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Gekonnt scheitern
Wer offensiv mit Misserfolgen umgeht, gewinnt Kraft für Neues
Augsburg/Stuttgart (dapd). Misserfolge gehören zum Leben. Schon Kinder müssen damit fertig werden, dass ihre Mannschaft beim Fußballspiel verliert oder sie eine Klassenarbeit verpatzen. Im Erwachsenenalter sind es berufliche Niederlagen, die Trennung vom Partner, geplatzte Träume - Krisen und Niederlagen kennt jeder.
Psychologen sehen gerade im Scheitern die Quelle für Neues: Aus negativen Erlebnissen können Menschen durchaus Kraft schöpfen. "Eine zerstörte Hoffnung oder ein Misserfolg stoßen oft einen Neuanfang an oder eine innere Veränderung. Was daraus erwächst, muss nicht schlechter und kann besser sein als der vertraute Trott, aus dem man freiwillig nie ausgeschert wäre", meint Buchautorin Doris Märtin.
Doch wie geht man um mit Schmerz, Trauer und Wut nach einem erfolglosen Bewerbungsgespräch, einer misslungenen Projektpräsentation oder einer Kündigung? Am liebsten würde man sich in eine Ecke zurückziehen oder seinen Ärger laut herausschreien. "Man sollte diese Gefühle durchaus zulassen, aber nicht vor Fremden ausleben", rät Doris Märtin. Besser sei es, sich nach außen zur Ruhe zu zwingen, ein Glas Wasser zu trinken und gelassen zu wirken, sagt die Kommunikationsberaterin aus Augsburg. Auf negative Informationen sollte man auch im ersten Schock möglichst sachlich antworten, beispielsweise mit den Worten: "Das ist keine gute Nachricht." Oder: "Geben Sie mir eine halbe Stunde Zeit, ich melde mich." Später, in ruhigeren Minuten, könne man sich dann in der Familie oder bei Freunden eine Schulter zum Ausweinen suchen.
Auch der Stuttgarter Psychologe Roland Kachler empfiehlt, die Gefühle nicht undifferenziert nach außen zu schleudern. "Besser ist es, einen Brief zu schreiben an den Chef oder an den Partner, der sich von einem getrennt hat. Darin kann man sich alle seine Gefühle von der Seele schreiben. Dieser Brief darf aber niemals abgeschickt werden. Er dient nur dazu, mit sich selbst ins Reine zu kommen." Gut sei auch körperliche Bewegung wie Joggen. Das dabei ausgeschüttete Adrenalin hilft, das Ganze besser zu verarbeiten.
Wie lange die Trauerphase nach einem negativen Erlebnis dauere, hänge von der Schwere der Niederlage ab, sagt Doris Märtin. "Wenn eine Präsentation missglückt ist, wird man spätestens am nächsten Tag in Richtung Lösung denken und überlegen, was man tun kann, um beim nächsten Mal mehr Erfolg zu haben. Hat man aber den Job verloren oder sich gerade vom Partner getrennt, kann es sehr lange dauern, bis man den Verlust verschmerzt hat." Bei aller Trauer sollte der Blick immer wieder bewusst auf die Zukunft gelenkt werden. Grübeln und Ursachenforschung brächten im Vergleich dazu weniger: Wer zu lange in der Trauerphase verharrt, verfängt sich leicht in den negativen Gefühlen.
Irgendwann ist es an der Zeit, sich der Realität zu stellen. Das bedeutet, sich zu fragen, was man hätte besser machen können, was man aus der Niederlage lernen kann und welche konkreten Schritte jetzt zu tun sind. Wichtig ist die selbstkritische Reflexion, welchen Anteil man selbst an der Situation hatte und welche Umstände von außen dazu kamen. Wenn zum Beispiel die Gründe für den Jobverlust in einer Standortschließung lagen, brauche man nicht mit sich zu hadern. "Aber auch wenn man eigene Anteile am Scheitern hat, sollte man sich nicht als ganzer Mensch abwerten, sondern differenzieren. Man ist ja nicht allgemein gescheitert, sondern in einem einzelnen Bereich", sagt Roland Kachler.
Hilfreich ist Unterstützung von außen. Familie oder Freunde haben oft einen neutralen Blick auf das Problem, können neue Lösungsansätze vorschlagen. Aber auch professionelle Hilfe ist manchmal gefragt, wenn etwa schon die hundertste Bewerbung kein Echo bei den Arbeitgebern fand. Dann kann ein Bewerbungscoach den Durchbruch bringen.
Mit kleinen Schritten finden die meisten Menschen nach und nach aus der Krise heraus. "Wer eine Trennung von seinem Partner hinter sich hat, kann zum Beispiel einen Kurs belegen oder eine Reise buchen. Dort lernt er vielleicht jemanden kennen. Aber er sollte die Erwartungen nicht zu hoch schrauben und immer das Ziel im Auge behalten", meint Roland Kachler.
Auch Doris Märtin rät zum aktiven Umgang mit dem Scheitern: "Orientierungslosigkeit und Gefühlslöcher überwindet man am besten, indem man einen Plan B entwickelt. Dieser zweitbeste Plan fühlt sich in der Regel nicht annähernd so gut an wie Plan A, die erste Wahl. Deshalb scheuen viele vor diesem Schritt zurück. Ein zweitbester Plan nimmt aber dem Misserfolg den Stachel. Wer sich durchringt, Biologie zu studieren, weil es mit Medizin nicht klappt, kommt aus der Passivität heraus, lässt die Hilflosigkeit hinter sich und gewinnt wieder eine Perspektive."
Wer mit Misserfolgen offensiv umgeht, kann seine Persönlichkeit weiterentwickeln, wird reifer und lebenstüchtiger. "Scheitern ist immer ein Umweg", meint Roland Kachler. "Aber dieser Umweg ist manchmal sehr wichtig."
dapd