Unentschuldigte Fehlzeiten können folgenschwer sein.Foto: dapd
Schwätzer und Schwänzer mit schlechten Karten
Unternehmen achten bei der Auswahl ihrer künftigen Azubis auf Kopfnoten und Fehltage
Chemnitz. Maik Hagen war sehr zuversichtlich, schnell eine Lehrstelle als Bürokaufmann zu finden. Denn 2,4 betrug der Notendurchschnitt in dem Zeugnis, das der Realschüler nach der 9. Klasse erhielt. Und in keinem Hauptfach war die Note schlechter als "befriedigend". Doch dann kam die erste Absage, die zweite, die dritte. Und Hagen wurde immer unsicherer. Zumal der Zeitpunkt näher rückte, dass er nach der 10. Klasse die Schule verlassen würde. Also rief er nach der nächsten Absage bei dem Unternehmen an und fragte: Warum? Und erhielt die Antwort: "Sie haben im Arbeits- und Sozialverhalten nur eine Drei. Und außerdem stehen in Ihrem Zeugnis sechs unentschuldigte Fehltage."
Viele Schüler unterschätzen die Bedeutung der Kopfnoten. Sie wissen nicht, dass sie eine schlechte Note im Arbeits- oder Sozialverhalten bei vielen Unternehmen automatisch aus dem Auswahlverfahren katapultiert. Zum Beispiel bei der Bausparkasse Schwäbisch Hall. Das Unternehmen lädt nur Bewerber zum Auswahltest ein, die in "Mitarbeit" und "Verhalten", so heißen die Kopfnoten in Baden-Württemberg, "mindestens eine Zwei haben". "Denn zuverlässig und teamfähig müssen all unsere Mitarbeiter sein", erklärt Ausbildungsleiter Oliver Niemeyer.
Auch beim Frankfurter Bildungsdienstleister Provadis, der für mehrere Großunternehmen Jahr für Jahr geeignete Kandidaten für 500 Ausbildungsstellen sucht, sind die Kopfnoten das "Ausschlusskriterium Nummer 1" bei der Vorauswahl der Bewerber. Wer sich mit einer Note schlechter als Drei bewirbt, erhält "sofort eine Absage", betont Markus Vogel, der mit seinem Team für die Auswahl zuständig ist. "Und bei einer Drei schauen wir genau hin. Denn dann zeigte die Person in der Regel bereits Verhaltensauffälligkeiten."
Warum viele Unternehmen bei den Kopfnoten so streng sind, erläutert Prof. Dr. Elisabeth Heinemann, Professorin für Schlüsselqualifikationen an der FH Worms: "Die Mathe- und Rechtschreibkenntnisse können die Betriebe relativ einfach mit Eignungstests überprüfen. Wie motiviert und teamfähig ein Bewerber ist, lässt sich aber selbst mit ausgeklügelten Tests nur schwer erkennen." Hinzu kommt: Wenn ein Azubi im Prozentrechnen Defizite hat, lässt sich dieses Manko in der Regel beheben - sofern er motiviert und lernwillig ist. Anders ist es, wenn er unzuverlässig und wenig verantwortungsbewusst ist. Hiergegen können die Betriebe meist wenig tun.
Folgenschwer sind auch unentschuldigte Fehlzeiten. Manch Unternehmen sortiert schon Bewerber mit einem unentschuldigten Fehltag aus. Aber auch auf die Zahl der entschuldigten Fehltage schauen die meisten Betriebe genau. Denn viele Eltern schreiben ihrem Nachwuchs, wenn er mal wieder schwänzte, zähneknirschend eine Entschuldigung - weil sie wissen: Unentschuldigte Fehltage im Zeugnis sind ganz schlecht.
Ein Fallstrick, über den Schüler laut Aussagen von Oliver Niemeyer von Schwäbisch Hall oft stolpern, ist: Ihnen ist nicht ausreichend klar, dass sie sich um die Ausbildungsstellen zumeist nicht mit dem Schulabschlusszeugnis, sondern je nach Schulart bereits mit dem Zeugnis der 8., 9. oder 12. Klasse bewerben. Für einen Realschüler, der gerade in die 9. Klasse kommt, erscheint aber die Zeit bis zum Schulabschluss nach der 10. Klasse noch "endlos lang". Entsprechend sorglos schlagen gerade die 14- bis 16-Jährigen oft über die Stränge, ohne sich der Folgen für die Ausbildungsplatzsuche bewusst zu sein. (fp)