Menü

Themen:

 
Die Ruine des im November 2011 explodierten NSU-Unterschlupfes ist längst abgerissen, auf dem Areal wächst Gras. Im NSU-Prozess und in Untersuchungsausschüssen wird versucht zu verhindern, dass über den Fall selbst Gras wächst, ohne dass seine Details ausgeleuchtet sind.  Die Ruine des im November 2011 explodierten NSU-Unterschlupfes ist längst abgerissen, auf dem Areal wächst Gras. Im NSU-Prozess und in Untersuchungsausschüssen wird versucht zu verhindern, dass über den Fall selbst Gras wächst, ohne dass seine Details ausgeleuchtet sind.

Foto: Ralph Koehler/propicture

Aufarbeitung des NSU-Komplexes: Die Spur der V-Leute

Wie viel Staat steckt im NSU? Diese Frage ist drei Jahre nach dem vermuteten Freitod der mutmaßlichen Terroristen Mundlos und Böhnhardt noch immer unklar. Nur eins steht fest: Der Weg in den "Nationalsozialistischen Untergrund" war von staatlich finanzierten V-Leuten gesäumt.

Von Jens Eumann
erschienen am 06.11.2014

Chemnitz. Was machte der hauptamtliche hessische Geheimdienstmann Andreas T. zur Zeit des Kasseler Mordes am Tatort? Woher wusste dieser V-Mann-Führer noch vor ballistischer Auswertung der Projektile, dass der Internetcafé-Betreiber Halit Yozgat mit derselben Pistole vom Typ Ceska 83 getötet worden war, mit der Unbekannte schon acht ausländische Kleinunternehmer erschossen hatten? Warum brach die jetzt dem NSU zugeschriebene Ceska-Serie ab nach diesem neunten Mord, an dem ein Verfassungsschützer - laut seiner Version rein zufällig - so nah dran war? Die Besonderheiten des Kasseler Mordes vom 6. April 2006 sind nur eine Merkwürdigkeit unter vielen, die Theorien sprießen lassen. Theorien tiefer Verstrickung einzelner Staatsdiener oder gar Staatsdienste in den NSU-Komplex.

Die erste Spur in diese Richtung hatte der Vater von Uwe Mundlos geliefert, nur Wochen nachdem sein Sohn mit Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe aus Jena abgetaucht war, weil man ihre Bombenbastler-Garage entdeckt hatte. Professor Siegfried Mundlos hatte Zielfahndern vom Erhalt eines anonymen Briefs erzählt, in dem gestanden habe, Zschäpe sei "vermutlich Informantin des Verfassungsschutzes" und werde bezahlt. Dass "eine(r) oder mehrere" der Gesuchten "mit großer Wahrscheinlichkeit Mitarbeiter des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz" waren, diese Hypothese machte sich 1998 in Thüringer Ermittlerkreisen bis hin zur Staatsanwaltschaft breit. Allerdings ohne bewiesen worden zu sein, wie die sogenannte Schäfer-Kommission im Zuge der NSU-Aufarbeitung später festhielt. Bewiesen ist nur ein Versuch des Militärischen Abschirmdienstes (MAD), des Geheimdienstes der Bundeswehr, Uwe Mundlos während dessen Wehrdienstzeit als Quelle zu werben, laut Verteidigungsministerium vergeblich.

Doch unabhängig von der Frage, ob deutsche Geheimdienste einen direkten Draht ins Herz des Trios hatten, steht eines inzwischen fest: Das Abtauchen der drei wurde maßgeblich von Rechtsextremisten ermöglicht, die sehr wohl auf der Gehaltsliste des Staates standen. Auf der Treppe hinab in den "Nationalsozialistischen Untergrund" wurden zahlreiche Stufen von staatlich bezahlten V-Leuten gebildet.

