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Alles schläft, einer wacht: André Parron und Stefanie Schäfer aus Dresden versuchen, Sohn Timo nachts in ihrer Mitte zu haben.

Foto: Thomas Kretschel

Bindungsorientierte Erziehung: Alle in einem Bett

Eltern aus Sachsen testen für 20 Tage eine besondere Haltung zum Kind, bei der seine Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen. Die "Freie Presse" hat sie begleitet. Coaches helfen bei der Umsetzung der Regeln. Vor einer Woche erklärten wir Regel 1 und 2 zum Schreien und Tragen. Heute geht es um Regel 3 und 4 - das Schlafen im Familienbett und das Füttern nach Bedarf.

Von Stephanie Wesely
erschienen am 19.10.2015

Schläft dein Kind schon durch? Das ist meist die erste Frage, die jungen Eltern gestellt wird. "Dabei ist es gar nicht normal, dass Babys die ganze Nacht durchschlafen", sagt Leona Weigelt, Babykursleiterin von "Einfach Eltern" in Dresden. Sie hat sich intensiv mit der Schlafforschung beschäftigt.

"Babys wachen alle 50 bis 70 Minuten auf. Aber auch wir Erwachsenen sind alle 90 bis 120 Minuten wach, erinnern uns nur am nächsten Morgen nicht mehr daran, weil wir einfach weiterschlafen", sagt sie. Erwachsene würden schnell in eine Tiefschlafphase fallen. Das Baby durchlebe bis zum Alter von neun Monaten zuerst eine REM-Phase, in der es sehr leicht erwacht. Diese Phase sei sehr wichtig, damit es die Eindrücke des Tages verarbeiten kann, sagt Leona Weigelt.

"Dazu gehört auch ein großes Sicherheitsbedürfnis. Das Baby kontrolliert durch Rufe oder Tasten nach den Eltern, ob noch alles in Ordnung ist." Liege es allein in einem Bett oder gar in einem anderen Zimmer, fehle diese Rückversicherung. Das Kind könne sich nicht alleine wieder beruhigen. Erst ab etwa dem zehnten Lebensmonat habe es gelernt, dass die Eltern eigenständige Personen sind. Vorher seien aus Kindersicht Mutter und Kind eins.

Leona Weigelt - Babykursleiterin, Verein "Einfach Eltern", Dresden

Foto: Privat

Und wie reagieren Eltern auf Babys Laute in der Nacht? "Ruhiges Zureden, Körperkontakt oder kurzes Stillen reichen", sagt sie. "Dazu muss man nicht mal aufstehen, das geht alles vom Bett aus." Stillen sei deshalb so wichtig, weil die Muttermilch tags und nachts anders zusammengesetzt ist. Abends und nachts enthalte sie einschlaffördernde Hormone. Bei Flaschenkindern ist das nicht ganz so komfortabel, denn das Fläschchen muss immer frisch zubereitet werden.

Daniela und Michael Grüner aus Radeberg nehmen ihre fünf Monate alte Helena mit ins große Bett. "Helena kommt nachts jede Stunde. Wenn ich da aufstehen müsste, wäre das noch stressiger. So lässt sich das eher verkraften", sagt Daniela Grüner. Stefanie Kunze und Dirk Richter aus Dresden haben sich für ein Beistellbett entschieden. "Da ist für uns mehr Platz", sagen die beiden. Allerdings sei ihr vier Monate alter Fabian in der zweiten Nachthälfte unruhiger. "Dann nehmen wir ihn doch noch mit zu uns ins Bett."

Casey Jay, der sechs Monate alte Sohn von Isabelle und Michael Beyer, habe von Anfang an im eigenen Bettchen im Zimmer der Eltern geschlafen. "Er schläft gut ein. Wenn er jammert, nehme ich ihn heraus", sagt Isabelle Beyer: "Wir nehmen den Kleinen nicht mit ins Bett. Unser Großer würde mit seinen vier Jahren nicht verstehen, warum der Kleine eine Sonderbehandlung bekommt", sagt sie. Eva Zessin aus Ottendorf-Okrilla nickt schmunzelnd: "Unser Großer klettert auch oft über die Bettbrüstung, wenn er Tom-Noah bei uns liegen sieht."

Im gemeinsamen Bett sollten Eltern aus Sicherheitsgründen darauf achten, dass das Kind nicht auf Kissen liegt, so Leona Weigelt. Auch Plüschtiere und Schaf-Felle hätten dort nichts zu suchen. Eine Decke braucht das Baby nicht. Der Schlafsack sei am sichersten.

