Die 15-jährige Vivien Bellin aus Meerane ist sich noch nicht ganz sicher, was sie einmal werden möchte. Baugeräteführerin kann sie sich immerhin vorstellen. In Glauchau könnte sie es lernen. Für sie und ihre Mitschüler rückt in der Klasse 10 die Entscheidung immer näher.
Foto: Wolfgang Schmidt
Frauenpower in schweren Maschinen
Ausbildungszentrum setzt sich für mehr Frauen auf deutschen Baustellen ein - Unternehmen müssen noch überzeugt werden
Glauchau. Glauchau. Doris Ritzkat hat eine Vision: In ein paar Jahren sollen mehr Frauen auf dem Bau arbeiten. Die interessierten Mädchen gibt es schon - nur an der Akzeptanz der Unternehmen mangelt es noch. So manche Firma in der Baubranche würde selbst im Büro am liebsten nur Männer einstellen, sagt Ritzkat.
Sie ist Bildungsberaterin am Ausbildungszentrum der Bauwirtschaft in Glauchau. Dort kann man als betrieblicher Auszubildender Maurer, Beton- und Stahlbetonbauer, Zimmerer, Kanalbauer, Straßenbauer oder Baugeräteführer werden. Aber auch die weibliche Form dieser Berufe steht zur Disposition - vorausgesetzt es besteht ein Ausbildungsvertrag mit einem Unternehmen. "Wir haben schon in einigen Bereichen Frauen ausgebildet, aber das waren nicht viele. Im nächsten Jahr werden zwei Baugeräteführerinnen fertig - aber bei 100 Lehrlingen im Jahr ist das ein bisschen wenig", findet sie.
Die Glauchauer Einrichtung ist ein Kompetenzzentrum für die Ausbildung von Baugeräteführern und möchte gerade in diesem Bereich die Zahl der weiblichen Lehrlinge erhöhen. "Das Interesse bei den Mädchen ist auf jeden Fall da", ist sich Ritzkat sicher. Das hätten ihre Besuche in 7. Klassen und das Interesse am Girlsday gezeigt. Außerdem würden Mädchen das geforderte Niveau in Mathe, Physik, Chemie und Sport mindesten genauso leicht erreichen wie Jungen. Hinzu kommt der demografische Wandel: Die Firmen finden nicht mehr so viele Jungen mit guten Noten. "Manche Unternehmen müssen ihre Zugangsvoraussetzungen für Schulabgänger überdenken. Sie wünschen sich Realschulabgänger mit einem Notendurchschnitt von 2,0. Aber die haben meist andere Pläne, als zum Bau zu gehen", verdeutlicht Ritzkat das Problem. Darum wirbt sie bei den Firmen dafür, auch Frauen eine Ausbildungschance zu geben. Es müsse auch nicht immer ein Realschulabschluss sein. Auch Haupt- und Förderschüler möchte sie vermitteln.
Im August beginnen voraussichtlich ein oder zwei Mädchen eine Ausbildung zur Baugeräteführerin. Aber ab dem nächsten Jahr soll sich der Frauenanteil bei der dreijährigen Ausbildung um einiges erhöhen, hofft Ritztkat.
Und was muss Frau mitbringen, um einen Bagger, Radlader oder Ladekran zu führen? Was zählt sei das Interesse am Beruf, die Zensuren stünden an zweiter Stelle. Zu denken "Als Nageldesignerin wurde ich abgelehnt, jetzt führe ich eben Baugeräte", würde nicht funktionieren.
Um seine Chancen zu verbesser, sei es hilfreich, schon einmal ein freiwilliges Praktikum im Ausbildungszentrum zu absolvieren. Gerade für Hauptschüler sei das eine Möglichkeit, sich von der Masse abzuheben.
Weiterhin sollten die Noten in den Naturwissenschaften nicht schlechter sein als drei. Ein Realschulabschluss wäre wünschenswert, aber auch wer ihn nicht hat, könne sich ruhig bewerben. "Ein wichtiges Aushängeschild sind die Kopfnoten", gibt Ritzkat zu bedenken. "Die Unternehmen achten da sehr drauf, sie kennen die jungen Leute schließlich nicht. Mit einer vier in Betragen hat man wirklich keine guten Karten", gibt sie zu bedenken. Dagegen wäre die Wiederholung einer Klasse kein Problem - "wenn es genützt hat", schränkt Ritzkat ein. Sportlich sollte die Bewerberin auch sein, da der Beruf körperlich anstrengend ist. Auf Baustellen herrsche zudem hoher Druck, was zählt sei Quantität und Qualität.
Nicht zu unterschätzen sei außerdem, dass sich die angehende Baugeräteführerin in einer Männerdomäne behaupten muss. "Man wird am Anfang die einzige Frau sein", gibt Ritzkat zu.