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Jens Eumann

Foto: Ronny Rozum

Vorschnelle Urteile, verdrängte Spuren

Soko Peggy legt Analyse zu Spur des NSU-Mitglieds Uwe Böhnhardt vor

Von Jens Eumann
erschienen am 08.03.2017

Größer kann augenscheinliches Chaos kaum sein. Dabei hatten die Ermittlungsbehörden zunächst vorschnell betont, eine Panne durch Spurenverunreinigung sei auszuschließen, als sie im vorigen Herbst die Bombe platzen ließen. Am Fundort des Skeletts der vermissten Peggy K. war DNA des mutmaßlichen Terroristen Uwe Böhnhardt gefunden worden. Die Nachricht verdrängte im Oktober 2016 sämtliche anderen mit dem "Nationalsozialistischen Untergrund" verbundenen Schlagzeilen.

Zuvor war 2016 das Jahr der Geheimdienst-Spuren gewesen. Etwa die des Zwickauer V-Manns Ralf Marschner, der über Jahre fürs Bundesamt für Verfassungsschutz gespitzelt hatte, ehe er angeblich 2002, also nach den ersten NSU-Morden, abgeschaltet worden war. Im Sommer 2007, just nach dem ebenfalls dem NSU zugeschriebenen Heilbronner Polizistinnen-Mord, verschwand Marschner aus Zwickau. Inzwischen weiß man nicht nur, dass er in die Schweiz abtauchte, sondern auch, dass die Bundesanwaltschaft 2012 vorschnell abgewinkt hatte, als ein Zeuge aussagte, Marschner habe Zschäpe in seinem Laden beschäftigt. 2016 deckten Stefan Aust und Dirk Laabs in der "Welt"auf, dass Marschner zur Zeit der Mordserie wohl nicht nur Zschäpe, sondern das ganze abgetauchte Trio in seinen Firmen jobben ließ.

All das ging in den Wogen um Böhnhardts DNA an Peggys Fundort unter. Auch der im November 2016 von der "Freien Presse" enthüllte Fakt, dass Marschner ein halbes Jahr vorm eigenen Abtauchen ins Ausland nach Pullach gereist war. Die Frage, was der Ex-V-Mann in Pullach tat, wo der deutsche Auslandsgeheimdienst seinen Sitz hat, ist offen.

Nur Wochen vor Bekanntwerden der Böhnhardt-Peggy-Verbindung ging der Untersuchungsausschuss des Bundestages Geheimdienst-Spuren nach, etwa dem plötzlichen Tod des V-Manns "Corelli". Im Zeugenschutz war der Mann 2014 just vor der Vernehmung zu seinen NSU-Verbindungen tot aufgefunden worden. Für das hyperglykämische Koma, das angeblich seinen Tod auslöste, fand ein Gutachter zunächst nur einen möglichen Grund: eine unentdeckte Diabetes-Krankheit. Eine vorschnelle Festlegung, wie der Arzt im Sommer 2016 einschränkte. Auszuschließen seien auch Folgen einer Vergiftung nicht, revidierte der Gutachter bei erneuter Vernehmung. Das früher genutzte Rattengift Vacor löse exakt diese Symptome aus. Solch vorübergehend vergessenen Aspekten des NSU-Komplexes muss man sich nach der Kehrtwende bei der Peggy-Spur wieder zuwenden.

Wie der fingernagelgroße Fetzen von Böhnhardts Kopfhörer aus dem 2011 in Eisenach ausgebrannten Wohnmobil 2016 neben das Skelett von Peggy kam? Darauf haben Bayreuther Ermittler nun schließlich eine andere als die vorschnelle damalige Antwort. Es müsse einen Spurenübertrag gegeben haben, und das durch die Tatort-Einheit, die sowohl in Eisenach als auch bei Peggy fünf Jahre später im Einsatz war. Wie genau das geschah, sei noch zu untersuchen. Nur eines schließt der Leiter der Soko Peggy aus: Dass Böhnhardts Spur absichtlich eingebracht wurde! Vorschnell?

 
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