Werbung/Ads
Menü

Themen:



Foto: Imago

Liebe auf Distanz

Immer mehr Paare führen eine Fernbeziehung. Das kann die Liebe beleben. Aber auch killen.

Von Martina Hahn
erschienen am 19.03.2017

Wenn Dennis am Montag früh sein Haus in Dresden verlässt, ist er durchaus wehmütig - schließlich wird er Frau und Tochter erst Freitag wieder umarmen können. Doch der 48-Jährige freut sich auch auf die Woche im Süden Deutschlands: Dort hat er als Geschäftsführer nicht nur einen tollen Job, der ihn erfüllt. Sondern auch eine Volleyballgruppe und eine Wohnung, in der er sich wohlfühlt. Er sagt: "Für uns funktioniert die Fernbeziehung."

Eine solche führen er und seine Frau Brit seit 2011, da war die Tochter schon neun Jahre alt. Zuerst pendelte er zwei Jahre zwischen Dresden und England, nun zwischen Dresden und dem Allgäu. Und obwohl seine Familie sich an sein Kommen und Gehen gewöhnt hat und er heute durchaus auch die Vorteile einer Fernbeziehung sieht, so sagt er doch: "Am Anfang war es die totale Umstellung." Über zehn Jahre waren die beiden damals ein Paar, "wir haben zusammen studiert, gewohnt, gearbeitet". Und plötzlich sei man fünf Tage in der Woche auf sich selbst gestellt, müsse jeder den Alltag alleine bewältigen.

Damit ist Dennis einer der vielen Menschen, die eine Fernbeziehung führen. Nach Angaben des Internetportals farlove.de und einer Untersuchung der Uni Mainz zufolge sieht jeder achte Deutsche zwischen 18 und 59 Jahren seinen Partner nur am Wochenende. Jeder zweite Single hat laut einer Umfrage des Datingportals Parship schon Erfahrungen mit Fernbeziehungen gesammelt. Und nur knapp 18 Prozent schließen eine Liebe auf Distanz kategorisch aus.

Hauptgrund für das Pendeln ist der Job. Fernbeziehungen werden aber auch gelebt, weil ein Partner im Ausland ein Praktikum absolviert, ihn exotische Reiseziele locken, die Eltern in der Heimatstadt zu pflegen sind - und weil nicht wenige durchaus auch die Vorteile einer Fernbeziehung sehen. "Wir freuen uns heute viel mehr aufeinander als früher, es baut sich jedes Mal sehr viel Verlangen auf", sagt Dennis. Die Parship-Umfrage bestätigt das: Jeder zweite Befragte nannte die Intensität der gemeinsam verbrachten Zeit den größten Pluspunkt. Der Partner wende mehr Energie dafür auf, die Zweisamkeit zu etwas ganz Besonderem zu machen.

Jeder Dritte nannte zudem den Vorteil, in einer Fernbeziehung mehr Zeit für sich selbst und seine Hobbys zu haben. Das findet auch Maren aus Berlin. Ihre Frau arbeitet in Amsterdam. "Unter der Woche kümmere ich mich um meine Freunde und meine große Familie", sagt die 51-Jährige. "Diese Freiräume zu haben, genieße ich schon." Hinzu kommt, dass sich viel in einer Fernbeziehung verstecken lässt, auch Macken und weniger geliebte Seiten des anderen.

Eine Fernbeziehung ermöglicht auch, Neues zu entdecken - für sich allein ebenso wie gemeinsam mit dem Partner. Frau und Kind haben Dennis oft in London besucht, die Tochter lebte sogar ein halbes Jahr bei ihm. Heute fahren er und Brit, wenn sie ihn besucht, ab und an gemeinsam Ski oder gehen in den Bergen wandern. "Das alles zusammen zu erkunden, hat unsere Beziehung belebt", sagt Dennis. Auch Maren genießt es, mit ihrer Frau Amsterdam zu entdecken. Wie auch deren neues Umfeld: "Wenn man die Lebenswelt des anderen kennt, auch mal das Büro sieht oder die Leute dort trifft, wird das Ganze etwas greifbarer."

Doch auch die Nachteile einer Fernbeziehung wiegen für viele Betroffene schwer: 60 Prozent der von Parship Befragten fehlte der gemeinsame Alltag. 30 Prozent klagten über vergeudete Reisezeit, eben soviele nannten die Sehnsucht nach dem Partner und Einsamkeit ein großes Problem. Dass der Sex in einer Fernbeziehung zu kurz kommt, empfanden 25 Prozent der Männer und 15 Prozent der Frauen als Nachteil.

"Man muss aufpassen, dass man sich nicht auseinanderlebt", findet Dennis. Und man müsse sich vertrauen - oder extrem tolerant sein: "Wenn einer eifersüchtig ist, und dauernd telefonisch nachhakt - ,Wo bist du gerade?' - geht Fernbeziehung gar nicht", sagt Dennis. "Die braucht eine starke Liebe." Ebenso wie Kommunikation. Wichtig ist der tägliche Kontakt und die Teilnahme am Leben des anderen, sagt Paarberater Christian Thiel: "Ein guter Partner ist schließlich jemand, mit dem man sich gerne ein ganzes Leben lang unterhält, davon lebt eine Partnerschaft auf Dauer." Dann kann es dem Paar auch im ständigen Wechsel zwischen Nähe und Ferne gelingen, das Erlebte, seine Gefühle, Sorgen und Erwartungen auszutauschen - zumal derjenige, der pendelt, oft Schuldgefühle hat oder sich von der Familie ausgeschlossen fühlt, und derjenige, der zu Hause bleibt, eher glaubt, mit allem alleine zu sein und den Alltag alleine bewältigen zu müssen. Auch Dennis ist es wichtig, dass er mit Brit kommunizieren kann: "Whatsapp und Skype sind da schon toll. Wichtige Entscheidungen, etwa in Erziehungsfragen, kann man dann auch mal über Skype besprechen."

