Madeleine von Mohl: "Unsere Flexibilität ist der größte Vorteil für unsere Nutzer."

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Berliner zeigen die schöne neue Arbeitswelt

Im Betahaus arbeiten 120 Freiberufler unter einem Dach zusammen - Angst vor Ideenklau hat niemand - Vorteile der Teamarbeit überwiegen

Rund 120 kreative Freiberufler unter anderem aus den Bereichen Produktdesign, Architektur und Grafikdesign arbeiten seit mehr als anderthalb Jahren im Berliner Betahaus zusammen. Das besondere dabei: Die Freiberufler mieten sich kein Büro, sondern nur noch einen Schreibtisch. Für einen Tag, eine Woche oder einen Monat können sie dann die Technik wie Drucker und Scanner nutzen. Mit Madeleine von Mohl, die das Betahaus gemeinsam mit fünf anderen jungen Menschen aus der Taufe gehoben hat, sprach Christian Wobst über das Konzept und die Vor- und Nachteile der Selbstständigkeit.

Freie Presse: Für viele Menschen ist es ein Albtraum, keinen festen Arbeitsplatz zu haben. Wo sehen Sie die Vorteile?

Madeleine von Mohl: Zunächst konkurrieren wir in Berlin mit sehr billigen Büroräumen und haben dennoch eine gute Auslastung. Unser größter Vorteil ist unsere Flexibilität. Die Freiberufler können heute bei uns arbeiten und morgen schon in Paris, London oder Madrid sein. Der Hauptteil der Menschen, die unsere Angebote nutzen, haben sich selbstbewusst für die Selbstständigkeit entschieden. Sie gehen mit einer positiven Einstellung und einem breiten Lächeln im Gesicht an diese Sache heran.

Freie Presse: Ist das Betahaus die Zukunft der Arbeitswelt?

von Mohl: Wir werden oft so betitelt. Im Moment sehen wir uns in der Gegenwart und da funktioniert das Konzept. Wir sind aber ständig bemüht, es weiter zu entwickeln. Dabei stellen wir uns immer wieder die Frage: Ist es das, was unsere Nutzer brauchen?

Freie Presse: Wie haben die Nutzer des Betahauses die Wirtschaftskrise durchgestanden?

von Mohl: Wir haben das Betahaus Anfang 2009 in Berlin gestartet, also mitten in der Wirtschaftskrise. Da haben sicher viele, die arbeitslos geworden sind, die Möglichkeit genutzt, sich selbstständig zu machen. Von Krise spüren wir nicht viel: Die Nutzer gehen ihrem Tagesgeschäft nach und lassen sich von den Turbulenzen außerhalb nicht sehr beeindrucken. Außerdem haben wir viele Nutzer aus dem Programmierbereich, und dort wird nach wie vor wahnsinnig investiert.

Freie Presse: Welche Wünsche haben die Selbstständigen des Betahauses an die Politik?

von Mohl: Ganz oben steht, dass es leichter wird, sich selbstständig zu machen. So ist es für einen Selbstständigen ein Horror, seine Steuererklärung zu machen. Außerdem brauchen wir ein Umdenken der Gesellschaft. Sie muss den Selbstständigen mehr akzeptieren und nicht als denjenigen belächeln, der keine Festanstellung gefunden hat.

Freie Presse: Welche Chancen geben Sie dem Betahaus in anderen Teilen Deutschlands oder funktioniert dieses Konzept nur in einer großen Stadt?

von Mohl: Damit das Konzept aufgeht, braucht es ein gewisses kreatives Potenzial in einer Stadt. Das ist in Berlin und in Hamburg gegeben, wo wir Anfang Juli ein Betahaus eröffnet haben. Einen weiteren Ableger wird es ab Herbst 2010 in Köln gegeben. In Lissabon und Zürich sind Ende diesen, Anfang nächsten Jahres Eröffnungen von Betahäusern geplant.

Freie Presse: Lässt sich aus den Ihnen bekannten Gründergeschichten ein Erfolgsrezept für eine erfolgreiche Selbstständigkeit ableiten?

von Mohl: Man muss in erster Linie selbstbewusst sein und darf sein Produkt nicht wie saure Milch anbieten. Vielmehr muss man die Leute begeistern. Wovon wir sehr profitiert haben, war das funktionierende Netzwerk, das wir uns aufgebaut haben. Das heißt: Bevor wir das Betahaus eröffnet hatten, hatten wir schon die Leute, die es nutzen wollen. Als Selbstständiger muss man vor allem das Tagesgeschäft durchstehen, die Bodenhaftung behalten und ständig hinterfragen, ob das, was man anbietet, auch gebraucht wird. Ist dies nicht der Fall, sollte alten Dingen nicht nachgetrauert, sondern etwas neues begonnen werden.

Freie Presse: Die im Betahaus gelebte Teamarbeit ist ohne Zweifel von Vorteil. Wie wird verhindert, dass nicht einer dem anderen die Kunden abjagt?

von Mohl: Bei uns finden sich Teams zusammen, um gemeinsam einen Auftrag zu realisieren. Da gibt es keine Angst, dass jemand dem anderen einen Kunden abjagt. Im Mittelpunkt steht vielmehr der Gedanke, dass das Endergebnis besser wird, wenn mehrere Menschen an einer Idee arbeiten.

Freie Presse: Sie bieten Führungen durch das Betahaus an. Wie muss man sich das vorstellen: Touristen schauen den Berlinern bei der Arbeit zu?

von Mohl: Ja fast. Aber im Ernst: Im ersten halben Jahr hatten wir viel Laufpublikum im Büro, was bei der Arbeit natürlich gestört hat. Deshalb bieten wir jeden Dienstag Führungen an, um unser Konzept vorzustellen.


Stichwort: Betahaus

Im Berliner Stadtteil Kreuzberg, direkt am Moritzplatz, wurde im April 2009 das Betahaus eröffnet. Rund 120 Freiberufler nutzen es. Die Nutzer kaufen sich ein Tages-, Wochen- oder Monatsticket und können sich dann auf zwei Etagen und 1000 Quadratmetern einen Arbeitsplatz suchen. Drucker, Scanner, Kopierer und Fax können genutzt werden. Italienischer Café wird zweimal täglich am Schreibtisch serviert. Das Konzept folgt dem Gedanken, dass Werte nicht mehr in klassischen Büros, sondern an unterschiedlichen Orten, zu verschiedenen Zeiten, in wechselnden Teams geschaffen werden.www.betahaus.de

 
erschienen am 30.07.2010
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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