Matilda liebt es, mit Mama ein Bett zu teilen.

Foto: Michael Blessing

Das Bett am Bett

Beistellbetten sind eine komfortable und sichere Möglichkeit, das Bett fürs Baby zu erweitern. Es wird fest mit dem Elternbett verbunden und kann in der Höhe variabel angepasst werden, sodass das Kind mit den Eltern auf einer Ebene schläft. Das ist auch der Tipp der Babykursleiterinnen für Eltern, die sich ein Beistellbett kaufen wollen. Sie sollten unbedingt auf die flexible Höhenverstellbarkeit achten. Manche Fabrikate haben zwar Bohrungen in verschiedenen Höhen. Sie passen aber dennoch nicht immer genau. Erhältlich sind die Beistellbetten in verschiedenen Längen, sodass, Herstellerangaben zufolge, die Kinder bis zum dritten Lebensjahr darin schlafen können.

Aga Becker (Foto), eine unserer Testmütter aus Dresden, ist froh, das Bettchen zu haben: "Matilda bekommt Zähne und ist sehr unruhig. Letzte Nacht habe ich sie mehrmals gestillt. Das ist viel bequemer, wenn ich dazu nicht aufstehen muss. (sw)

Katja Schill

Foto: privat

Eigenes Bett - ab wann?

Das gemeinsame Schlafen im Elternbett ist laut Katja Schill nicht auf ein Kind beschränkt. Stephanie Wesely sprach mit der Babykursleiterin. 

 

Frau Schill, die ganze Familie in einem Bett. Kann das gut gehen?

Ja, natürlich. Und wenn ein weiteres Kind dazukommt, wird halt erweitert. Viele Eltern bauen sich sogar extragroße Betten dafür. Aber wichtig ist, dass das Zusammenschlafen von beiden Partnern toleriert wird.

Wie lange kann ein Kind mit bei den Eltern schlafen?

So lange, wie es für alle okay ist. Oft machen die Kinder den Anfang und wollen in ein eigenes Bett. Vielleicht weil sie es bei Freunden gesehen haben. Wenn nicht, und den Eltern wird es langsam zu eng, kann man die Kinder Schritt für Schritt ans eigene Bett gewöhnen. Sie sollten aber immer die Sicherheit haben, jederzeit wieder zu den Eltern kommen zu dürfen, wenn sie ihre Nähe brauchen. Erwachen die Kleinen morgens im eigenen Bett, wird mit Lob natürlich nicht gespart.

Ärzte warnen oft davor, Kinder mit ins Bett zu nehmen. Das Risiko für den plötzlichen Kindstod soll höher sein als im eigenen Bett?

Wissenschaftliche Untersuchungen belegen eher das Gegenteil. Durch das gleichmäßige Atmen der Eltern wurden Babys sogar aus nächtlichen Atemaussetzern herausgeholt. Denn der Schlafzyklus von Mutter und Kind passen sich an. Zur Vorbeugung des plötzlichen Kindstods ist es besser, wenn Kinder im ersten Jahr nicht unnötig in den Tiefschlaf fallen.

Warum sollen Kinder nachts gestillt werden? Ist es nicht besser, ihnen das abzugewöhnen?

Stillen ist mehr als nur Nahrungsaufnahme. Es ist Nähe und Geborgenheit, es gibt Sicherheit. Ein voll gestilltes Baby braucht nachts noch Nahrung. Denn das Gehirn entwickelt sich vorzugsweise in den Nachtstunden. Dazu braucht der Körper Energie. Eine Muttermilchmahlzeit vorm Schlafen reicht da oft nicht aus.

Casey Jay Beyer aus Pirna ist sechs Monate alt und wird nicht mehr gestillt. Seine Flasche bekommt einen Überzug.

Foto: Thomas Kretschel

Füttern ohne Waage und Uhr

Regel 4: Das Baby wird nicht nach Plan gestillt oder gefüttert, sondern bekommt Milch, wann immer es danach verlangt.

"Vier bis fünf Jahre werden im weltweiten Durchschnitt die Kinder gestillt. Davon haben die Milchzähne auch ihren Namen" , sagt Dorothea Dumke. In Deutschland und den westlichen Industriestaaten liege die Stilldauer im Schnitt bei sechs Monaten. "Und selbst das wird von vielen schon als lange empfunden", so die Kursleiterin, die sich auf Babyernährung spezialisiert hat.

