Der Diplomingenieur erlebt seine Renaissance

Auf dem Weg zu einem europaweit einheitlichen Hochschulraum gehen Südwestsachsens Hochschulen ganz unterschiedliche Routen

Chemnitz. In den Bologna-Prozess, konkret die Einführung europaweit vergleichbarer Abschlüsse, kommt neue Bewegung. Nachdem die TU9, ein Zusammenschluss der neun größten deutschen Universitäten angekündigt hatten, auf Basis eines ingenieurwissenschaftlichen Masterabschluss zukünftig den Titel "Dipl.-Ing." verleihen zu wollen, ziehen jetzt auch die 25Technischen Universitäten der Arbeitsgemeinschaft TU/TH nach.

In Zukunft sollen deutsche Hochschulen wieder bundesweit den Titel "Dipl.-Ing" als akademischen Abschlussgrad eines ingenieurwissenschaftlichen Masterstudiengangs verleihen können. Das fordern die Technischen Universitäten in der Arbeitsgemeinschaft TU/TH und die TU9, zu denen auch die Technische Universität Dresden gehört. Die Landesparlamente sollen den Hochschulen die dafür notwendige Autonomie geben.

Die Technische Universität Chemnitz begrüßt den Vorstoß der anderen Universitäten, will aber zunächst eine gesetzliche Regelung abwarten. Fest steht aber: "Der Titel Dipl.-Ing. steht für eine qualitativ hochwertige Ingenieurausbildung an deutschen Hochschulen und ist unter den Arbeitgebern sehr anerkannt", so Katharina Thehos von der Pressestelle der TU. Die ersten Masterabsolventen in einem ingenieurtechnischen Studiengang haben im Wintersemester 2009/2010 ihr Studium des Digital Manufacturing in Chemnitz abgeschlossen. Weitere ingenieurtechnische Masterstudiengänge können erstmals zum Oktober diesen Jahres in der Regelstudienzahl an der TU Chemnitz abgeschlossen werden.

Aus der Pressestelle der Technischen Universität Dresden heißt es auf Nachfrage, dass die Uni unter ein Masterzeugnis nicht einfach den Zusatz Diplom schreiben werde. "Mastergrad und Diplomgrad sind unterschiedliche Hochschulgrade und dürfen nicht miteinander vergeben werden. Sie können höchstens als gleichwertig ausgewiesen werden", so Pressesprecherin Kim-Astrid Magister.

Michael Hösel, Prorektor für Marketing an der Hochschule Mittweida, hält die Idee, den "Dipl.-Ing" als Markenzeichen der Ingenieurausbildung in Deutschland zu erhalten, für unterstützenswert. In seinen Augen ist die Verleihung eines akademischen Grades Diplomingenieur zusätzlich zum akademischen Grad Master aber kontraproduktiv zum Bologna-Prozess, weil damit dem Master eine Abwertung widerfahre, die nicht im Sinne von Bologna sein dürfte. Deshalb gehen die Mittweidaer einen eigenen Weg: "Wir werden selbstverständlich die Umstellung auf Bachelor und Master nicht in Frage stellen, sondern im Zuge der Optimierung des Bologna-Prozesses in den ingenieurtechnischen Fächern die akademischen Grade ,Bachelor' durch die Berufsbezeichnung ,Ingenieur' und den akademischen Grad ,Master' mit der Berufsbezeichnung ,Diplom-Ingenieur' ergänzen", so Michael Hösel. Derzeit wird in Mittweida in 25 Bachelor-, 10 Master- und 5 Diplomstudiengängen ausgebildet. Die Bachelorstudiengänge sind zum größten Teil aus Diplomstudiengängen entstanden, von denen etwa 10 mit dem akademischen Grad Diplomingenieur abgeschlossen haben.

An der Westsächsischen Hochschule Zwickau gibt es noch 13Ingenieurstudiengänge mit Diplomabschluss. Insgesamt umfasst das akademische Programm der Hochschule 14 Diplom-, 13 Bachelor- und neun Masterstudiengänge. Nach den Worten von Karl-Friedrich Fischer, der die Geschicke der Hochschule in den vergangenen 10 Jahren als Rektor geleitet hat, seien die Spielräume der Bologna-Erklärung und die Beschlüsse der Kultusministerkonferenz aktiv für einen "Zwickauer Weg" genutzt worden. "Wenn uns dies als kleiner Hochschule, aus der gegenwärtig ein Prozent der deutschen Ingenieurabsolventen kommen, gelungen ist, warum dann nicht auch den TU9, die 47 Prozent der Universitäts-Absolventen in den Ingenieurwissenschaften ausbilden?", fragt Fischer. Für ihn ist der "Dipl.-Ing." ein Markenzeichen und Qualitätsmerkmal deutscher Ingenieurausbildung. "Insofern versuchen die TU 9 nur, sich das zurückzuholen, was wir uns nie haben nehmen lassen", so Fischer.

 
erschienen am 21.05.2010 ( Von Christian Wobst )
 
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