Vor allem junge Frauen ergreifen gern den Beruf der Hebamme.Foto: fotolia.de
Eine für Bauch und Seele
Mehr als Medizin: Die Hebamme begleitet Eltern in einen neuen Lebensabschnitt
Chemnitz. Dass es der Berufsstand der Hebamme zu einem eigenen Ehrentag gebracht hat, ist wenig verwunderlich. Immerhin gibt es erfahrene Frauen, die ihren Geschlechtsgenossinnen während der Geburt beistanden, schon seit der Antike. Zeugnisse finden sich dafür unter anderem im alten Ägypten. Während des Mittelalters waren Hebammen allein für die Geburtshilfe zuständig, ihre Aufgaben sind seit 1452 in eigenen Hebammenordnungen festgeschrieben.
Was nur wenige wissen: Bis heute dürfen Hebammen Geburten alleine betreuen, sie müssen - außer im Notfall - keinen Arzt hinzuziehen, aber kein Gynäkologe darf ohne Hebamme im Kreißsaal agieren. "Wir sind den Frauenärzten gleichgestellt", erklärt Kerstin Kluge. Die 28-Jährige ist freiberufliche Hebamme, sie arbeitet im einzigen Geburtshaus Sachsens - und das steht in Chemnitz. Das vierköpfige Team betreut dort werdende Eltern. Geburtsvorbereitende Kurse und medizinische Untersuchungen gehören für Hebammen zum normalen Programm. Genau wie die Gespräche über das bevorstehende große Ereignis. "Zuhören, die Angst nehmen und das Selbstvertrauen stärken", erzählt Kerstin Kluge. Dafür braucht es Geduld und Einfühlungsvermögen.
Hebammen kümmern sich nicht nur um den zusehends runder werdenden Bauch, sondern auch (und vor allem) um die Seele: Schwangerenschwimmen, Entspannungstechniken, später Rückbildungsgymnastik, Babymassage oder Yoga: "Wir begleiten die werdenden Eltern in den neuen Lebensabschnitt", sagt Kerstin Kluge. Stillberatung, Behördengänge oder Hilfe beim Beantragen einer Haushaltshilfe: Hebammen bieten einen Rundumservice. Sie melden die Geburt beim Standesamt, betreuen die Wöchnerin in den ersten zehn Tagen nach der Entbindung, übernehmen außerdem die medizinische Nachsorge auch bei den Neugeborenen. Die Erstuntersuchung des Säuglings im Kreißsaal, im Behördendeutsch U1 genannt, liegt in der Hand der Hebamme.
Die Ausbildung zur Hebamme ist bundesweit einheitlich: Sie findet an speziellen Berufsfachschulen (Adressen siehe Kasten unten) statt, dauert drei Jahre und umfasst (mindestens) 1600 Stunden Theorie und Praxis in der Schule sowie 3000 praktische Arbeitsstunden in der Entbindungsabteilung, auf der Neugeborenenstation, in der Kinderklinik und im Operationssaal. Wer sich um einen Ausbildungsplatz als Hebamme bewirbt, muss 17 Jahre alt sein und einen Realschulabschluss oder einen Hauptschulabschluss plus abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen können. Ein Praktikum ist nicht vorgeschrieben, wird aber empfohlen.
Nach der Staatsprüfung arbeiten viele Hebammen zunächst als Angestellte in Krankenhäusern, meistens gemeinsam mit erfahrenen Kolleginnen. Viele wagen danach den Sprung in die Selbstständigkeit, eröffnen eine eigene Praxis oder arbeiten als Beleghebamme; das heißt, sie sind Freiberufler, kommen jedoch mit einer Frau zur Geburt in die Klinik, mit der sie einen Kooperationsvertrag haben. Andere Hebammen wechseln in die Schwangerenberatung oder sind für Aus- und Fortbildung zuständig. Oftmals spezialisieren sich Hebammen auf bestimmte Fachgebiete, zum Beispiel auf Hausgeburten, oder gehen in den Entwicklungsdienst.
Die Jobaussichten für Hebammen sind nicht schlecht, ganz im Gegensatz zu den raren Ausbildungsplätzen. Zwar bestehen in Sachsen momentan wenig Chancen auf eine feste Stelle, bundesweit ist die Lage jedoch besser.
Im Durchschnitt verdienen Hebammen zwischen 1687 und 2009 Euro. Übrigens: Das männliche Gegenstück zur Hebamme, der Entbindungspfleger, ist noch immer eine Seltenheit. Nur drei gibt es bis dato in ganz Deutschland - der Beruf ist eben seit Jahrhunderten eine Frauendomäne. "Für mich der schönste Beruf der Welt": Hebamme Kerstin Kluge begleitet Menschen ins Leben.
Info-Broschüren und Berufsberatung schön und gut, aber wie sehen Hebammen eigentlich selbst ihre Arbeit? "Freie Presse" fragte Kerstin Kluge. Die 28-Jährige arbeitet freiberuflich in einer Mittweidaer Hebammenpraxis und im Chemnitzer Geburtshaus. Was mir gefällt: Die Arbeit ist unglaublich abwechslungsreich, denn eine Hebamme betreut nicht Geburten, sondern begleitet künftige Familien während der gesamten Schwangerschaft. Vorbereitungskurse und medizinische Unter- suchungen gehören zu unseren Aufgaben, genauso wie die Betreuung im Wochenbett, die Babymassage, Babyschwimmen oder Yoga für die Mütter. Schwangerschaft und Geburt zu beobachten, ist faszinierend - nach 500 Geburten genauso wie bei der allerersten. Menschen ins Leben zu begleiten, das ist ein unvergleichliches Erlebnis. Und dabei geht es nicht nur um das Baby, man ist zugleich auch für die Eltern da, für die ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Kontakt mit Menschen haben und Verantwortung tragen - ich könnte mir keinen schöneren Beruf vorstellen. Was mir nicht gefällt: Über diese Frage habe ich lange nachgedacht - und mir ist trotzdem nichts eingefallen. Dass man als Hebamme unregelmäßige Arbeitszeiten hat oder im Drei-Schicht-System arbeitet, das wusste ich schließlich vorher. (UKA)
Ausbildung/Behörden
Berganger 11, 09116 Chemnitz
Telefon: 0371/3 39 10 77
Alle drei Jahre wird ein Hebammen-Jahrgang ausgebildet.
Fetscherstraße 74, 01307 Dresden
Telefon: 0351/4 59 24 23
Es werden jährlich 18 Bewerberinnen aufgenommen.
Richterstraße 9-11, 04195 Leipzig
Telefon 0341/9 72 51 23
Es werden jedes Jahr 18 Hebammen ausgebildet.
Postfach 1724, 76006 Karlsruhe
Telefon: 0721/98 18 90
www.bdh.de
Am Alten Nordkanal 10, 41748 Viersen
Telefon: 02162/352149
www.bfhd.de
Literatur
Hans Huber Verlag 2001.
105 Seiten, 19,95 Euro