Den Anfang machte Tino Brandt. Der aus Rudolstadt stammende Rechtsextremist (heute 39) gründete 1994 die "Anti-Antifa Ostthüringen" und 1996 den "Thüringer Heimatschutz". Beide wurden prompt Sammelbecken für regionale Neonazigruppen, unter anderen für die Kameradschaft Jena, der Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe angehörten. Brandts Szene-Kontakte reichten europaweit. Ansehen genoss er wegen seiner Radikalität, wie im Münchner NSU-Prozess der Angeklagte Carsten S. aussagte. Uwe Mundlos' Vater sieht Brandt direkt für die Radikalisierung seines Sohnes verantwortlich. In Brandts Garten in Kahla übte der junge Böhnhardt nach Zeugenaussagen mit einem Luftgewehr das Schießen. 2001 wurde Tino Brandt als V-Mann enttarnt. Seit 1994 hatte er dem Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) zugearbeitet. Von mehr als 200.000 Mark V-Mann-Salär, das er über Jahre bekam, will Brandt das meiste in die Szene gesteckt haben. Im NSU-Prozess sagte er aus, der "Heimatschutz" wäre zwar auch ohne Verfassungsschutz entstanden, ohne dessen Geld aber nie so bedeutend geworden. Brandt hatte auch nach dem Abtauchen des Trios Telefonkontakt zu diesem (nachweislich letztmals 1999). Er sollte für die drei einen neuen Zufluchtsort finden. Brandt soll 500 Euro fürs Trio gespendet haben.

Immerhin gab er seinem V-Mann-Führer den Tipp, das Trio sei mit dem Peugeot von Ralf Wohlleben (heute Mitangeklagter Zschäpes im NSU-Prozess) in Richtung Dresden geflohen. Das Auto sei auf der A4 liegen geblieben. Der Saalfelder Neonazi Andreas R. (heute 42) habe das Auto zurückgeholt. Was Brandt nicht wusste: Andreas R. war selbst seit 1996 fürs Thüringer LfV tätig - als Gewährsperson "Alex". Und das, obwohl er nach Erkenntnissen des Staatsschutzes der Polizei Mitte der 90er-Jahre als einer der gefährlichsten Köpfe der Szene galt. Nach Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung war er 1993 zeitweise ins Ausland abgetaucht. Vom LfV wurde Andreas R. alias "Alex" 1998 mit dem Hinweis konfrontiert, er habe den Fluchtwagen abgeschleppt, leugnete das jedoch. Die Spur wurde nicht weiterverfolgt. Inzwischen räumte R., der heute im NSU-Prozess aussagen soll, ein, dass er "Abschleppdienst" leistete.

Hätten Ermittler nach der Flucht des Trios am 26. Januar 1998 eine bei der Garagen-Razzia entdeckte Kontaktliste von Uwe Mundlos beachtet, man wäre auf die nächste Untergrund-Station gestoßen: den Chemnitzer Neonazi Thomas S. (heute 47). Dieser hatte, wie er inzwischen gestand, dem Trio nicht nur jene fast anderthalb Kilogramm des militärischen Sprengstoffs TNT besorgt, mit dem die drei Rohrbomben zu bauen versuchten. Im Februar 1998 wurde Thomas S. auch zum Dreh- und Angelpunkt der Chemnitzer NSU-Unterstützer-Szene. Er brachte die drei bei Kameraden unter und vermittelte Kontakte. Mundlos wurde Jahre später noch gesehen, als er Thomas S. besuchte. Wie lange S. Kontakt hielt, ist unklar. Interessant ist die Frage aber, weil Thomas S. als "Quelle 562" mindestens ab November 2000 V-Mann des Berliner LKA war.

Einer der Kontakte des Trios, die über Thomas S. entstanden, war der zu Jan W. (heute 39). Zusammen mit S. führte dieser die Chemnitzer Neonazi-Gruppe "88er" an, die im sächsischen Ableger der seit dem Jahr 2000 verbotenen Blood-&-Honour-Vereinigung aufging. W. organisierte Rechtsrock-Konzerte, gründete ein Plattenlabel und gab das Neonazi-Magazin "White Supremacy" heraus. Für dieses soll Mundlos im Untergrund geschrieben haben. V-Mann-Status hatte Jan W. angeblich nicht, laut Sachsens Verfassungsschutz hatte er 1995 eine Anwerbung abgelehnt. Doch war er über Jahre Ansprechpartner des Staatsschutzes der Chemnitzer Polizei. Laut dem Vizechef dieses Dezernats informierte Jan W. stets bereitwillig über anstehende Veranstaltungen. Von Kontakten zum NSU-Trio berichtete Jan W. der Polizei nichts. Dabei war er selbst im September 1998 die heißeste Spur zum Trio.

