Kinder durch Attachment Parenting zu sehr verwöhnt und sie zu kleinen Tyrannen erzieht. Wenn die Kinder dann irgendwann einmal nicht mehr im Mittelpunkt stünden, kämen sie mit ihrem Leben oft nicht mehr zurecht. Auch Professor Veit Rößner, Kinder- und Jugendpsychiater der Uniklinik Dresden, hat Bedenken: "Ein überdurchschnittlicher Anteil unserer kleinen Patienten schläft länger als der Durchschnitt sehr oft bis regelmäßig im Bett der Eltern. Vor allem bei einer Veranlagung zur Ängstlichkeit kann sich daraus auch eine Angststörung entwickeln."

Die "Einfach Eltern"-Kursleiterin Dorothea Dumke dagegen sieht diese Gefahr viel eher bei herkömmlichen Erziehungsmustern. Sie hatte ein Schreikind, sagt sie: "Bevor es auf der Welt war, habe ich ganz selbstverständlich ein Kinderzimmer eingerichtet, Stuben- und Kinderwagen gekauft. Doch mein Sohn wollte nicht in seinem Bett schlafen und nicht nur alle vier Stunden gestillt werden. Ich war verzweifelt", erinnert sich Dumke. "Dann gab ich meinem Bauchgefühl nach, trug mein Baby am Körper, ließ es bei mir schlafen und gab ihm Milch, wann immer es danach verlangte. Und mein Sohn wurde tatsächlich ruhiger. Das war mein Einstieg in das Attachment Parenting." Sie könne Eltern nur ermuntern, mit veralteten Ansichten aufzuräumen und ihre Kinder intuitiv ins Leben zu begleiten.

Weinen hat bei Babys nach Ansicht von "Einfach Eltern" immer etwas zu bedeuten. "Sie äußern dadurch keine Wünsche, sondern zeigen überlebenswichtige Bedürfnisse an. Und Bedürfnisse sind zu erfüllen", sagt Leona Weigelt. Auch sie leitet Babykurse. Bindung entsteht für sie gerade im ersten Lebensjahr über Körperkontakt und Kommunikation. Daher empfiehlt sie, dem Baby so viel Nähe wie nur möglich zu geben.

Der dänische Bestseller-Autor Jesper Juul betont, dass man Kinder gar nicht verwöhnen kann, wenn sie zu viel von dem bekommen, was sie wirklich brauchen, nämlich Liebe, Zuneigung und gleichwürdigen Umgang - keine materiellen Dinge. Für ihn, der Attachment Parenting ebenfalls verinnerlicht hat, stellt sich deshalb auch die Frage nicht, wie man es Kindern wieder abgewöhnen kann, dass Eltern auf jede Äußerung des Kindes eingehen. Das passiere zum Beispiel beim Eintritt in die Kita von ganz allein und Eltern gewinnen mehr Freiräume für sich. Leona Weigelt: "Ein sicher gebundenes Kind kennt seinen vertrauten Hafen, auch wenn Situationen kommen, in denen es mal nicht im Mittelpunkt steht. Es weiß, wo es geliebt und geschätzt wird, so wie es ist. Und mehr kann man einem Kind für eine gesunde Entwicklung doch gar nicht mit auf den Weg geben."

Professor Rößner dagegen sieht es kritisch, wenn jeder Äußerung des Kindes nachgegeben wird. "Eine sichere Bindung erreicht man nicht durch ein Übermaß an Zuwendung. Die Qualität ist wichtiger. Kinder wollen und müssen sich ausprobieren. Sie müssen lernen, womit sie erfolgreich sind. Wenn sie hier automatisch immer eine positive Rückmeldung erhalten, behindert es das Lernen. Bei älteren Kindern sehe ich noch eine andere Gefahr: Ihnen kann ein Übermaß an elterlicher Reaktion auch zu viel werden. Und dann äußern sie sich ihren Eltern gegenüber gar nicht mehr. Ob die Nachteile auf längere Sicht durch das Positive der Methode aufgewogen werden, ist nicht untersucht und darf bezweifelt werden", sagt er.

 Einladung zu einem Experiment

Über die bindungsorientierte Elternschaft wird momentan viel diskutiert. Sie können testen, wie die Methode in Ihrem Alltag mit Baby funktioniert. Die Kursleiterinnen von "Einfach Eltern" laden zehn Familien aus Sachsen ein. Das Experiment dauert 20Tage, vom 4. bis 24. Oktober.

Die Kinder sollten zu diesem Zeitpunkt zwischen einem und sieben Monaten alt sein. Die Eltern werden ihr Baby in den 20 Tagen nach Bedarf stillen oder ihm die Flasche geben, möglichst mit dem Baby in einem Zimmer schlafen, das Kind im Tragetuch oder einer Tragehilfe tragen und auf jedes Weinen reagieren.

Die nötige Ausstattung wird zur Verfügung gestellt und zum ersten Treffen übergeben. Sie besteht aus Beistellbettchen, Tragehilfe oder Tragetuch, Fläschchen-Überzug, um die Trinkmenge nicht kontrollieren zu können und einem Tagebuch, in dem jeden Tag festgehalten wird, wie es Eltern und Kind geht. Mindestens zwei Treffen finden in Dresden statt. Die Kursleiterinnen sind jederzeit für Fragen ansprechbar.