Und Konflikte austragen, damit sie sich nicht nur an den Wochenenden entladen. Doch oft werden die wenigen gemeinsamen Tage mit Erwartungen überladen, hat der Psychologe Markus Ernst beobachtet: "Alles soll harmonisch sein, man will an dem einzigen gemeinsamen Samstag ja nicht streiten oder Probleme wälzen - und prompt knallt es dann", so der Hotline Coach des Datingportals Parship. Versuchen Paare, am Wochenende einen auf heile Welt zu machen, fliegt ihnen das spätestens dann um die Ohren, wenn sie zusammenziehen. Auch Zeit für Streit und unangenehme Gespräche sollte sein, so Ernst.

In einer Fernbeziehung muss man "viel mehr auf die Schwingungen achten, wie der andere drauf ist", sagt die Berlinerin Maren. Das gilt besonders fürs Telefonieren: Oft werden Telefonate eingefordert, auch wenn der Partner müde vom Job ist und einfach das Gespräch verschieben möchte. Schnell kommt es am Hörer auch zu Missverständnissen, weil Mimik und Gestik des anderen fehlen. Auch deswegen spricht Petra mit ihrer Frau in Amsterdam fast nur per Video: "Da sieht man, ob der andere abends fertig ist, wie er reagiert, ob er mich versteht."

Achtsamkeit erfordert zudem das Wiedersehen nach den Tagen der Trennung. Auch Maren fremdelt dann manchmal. "Wir sind ja keine Maschinen, müssen uns erst wieder aufeinander einpendeln." Dazu gehöre, auch mal das Wochenende neu zu planen, wenn man merkt, da ist etwas nachzujustieren. Und zu tolerieren, dass der Pendelnde am Sonntag auch Zeit für seine Freunde oder sich benötigt. "Man sollte nicht nur im Paarsaft schmoren", sagt Maren. Und das Wochenende nicht mit Terminen überfrachten: "Wichtig ist, dass man nicht durch die Tage hetzt." Eine gemeinsame Hauptwohnung findet sie sehr wichtig; keiner der Partner dürfe sich als Gast fühlen. Auch deswegen fährt ihre Partnerin erst Montagfrüh: "Wir brauchen schon zwei volle Tage am Wochenende. Mindestens."

Fernbeziehungspaare benötigen Rituale, empfehlen Ratgeberbücher. Regelmäßige Telefonate werden darin ebenso betont wie virtuelle Candlelight-Dinner per Videotelefonie. Dennis und Brit haben keine Rituale entwickelt, Maren und ihre Frau hingegen telefonieren immer morgens und abends miteinander. "Jedes Paar muss für sich festlegen, wie viel Austausch es braucht - es gibt da kein Rezept", findet Maren. Sie kennt auch Pendler-Paare, die während der Woche gar nicht miteinander sprechen.

Mit den Schattenseiten einer Liebe auf Distanz kommt man nur zurecht, wenn man sich gemeinsam für die Fernbeziehung entscheidet - und auch immer wieder prüft, ob es noch das richtige Modell ist, sagen Dennis und Maren. Wichtig sei, dass man über Ängste spricht und die Bedenken des anderen nicht vom Tisch wischt. "Brit hat mich ermutigt, den Job in England und danach im Allgäu anzunehmen", sagt Dennis. "Es ist ja auch keine Lösung, wenn man zwar zusammen, der eine aber total unglücklich im Job ist."

Auch Perspektiven zu haben, ist für die meisten Fernbeziehungs-Partner wichtig. Nicht nur mittelfristige, etwa, wohin man gemeinsam reisen könnte. Sondern auch langfristig: Wann wollen wir zusammenziehen, eine Familie gründen oder ein Haus bauen?

Doch ein Ende der Pendelei ist weder bei Dennis noch Marens Frau absehbar: "Wir werden wohl noch viele Jahre sonntags über dem Kalender sitzen und die Wochen planen", sagt Maren. Auch sie wünscht sich manchmal ein Ende der Fernbeziehung. Dann aber fragt sie sich im Stillen, wie das wäre, Tag für Tag zusammen. "Wenn wir vier Wochen aufeinander sitzen, etwa im Urlaub, haben wir beide schon auch das Gefühl: Jetzt könnte jeder mal wieder sein eigenes Ding machen."

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
0
Lesen Sie auch:
 
Kommentare
0
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)

 
 
 
 
Quiz zum Heiraten
 
 
 
am meisten ...
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Ärztliche Notdienste
Apotheken & Ärzte der Region

Manchmal muss es schnell gehen. Notrufe und Notdienste der Apotheken und Ärzte von Annaberg bis Zwickau finden Sie hier.

weiterlesen
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
|||||
mmmmm