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Bäume im Größenvergleich: Die Weißtanne liegt im Mittelbereich, in der Regel etwas kleiner als die Fichte, aber größer als die Buche.

Foto: Grafik: mauritius images

O je, Tannenbaum!

Nur noch jeder 50. Baum in deutschen Wäldern ist eine Weißtanne, jeder vierte indessen eine Fichte. Viele Waldbesucher halten diese für einen echten Tannenbaum. Das jedoch verschleiert, wie selten die Tanne geworden ist. Dabei könnte sie dem Klima-wandel viel besser trotzen.

Von Walter Schmidt
erschienen am 26.11.2015

Noch immer wird es zu Weihnachten gerne gesungen, das Lied vom Tannenbaum. Und mit der aus dem Kau- kasus stammenden Nordmanntanne, benannt nach dem finnischen Biologen Alexander von Nordmann (1803 bis 1866), stehen heute wirklich in fast drei von vier Fällen Tannen in deutschen Stuben - nur eben nicht die heimische Weißtanne.

Als Tannen werden allgemein oft Nadelbäume bezeichnet, sagt Pflanzenökologe Hansjörg Küster von der Universität Hannover. Manche Weihnachtsbaumverkäufer preisen Rottannen an, meinen aber die Gemeine Fichte, deren lateinischen Namen - Picea abies - man mit Tannenfichte übersetzen könnte.

Auch Kiefern werden Küster zufolge vor allem in Norddeutschland Tannen genannt, niederdeutsch "Dannen". Erkennbar sei das an Ortsnamen, die auf alte Kiefernvorkommen verweisen, so etwa Dannenberg, Dannenwalde oder Danndorf. Die Weißtanne, ein Baum des Hügel- und Berglandes, kommt dort von Natur aus gar nicht vor, ebenso wenig in den Mittelgebirgen Rhön und Taunus, Eifel und Hunsrück, Pfälzer- und Odenwald - wiewohl man sie hier und da mit Erfolg ausgesät hat. Auch im Harz meinte sie der Dichter Heinrich Heine zu erkennen, als er 1824 den Brocken bestieg und angeblich "durch die Tannen" schweifte. Doch auch zu Heines Zeit wuchsen auf dem Harzgipfel nur Fichten.

So allgegenwärtig die Weißtanne an Weihnachten erscheint - in unseren Wäldern ist sie vielerorts selten geworden. Während der Bayerische Wald Mitte des 19. Jahrhunderts noch einen Tannenanteil von etwa 24 Prozent aufwies, sind es heute noch 5 Prozent. Ihren Anteil im Schwarzwald, dem Hauptverbreitungsgebiet der Weißtanne in Deutschland, schätzt Wolf Hockenjos, ehemaliger Leiter des Forstamts Villingen-Schwenningen, auf etwa 20 Prozent. Das klingt nach viel, ist aber wenig im historischen Vergleich, denn es war mehr als doppelt so viel.

Hockenjos attestiert dem einst viel häufigeren Nadelbaum - trotz lokaler Rettungsversuche - einen "galoppierenden Rückzug" aus den Wäldern Mitteleuropas; mancherorts stehe die Weißtanne vor dem Aussterben. Dazu haben zeitweise nicht nur Luftschadstoffe beigetragen. Auch ein nicht tannenförderlicher Waldbau, der seit dem 19. Jahrhundert stark auf die schnellwüchsige Fichte sowie in jüngerer Zeit auf die nordamerikanische Douglasie setzt, hat sie zurückgedrängt. Wo drittens zu viel Rehwild durch die Wälder zieht, überleben aufkommende Tannenschösslinge eher schwer. Denn das Rehwild hat es auf die weichen, nicht stechenden und schmackhaften Tannenknospen und -keimlinge abgesehen. Deshalb habe die Tanne kaum eine Chance, statt der Fichten und Kiefern zurückzukehren, glaubt Öko-Förster Peter Wohlleben aus der Eifel. Wolf Hockenjos macht dafür eine falsche Jagdpraxis verantwortlich, wenn er in seinem Buch über "Tannenbäume" schreibt: "Weil die natürlichen Fressfeinde unserer großen Pflanzenfresser ausgerottet wurden, weil der Winter als natürlicher Regulator durch die Winterfütterung außer Kraft gesetzt wurde und weil die Jäger seitdem, entgegen den jagdgesetzlichen Forderungen, viel zu viel Wild heranhegen, werden die jungen Tannen schon ab dem Keimlingsstadium gefressen."

Dabei sind für eine naturnahe Waldwirtschaft Weißtannen sehr gut geeignet, denn sie mögen es, sich unter Laubbäume zu mischen. Als Einzelbäume oder in kleinen Gruppen gehörten sie schon zu den Buchenurwäldern, wie sie in Mitteleuropa um Christi Geburt noch typisch waren. "Ihre Wurzeln reichen sehr tief, und das hat gleich zwei Vorteile", urteilt Öko-Förster Wohlleben in seinem Buch "Menschenspuren im Wald": "Zum einen erschließen sie sich so mehr Wasservorräte, wodurch sie Trockenheit deutlich besser überstehen als etwa Fichten. Zum anderen verankern sich die Weißtannen dadurch sehr gut und sind so wenig sturmanfällig." Und auch das lässt sie für die Wälder der Zukunft gut geeignet erscheinen, da der vom Menschen angefachte Klimawandel wegen der zunehmenden Wärme-Energie in der Atmosphäre aller Voraussicht nach zu mehr und heftigeren Stürmen führen wird.

Der kleine feine Unterschied - die Zapfen der Fichten und Tannen und die Frage, welche Bäume in Deutschland wachsen

Wer in unseren Wäldern vermeintlich Tannenzapfen findet, hält in der Regel schlanke Fichtenzapfen in den Händen, die von den Ästen herabhängen. Echte Tannenzapfen kann aber auf dem Waldboden höchstens finden, wer vor einer umgestürzten Weißtanne steht, denn: "Ihre Samenstände zerbröseln stehend auf den Ästen, sodass es unter ihr am Boden keine Zapfen gibt", erklärt der Eifeler Förster Peter Wohlleben. Die Tannenzapfen fallen gar nicht erst herab.

Bundesweit entfallen nur noch zwei Prozent der Waldbäume auf die Weißtanne, wobei sie längst nicht überall vorkommt. Demgegenüber wachsen zu 26 Prozent Fichten, ebenso viele wie Rotbuchen und Eichen zusammen (16 bzw. 10 Prozent), die von Natur aus häufiger vorkommen würden, wie auch die Buche: Sie müsste in Deutschland naturbelassene Wälder dominieren. Die Waldkiefer kommt mit einem Anteil von 23 Prozent häufiger vor, als es in der Wildnis der Fall wäre. Hinzu kommen Douglasien (zwei Prozent) und Lärchen (knapp drei Prozent). Insgesamt sind 57 Prozent der hiesigen Waldbäume Nadel-, 43 Prozent Laubgehölze. (wsc)

Dieser Text ist erschienen im Wochenendmagazin der Freien Presse.

 
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