Interessierte Eltern können sich bis zum 25. September bewerben. Die "Freie Presse" wird die Teilnehmer begleiten. Anmeldung: E-Mail: challenge@einfach-eltern-dresden.de

 
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Kommentare
5
(Anmeldung erforderlich)
  • 25.08.2015
    08:19 Uhr

    gelöschter Nutzer: @katrinhdz: Klingt super. Ich habe das, Dank einer guten Hebamme, auch bei beiden Kindern so gehandhabt. Das macht die frühe Kinderzeit auf für die Eltern viel entspannter.

    0 0
     
  • 24.08.2015
    17:30 Uhr

    katrinhdz: Mein erster sohn wurde 1987 in Kuba geboren und wenn ich dort erzählt habe, dass man die Kinder abends ins Bett legte und sie dort allein einschlafen sollten, dann haben die kubaner nur den Kopf geschüttelt über uns grausame Eltern. Kinder werden werden dort grundsätzlich mit sich herum getragen und in den armen zum einschlafen gebracht. Kutschen gibt es keine, manchmal Sportwagen, wenn die Kinder größer sind. Gestillt wurde dort immer nach Bedarf und wenn das Kind wach war, war man für das Kind da. Laufgitter - Fehlanzeige. Und den kritikern muss ich sagen, kommen die Kubaner mit Ihrem Leben nicht zurecht? Sie sind lebensfroher trotz aller Probleme. mein zweiter Sohn kam hier zur Welt und ich habe es genau so gehalten und ihn im tuch getragen. Meine enkeltochter wächst auf die gleiche weise auf, weil meinem sohn und meiner Schwiegertochter dieser Natürliche Umgan mit Ihrem Kind zusagt.
    Katrin

    0 3
     
  • 24.08.2015
    11:41 Uhr

    hkremss: @Dummheit: Wow, Großbuchstaben, Punkte, Schreibfehler und null Argumente. Sie machen Ihrem Nick alle Ehre.

    0 6
     
  • 24.08.2015
    10:56 Uhr

    blemic: Man kann zu dem Thema ja durchaus kritisch stehen, aber was würden Sie denn bitte vorschlagen oder zumindest seriös in die Argumentation einbringen?
    Laut Hirnforscher Manfred Spitzer ist es für das geistige Entwicklungspotenzial im Jugendalter elementar wichtig, dass die Mutter die Bedürfnisse ihres Kindes versteht (somit nicht ihr eigener Bildungsstand). Bedürfnisse erkennen (und dies Signalisieren) und Bedürfnisse erfüllen sind erstmal zwei völlig verschiedene Dinge. Man kann die Bedürfnisse durchaus registrieren, ohne gleich jeden Wunsch erfüllen zu müssen. Erziehung MUSS immer dem Alter und dem Entwicklungsstand eines Kindes entsprechend sein. Natürlich ist das im ersten Lebensjahr, in dem sich ein Kind ja auch noch nicht selbst artikulieren kann viel wichtiger und effektiver, als bei einem Vierjährigen. Dem kann man nämlich erklären, warum man etwas tut oder lässt. In solchen Kursen soll den Eltern, die von Geburt an von allen Seiten durch Ratschläge verunsichert werden, Sicherheit gegeben werden, sich auf ihre Instinkte zu verlassen. Wenn ich ein schlechtes Gefühl dabei habe, dass mein Kind seit Stunden schreit, dann darf ich das auch haben und muss es nicht zwangläufig weiter schreien lassen. Wer schreibt z.B. vor, dass man nach 6 Monaten mit Beikost anfangen muss und vor allem warum zum Beispiel ausgerechnet mit Möhrenbrei (wie ich es in meinem Umfeld gehört habe)? Wie kommen sie darauf, dass diese Frauen gewaltbereit seien? Warum schafft Kindergeld eine Verfaulungsstruktur? Entschuldigung, aber das ist so ein haarsträubender Blödsinn. Es geht auch nicht darum, dass nur Stillen gut ist, denn manche Mütter können das ja auch gar nicht, sondern dass Stillen nichts Schlechtes ist und schon gar nicht schädlich, wie es von Hipp in Auftrag gegebene Studien versuchen weis zu machen. Wir sind schließlich Säugetiere. Wenn Sie sich mal mit der Bindungsorientierten Erziehung genauer beschäftigen würden (was sie offensichtlich noch nie im Ansatz getan haben), dann würden sie natürlich feststellen, dass da nicht da Rad neu erfunden wird. In den letzten sagen wir mal 100 Jahren wurde aber so einiges Zerstört oder in einen anderen Kontext gesetzt, was eigentlich logisch und jahrhundertelang bewährt war. Das ist nämlich weder der Kinderwagen, noch die künstliche Beikost, noch das schreien lassen etc. Sie würden auch feststellen, dass das bei weitem nicht so militant ist, wie Sie das in ihrem Kommentar erscheinen lassen.

    0 4
     
  • 24.08.2015
    07:26 Uhr

    Dummheit: Ihr Erziehungsmethoden sind so, dass sie eh oft nur noch TYRANNEN erziehen dem KINDERGELD haben sie ja auch für die ELTERN die absolute VERFAULUNGSSTRUKTUR geschaffen.
    Fall Sie sich nur einmal mit DDR auseinandergesetzt hätten wüssten Sie, das die Mehrheit was gegen Kinderkrippe unter 3 hat.
    Ansonsten ist diese Erziehung BINDUNGSORIENTIERT maximal etwas für das erste Lebensjahr.
    Weltfremd seid Ihr mit den Kursen alle mal.
    Da es bei derartig EXTREM gewaltbereiten Frauen heutzutage eh sinnlos ist.
    Schon wenn eine Mutter nicht stillen kann ......
    Die Katastrophe sind kirchliche und reformpädagogische Kindergärten....Projekte............

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