Nur maximal zwei Prozent der Frauen können aus anatomischen oder anderen Gründen nicht stillen. Bei der Mehrheit liege es am Stress oder am schlechten Stillmanagement in Kliniken, das dem Baby diese wertvolle Nahrung nicht zur Verfügung steht. "Es gibt viel weniger Stillberaterinnen auf den Stationen als nötig sind", sagt Dorothea Dumke. Deshalb empfiehlt sie Frauen nach dem Klinikaufenthalt eine Stillberatung. "Auch Hebammen können hier gut helfen", sagt sie.

Die Muttermilch sei ein ganz besonderer Saft, denn sie enthalte alles, was das Baby in den ersten Monaten und sogar im ersten Lebensjahr braucht. Dumke: "Sie ist wie ein flüssiges Immunsystem, da die Milch den noch unreifen Darm von innen mit einer Schutzhülle auskleidet. Außerdem ist sie Medizin: Ist das Baby krank, steckt sich die Mutter unweigerlich an. Das heißt aber nicht, dass sie auch krank wird. Nein. Es werden Antikörper gebildet und diese gehen in die Muttermilch über. Und davon profitiert das Baby."

Dorothea Dumke - Babykursleiterin

Foto: Privat

Bei der bedürfnisorientierten Erziehung des Kindes wird beim Stillen nicht auf die Uhr geschaut. "Lasst alle Zahlen weg und achtet nur auf euer Kind", rät die Babykursleiterin. Es braucht auch keine Waage, um festzustellen, wie viel das Baby getrunken hat. Dumke: "Es ist nicht schlimm, wenn euer Kind immer nur mal eine Minute nuckelt, schließlich möchte das Saugbedürfnis auch gestillt werden." Das Saugen sei wichtig für die Entwicklung der Gesichtsmuskulatur und somit für die Sprachentwicklung.

Isabelle Beyer aus Pirna stillt ihren Sohn Casey Jay nicht mehr. "Wir sind auf Flaschennahrung umgestiegen, weil ich den Eindruck hatte, dass er nicht mehr richtig satt wird. Er hat immer gejammert. Seitdem ist das besser, er wirkt zufriedener", begründet die 25-Jährige. "Du musst kein schlechtes Gewissen haben", sagt Kursleiterin Dumke zu ihr. "Warum auch immer das Baby die Flasche statt der Brust bekommt, es ist okay. Eine gute Mutter wird man nicht durchs Stillen, sondern dadurch, dass man feinfühlig auf die Bedürfnisse seines Kindes reagiert."

Bei der Flaschennahrung solle man nicht auf Marketingkonzepte der Hersteller hereinfallen. "Ihr könnt das ganze erste Lebensjahr Pre- oder Einser Milch geben", so Dumke. "Milch, die für ältere Säuglinge konzipiert wurde, enthält oft zu viel Zucker. Das ist schädlich."

Auch Flaschenkinder sollten nicht nach Uhr oder Waage gefüttert werden. "Deshalb empfehlen wir den Flaschenüberzug. Da sieht man nicht, wie viel das Kind getrunken hat", sagt sie.

Wenn das Kind die Hand zum Mund führen kann, es frei mit wenig Unterstützung sitzt und Interesse an der Nahrungsaufnahme zeigt, ist Zeit für die Beikost. Diese sollte immer von Muttermilch oder Pre-Milch umspült sein, das erleichtere die Verdauung. "Doch Beikost heißt nicht Brei. Fingerfood ist eine gute Alternative, denn das Baby lernt das Essen mit allen Sinnen kennen. Das ist am Anfang ein großes Gematsche. Denn zunächst wird das Kind mit dem Essen spielen. Wir haben einen Duschvorhang unter das Stühlchen gelegt", rät Dorothea Dumke. "Das Baby bestimmt das Tempo. Es soll mit am Familientisch sein, muss nicht extra gefüttert werden. Es kann kosten, wovon es mag. Voraussetzung ist, dass das Essen nicht zu scharf oder zu süß ist", rät sie. Ideal seien Sticks aus gedünstetem Gemüse. (sw)

Nächste Folge am kommenden Montag: Acht Test-Elternpaare sagen, was ihnen und ihrem Kind die bindungsorientierte Erziehung gebracht hat - und was nicht.

 
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