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Antidepressiva im Gepäck

Umstellung des Studiensystems auf die kürzeren Bachelor- und Masterstudiengänge hat Folgen

Berlin. Die Umstellung des Studiensystems auf die kürzeren Bachelor- und Masterstudienzeiten birgt für Studenten große Gesundheitsrisiken. Die Zahl der Studierenden mit Nervenkrankheiten nahm in den vergangenen Jahren deutlich zu. Das geht aus dem Gesundheitsreport 2011 der Techniker Krankenkasse (TK) hervor. Demnach erhielt ein Student 2010 im Schnitt Nervenmedikamente für 13,5 Tage pro Jahr. Das sind fast fünf Tagesdosen mehr als noch 2006.

Bei 70 Prozent dieser ausgegebenen Präparate handle es sich um Antidepressiva, die mehr als fünf Prozent der Studentinnen und rund drei Prozent der Studenten erhielten, sagte Gesundheitsforscher Thomas Grobe bei der Vorstellung des Berichts. Das entspreche einem Anstieg von 44 Prozent gegenüber 2006. Vor allem ab einem Alter von 25 Jahren steige die Einnahme von Antidepressiva enorm an.

Insgesamt erhielt 2010 jeder Studierende rechnerisch 65 Tagesdosen an Medikamenten aller Art, was noch deutlich unter der Medikamentierung der gleichaltrigen Erwerbstätigen (72 Tagesdosen) liegt. Der große Anteil an Psychopharmaka bei Studierenden sei aber auffallend, analysierte Grobe. Bei Studenten machten diese über ein Fünftel, bei den Erwerbstätigen dagegen nur 14 Prozent aller Medikamente aus.

2009 wurden laut dem TK-Bericht bei fast einem Drittel der weiblichen Studierenden psychische Probleme diagnostiziert. Bei den Männern waren es rund 13 Prozent.

Die Studie stelle zwar keinen kausalen Zusammenhang zwischen Studiensystem und Medikamentengebrauch her. Die Vermutung liege aber sehr nahe, dass die jüngsten Reformen der akademischen Ausbildung nicht spurlos an den jungen Menschen vorbei gegangen seien, sagte der TK-Vorstandsvorsitzende Norbert Klusen. "Der Druck, das Studium zügig zu absolvieren, ist durch Studiengebühren und die Einführung der neuen Studienabschlüsse gestiegen." Klusen warnte zugleich vor einem "Etikettierungsproblem". Man müsse sich Gedanken machen, wo die Grenze zwischen krank und gesund gezogen werde. Oft würden psychische Erkrankungen vorschnell diagnostiziert.

Auch Diplompsychologe Heiko Schulz betonte, dass der Karrieredruck enorm zugenommen habe. Innerhalb von sechs Semestern müsse das Studium beendet werden. "Wünschenswert sind dazu noch Praktikum, Auslandserfahrung und ehrenamtliches Engagement." Schulz forderte von der Politik, die Reformen zu überdenken. Auch müssten die Hochschulen die Studenten durch zusätzliche Angebote wie Tutoren-Programme unterstützen. Zudem sollten Studenten von den Kassen angebotene Stressbewältigungstrainings wahrnehmen.

Für die Studie wurden die Daten von 135.000 bei der TK versicherten Studenten im Alter von 20 bis 34 Jahren ausgewertet. (dapd)

 
erschienen am 29.07.2011 ( Von Daniel Wenisch )
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