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Ich hab' keine Lust!
Warum die allgegenwärtige öffentliche Sexualität dringend einen Rückzug ins Private nötig hat
Spätestens, wenn man in der Tankstelle auf dem Weg vom Scheibenreiniger-Ständer zum Wurstregal mal wieder an der Auslage mit den zahllosen Hochglanzheften für die vor allem prall hervorstechende Weiblichkeit vorbeikommt, ist es wieder einmal soweit. Es nervt! Und zwar auf der ganzen Linie.
Lust ist eine wunderbare Sache. Lust soll phantasievoll sein und gern hemmungslos. Von mir aus darf sie auch mal verstörend sein. Laut. Unkonventionell. Vor allem aber sollte sie frei sein und natürlich. Genau das ist sie aber nicht mehr, wenn einem medial eine sexuelle Dauerpräsenz um die Ohren gehauen wird, die aussieht wie aus Suralin geknetet und mit Gilette rasiert. Denn wem, bitteschön, läuft noch das Wasser nach leckerem Backwerk im Mund zusammen, wenn Oma einem immer wieder den gleichen Kuchen unter die Nase hält und "Komm, Jung, du hast doch noch gar nix gegessen, nimm dir doch noch ein Stück" bärmelt?
Genau das passiert aber derzeit allerorts. Man bekommt nicht nur permanent unter die Nase gerieben, dass man Sex haben muss, sondern es wird einem auch gezeigt, wie der auszusehen hat! Man darf nicht nur immer - man sollte! Streng nach Trend-Regeln. Dass man einen Orgasmus vor allem im Kopf, in der Seele bekommt, wird dabei verdrängt - dort rattert immer öfter nur noch ein Algorithmus dafür, wie Sex nicht nur gut, sondern angeblich perfekt wird. Wer nicht mitmacht, gilt wenigstens als verklemmt. Man traut sich wohl nicht, seine verborgenen Triebe auszuleben? Würde man ja auch gern - nur müssten diese dazu erst einmal wieder verborgen sein. Mittlerweile wird ja jeder Trieb gnadenlos offen gelegt und von Fachleuten seziert.
Dazu kommt der optische Overkill: Selbst seriöse Nachrichtenmagazine entblöden sich nicht mehr, auch den simpelsten Artikel übers Älterwerden mit (k)nackigen jungen Mädels zu illustrieren, von denen aus, ähm, journalistischen Gründen immer die Brüste abgebildet werden müssen - auch wenn es um Knieprobleme geht. Und dass der Verzehr von stinknormaler Margarine bei stöhnenden Single-Frauen zu Nippelerektionen führt, wissen heute schon Grundschulkinder aus der Werbung.
Intimität ist dabei fast schon ein Schimpfwort geworden. Dabei beschreibt der Begriff doch einen magischen Schutzraum, der für die eigentliche Lust unabdingbar ist. Lust, die vor allem aus der Kommunikation miteinander erwächst und die nur dann wirklich entsteht, wenn man über den Körper die Seele zu berühren versteht. Dazu muss man sich vor allem selbst finden. Und das gelingt immer noch am besten, wenn man sich aus dem öffentlichen Sex-Zerrbild zurückzieht. So normal es sein kann, Grenzen auszuloten und neue Spielwiesen zu entdecken, so normal kann es eben auch sein, sich von den Grenzen deshalb fernzuhalten. Sich Privatsphäre zu schaffen. Vor allem ist es völlig normal, keine Lust darauf zu haben, Lust haben zu müssen...