Diese lieferte der Neonazi Carsten Szczepanski (heute 44), der als V-Mann "Piatto" fürs Brandenburger LfV arbeitete. Jan W. sei von den Flüchtigen beauftragt, Waffen zu beschaffen, berichtete "Piatto" seinem V-Mann-Führer (Sachsens heutigem LfV-Präsidenten Gordian Meyer-Plath). Obwohl das Trio offenkundig dazu ansetzte, seinen Lebensunterhalt im Untergrund nun mit bewaffneten Überfällen zu verdienen, kam der Tipp bei den Ermittlern gar nicht an. Der Geheimdienst fürchtete, "Piatto" fliege auf. Quellenschutz wertete man höher als ein Verhindern von Straftaten.

Auf der Mundlos-Telefonliste fanden sich weitere Namen von Rechtsextremisten, die sich inzwischen als V-Leute entpuppten. Darunter Kai D., ein aus Bayern stammender Mentor Tino Brandts, der im Osten Neonazi-Aufbauhilfe geleistet hatte, zugleich aber V-Mann des Bayerischen LfV war. Auch der im März 2014 kurz vor seiner geplanten Vernehmung gestorbene Hallenser Neonazi Thomas R. stand 1998 auf der Mundlos-Liste - warum, ist unklar. Klar ist, dass er noch mehr Bezugspunkte zum NSU hatte. Fürs Szene-Magazin "Weißer Wolf" stellte er Server-Kapazität im Netz zur Verfügung. In diesem Magazin war schon 2002, elf Jahre vor Auffliegen des Terrors, vom "NSU" die Rede. Auch war Thomas R. Mitglied eines baden-württembergischen Ablegers des rassistischen Ku-Klux-Klan, dem zeitweise zwei Kollegen der 2007 ermordeten Polizistin Michèle Kiesewetter angehörten. 2012 flog auf, dass R. seit den 90er-Jahren fürs Bundesamt für Verfassungsschutz tätig war - als V-Mann "Corelli".

Als V-Mann "Primus" arbeitete der Zwickauer Nazi-Shop-Betreiber Ralf M. (heute 43) fürs Bundesamt. Ein Zeuge will Ralf M. im Sommer 1998 mit Mundlos und Böhnhardt in Greiz gesehen haben. Ein Geschäftspartner M.s behauptet zudem, Beate Zschäpe sei später häufig in einem von M. und ihm geführten Laden gewesen. Im Zuge der Ermittlungen stellte man fest, dass Ralf M. zur Zeit zweier NSU-Morde Autos gemietet hatte. Die Kilometer-Abrechnung passte zu Fahrten an die Tatorte. Ralf M. bestritt, das Trio überhaupt zu kennen.

Er habe eine Baufirma betrieben, deren Mitarbeiter mit den Autos zu fernen Einsätzen gefahren seien. 2007 tauchte Ralf M. unter, lebt jetzt in der Schweiz. In dem bis 2007 von ihm betriebenen Neonazi-Shop in Zwickau wurde nach Auffliegen des NSU 2011 ein Shirt entdeckt, das unter einem Bild der fürs Mord-Bekennervideo missbrauchten Trickfilmfigur Paul Panther das Wort "Staatsfeind" trug. Nach Auskunft der neuen Shopbetreiber ist nicht mehr nachvollziehbar, woher das Shirt stammte, doch habe es schon länger im Laden gehangen. Das ist ein Indiz dafür, dass jemand im Umfeld des Ladens das NSU-Video kannte, bevor es öffentlich wurde.

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
1
Lesen Sie auch:
 
Kommentare
1
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 06.11.2014
    16:56 Uhr

    hanskloppstock: Ich bin erst seit heute auf die Freiepresse.de aufmerksam geworden. Die Tiefe der Recherchen ist meines Erachtens nach bisher unerreicht. Danke für diese Akribie, Herr Eumann.

    0 2
     

 
 
 
 
 
 
am meisten ...
 
 
Adventstermine im Überblick
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Die Blaue Börse jetzt neu!

Schalten Sie Ihre Anzeige noch auffälliger - mit Farbfoto oder mit größerer Überschrift! Ihre Anzeige erscheint mittwochs in der Freien Presse und gratis dazu 7 Tage im Internet.

► Zeitungsanzeige inserieren
► Online Only Anzeige inserieren

 
 
 
 
 
|||||
mmmmm