Die bisherige Standard-Halbliterflasche hat bei Hasseröder ausgedient. Über die Abfüllbänder laufen nun diese neuen Flaschen.
Foto: Anheuser-Busch In-Bev
Brauer sorgen sich um den Pfandkreislauf
Weil große Brauereien zunehmend ihre eigene Flasche kreieren, herrscht dicke Luft - Denn die Kosten für den Leerguttausch tragen alle
Chemnitz. Der Flaschenhals ist nicht rund, sondern sechseckig. In Reliefschrift prangt darauf der Markenname: Hasseröder. Die Brauerei in Wernigerode (Sachsen-Anhalt) ist dabei, ihre neue Flasche einzuführen. Es handelt sich um eine Individualflasche. Bis März will der Betrieb 100 Millionen davon ausliefern. Wer die Webseite der Firma ansteuert, bekommt die neue Hülle erklärt: "Der einzig wahre Sechskant für Männer", heißt es da am Ende.
Steffen Dittmar kann über solche Anspielungen nicht schmunzeln. Das Thema Individualflaschen treibt ihm die Zornesröte auf die Stirn. "Das ist ein Unding", schimpft der Chef der Löbauer Bergquell-Brauerei über die Flaschen, die demnächst "den hiesigen Markt überfluten werden". Der Pfandkreislauf gehe in die Binsen, sagt der Chef der ostsächsischen Firma. Er befürchtet, dass viele kleinere Häuser auf Dauer den logistischen Aufwand, den diese Flaschen verursachen, nicht mehr stemmen können. Mit zwei anderen Firmen geht Bergquell gegen den Trend an; sie haben es im Verband zum Thema gemacht, das Gespräch mit Handel und Politik gesucht.
Mit ihrer Kritik stehen sie nicht allein da. Auch Renate Scheibner, Präsidentin des Verbandes Privater Brauer und Chefin der Glückauf-Brauerei in Gersdorf (Landkreis Zwickau), spricht von einer "krassen Entwicklung": "Damit wird eine Marktbereinigung durchgeführt, die Individualflasche ist ein Wettbewerbsinstrument für große Betriebe." Günther Guder vom Verband des Getränkefachgroßhandels ist "not amused" über den Trend. Auch aus dem Freiberger Brauhaus, das zur Radeberger-Gruppe gehört, sind kritische Töne zu hören. Die Menge, die sortiert werden muss, steige. Und damit der Aufwand, sagt Marketingchef Steffen Hofmann. 2011 musste deshalb eine Sortieranlage angeschafft werden. Freiberger will der Einheitsflasche treu bleiben. "Solange es ein klassisches Mehrweg gibt, sollten wir es nutzen."
Lange war die Leergut-Rücknahme eine einfache Angelegenheit: Es gab im Wesentlichen nur drei Flaschensorten: NRW, Euro und Longneck. Die Brauereien brauchten die Flaschen nur spülen, neu befüllen und etikettieren. Das hat sich seit 2007 etwas geändert, als Radeberger und Veltins ihre eigene Flasche einführten. Weitere Marken folgten.
Diese Gebinde landen nun gemischt mit Einheitsflaschen in den Kästen, die der Großhandel an die Brauerei weiterleitet, deren Name auf der Kiste steht. Und diese hat das Problem: Sie muss selbst sortieren und die Flaschen mit dem Eigentümer tauschen oder die Kästen an Leerguthändler verkaufen. Egal, wie sich der Betrieb entscheidet - es kostet Geld. Laut Sächsischem Brauerbund erhält die Brauerei, die ihr Leergut abgibt, nur drei oder vier Cent je Flasche. Sie hat jedoch dem Handel zuvor acht Cent erstattet. Nicht nur, dass durch den Tauschprozess nicht immer überall ausreichend Leergut vorhanden sei, die "Betriebe machen auch noch Verlust", erklärt Verbands-Geschäftsführer Reinhard Zwanzig. Scheibner bezahlt zwei Teilzeitkräfte fürs Sortieren. 80.000 bis 100.000 Kästen mit falschem Leergut landen bei ihr jedes Jahr auf dem Hof. Der Verband geht davon aus, dass der Anteil der Individualflaschen im Freistaat bei 30 bis 50 Prozent liegt. Bundesweit werden 2012 etwa 13 Millionen Hektoliter in Flaschen mit Markenprägung abgefüllt. Der Gesamtausstoß der Branche lag 2011 bei 98,2 Millionen Hektoliter.
Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe kann den Unmut nachvollziehen. Die Ökobilanz von Mehrwegflaschen habe sich deswegen aber nicht verschlechtert. "Wir haben hier in erster Linie kein ökologisches Problem, sondern ein ökonomisches", sagt er. Denn auch die überregional agierenden Brauereien bedienten zuerst einen regionalen Markt im Umkreis bis zu 100 Kilometern. Bei Veltins liege dieser Anteil bei 70 Prozent. Auch hätten alle Firmen ob der Anschaffungskosten ein Interesse daran, das Leergut zurückzubekommen. Dementsprechend hätten sich Strukturen für den Austausch entwickelt.
Fast 30 Millionen Euro hat die zum Anheuser-Busch-In-Bev-Konzern gehörende Hasseröder in die neue Flasche investiert. Deshalb sei die Umstellung "nicht einfach bloß eine Marketingidee gewesen", sagt Konzernsprecher Oliver Bartelt. Man wolle stärker im Westen Fuß fassen. Um wettbewerbsfähig zu sein, sei auch eine Verbesserung der Optik nötig. Er geht davon aus, dass man das Leergut zielgenau zurückbekomme - trotz der Mengen.
Doch in Löbau bleibt man skeptisch. Für Dittmar bekommt die Flaschen-Debatte nun eine neue Qualität. Bislang seien es nur Biere im Premiumbereich gewesen, die in solche Flaschen abgefüllt wurden. Hasse-röder bediene jedoch das mittlere Preissegment. Guder: "Wir rechnen damit, dass die Durchmischung der Bierkästen im Osten deutlich steigt." Immerhin ist Hasseröder Marktführer bei Pilsbieren in Ostdeutschland.



