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Am Tag, an dem auf der Heilbronner Theresienwiese die Polizistin Michèle Kiesewetter starb, war ein Chemnitzer Wohnmobilvermieter des NSU auch im Raum Heilbronn unterwegs.

Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Die eigene Wahrheit zweifelhafter Zeugen

Im NSU-Prozess wurden gestern mehrere Zeugen über Stunden in die Mangel genommen. Andere schickte das Gericht vorerst wieder nach Hause.

Von Jens Eumann
erschienen am 13.11.2013

München. Es war ein Tag der zweifelhaften Zeugen. "Ich weiß nicht, ob jetzt jeder verdächtig ist, der mit AH im Kennzeichen rumfährt", wehrte sich gestern der in den NSU-Prozess am Oberlandesgericht München geladene Chemnitzer Autovermieter Alexander H. Über Jahre soll er Fahrzeuge ans Trio des "Nationalsozialistischen Untergrunds", also Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe, vermietet haben. Bisher stand indes nie im Raum, dass der Geschäftsmann vielleicht gewusst haben könnte, wer und was sich hinter dem Alias "Holger G." verbarg, der seine Fahrzeuge mietete. Dass sich der 35-jährige Chemnitzer plötzlich selbst einem Kreuzverhör mehrerer Opferanwälte ausgesetzt sah, hatte mit einer Verkettung merkwürdiger Fakten zu tun.

Das AH im Nummernschild seiner Firmenfahrzeuge, eine Buchstabenkombination, die in der rechten Szene als Bekenntnis zu Adolf Hitler gilt, konnte der Zeuge mit Verweis auf seine eigenen Initialen A. H. erklären. Die Kennzeichen-Kombination "C-AH-28" indes warf weitere Fragen auf. Die "28" sage ihm nichts, beteuerte der Zeuge auf Nachbohren eines Nebenklageanwalts, der Alexander H. zuvor nach seiner eigenen politischen Einstellung befragt hatte. Als weder "rechts" noch "national" hatte sich der Chemnitzer bezeichnet. Seit dem Verbot der rechtsextremen Szenevereinigung "Blood & Honour", kurz B&H, der viele Personen des NSU-Helfernetzes entstammten, gilt die Ziffernfolge "28" stellvertretend für den zweiten und achten Buchstaben des Alphabets, also "BH", als Bekenntnis zu dieser Vereinigung. Das indes will Alexander H. nicht gewusst haben. Doch damit waren die seltsamen Zufälle noch nicht erschöpft.

Wo er sich am 25. April 2007 aufgehalten habe, dem Tag des Heilbronner Mordes an der Polizistin Michèle Kiesewetter, wollte einer der Opferanwälte wissen. Genau könne er das nicht sagen, entgegnete der Chemnitzer. Ob es sein könne, dass er selbst in Heilbronn gewesen sei, fasste der Anwalt nach. Könne sein, sagte der Zeuge, der schon in seiner Polizeivernehmung daraufhin abgeklopft worden war. An jenem Tag habe er ein gebrauchtes Wohnmobil bei einem Händler im Raum Heilbronn angeschaut, räumte Alexander H. ein, ob das direkt in Heilbronn gewesen sei, wisse er nicht mehr.

Die nächste zweifelhafte Zeugin war die Friseurin Silvia S. aus Hannover, deren Krankenversicherungskarte über Jahre von Beate Zschäpe genutzt wurde. Auch hatte das Trio mit persönlichen Daten dieser Zeugin Bibliotheksausweise und Kundenkarten für Beate Zschäpe fertigen lassen. Klar ist, dass der im Prozess angeklagte mutmaßliche NSU-Helfer Holger G. die Zeugin Silvia S. einst überredete, ihm ihre Krankenkassenkarte zu verkaufen.

Unklar ist, wieviel er ihr über deren geplante Nutzung verriet. Nichts habe sie gewusst, nichts habe sie hinterfragt, druckste die Frau gestern herum. Nur an die angebotenen 300 Euro habe sie gedacht: "Ich bin eine arme Friseurin." Richter Manfred Götzl wurde laut, als er die Zeugin angesichts ihrer unglaubwürdigen Aussagen an die Wahrheitspflicht erinnerte. "Es ist wirklich meine Wahrheit, was ich jetzt hier erzähle", betonte Silvia S. unwirsch. Sie kenne die "Beate" nicht, an die ihre Karte weitergegeben worden sei. Erst aus den Medien habe sie von dem Trio erfahren. Ob es für sie üblich sei, Personen, die sie nur aus den Medien kenne, beim Vornamen zu nennen? Zu dieser Frage wurde die Zeugin von gleich mehreren Anwälten gelöchert. Nein, üblich sei das nicht, sagte Silvia S. Warum sie das bei Zschäpe so handhabt, blieb ihr Geheimnis.

Die Vernehmung der Zeugin, deren Mann mit Holger G. in der rechten Szene aktiv war, zog sich bis zum Abend hin. Zur geplanten Vernehmung von Brigitte Böhnhardt kam es so gar nicht mehr. Die Mutter des toten Uwe Böhnhardt soll nun am 19. November gehört werden. Auch die vorgesehene Vernehmung jener anderen erzgebirgischen Friseurin, Mandy S. aus Schwarzenberg, fiel vorerst aus. Kurz nach Abtauchen des Trios soll Mandy S. diesem Unterschlupf gewährt und für Beate Zschäpe ebenfalls Alias-Papiere bereitgestellt haben.

Pannenserie setzt sich fort

In München ist es erneut zu einer Panne rund um die Mordserie der rechtsextremen Terrorgruppe NSU gekommen. Am vergangenen Freitag waren an den Tatorten Gedenktafeln für die beiden Münchner Opfer enthüllt worden. Die Stadt hatte dazu ausgewählte Journalisten eingeladen, allerdings - wie erst jetzt bekannt wurde - keine türkischen, obwohl acht der zehn NSU-Mordopfer türkischstämmig waren.

"Dieses Versehen" bedaure sie sehr, teilte die Stadt München mit. "Die Enthüllung der Gedenktafeln für die beiden in München ermordeten NSU-Opfer an den jeweiligen Tatorten im öffentlichen Straßenraum sollte - nicht zuletzt mit Rücksicht auf die anwesenden Angehörigen - in einem würdigen, ungestörten Rahmen abhalten werden", hieß es weiter. Bei den Medien-Einladungen seien türkische und griechische Journalisten übersehen worden. Unter den Münchner NSU-Opfern war auch ein Grieche.

Auch der Beginn des weltweit beachteten Prozesses gegen das mutmaßliche NSU-Mitglied Beate Zschäpe im Mai war von Pannen überschattet worden. Bei der Sitzplatzvergabe gingen türkische Medienvertreter zunächst leer aus. Erst nach Intervention des Bundesverfassungsgerichtes wurden die Sitzplätze in einem Losverfahren neu vergeben. Auch türkische Journalisten können nun von dem Prozess berichten.

 
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