Schnuppern im CNC-Kompetenzzentrum der Bildungswerkstatt Chemnitz. Studenten aus Mittweida erhalten hier zukünftig eine Berufsausbildung. Zu ihnen gehören René Sewohl (2. von links) Richard Walther( 3. von links) und Falk Plechatsch (rechts) mit Ausbilder Ronald Enkelmann (rotes Hemd) und Reinhard Beyer (4. von links).Foto: Wolfgang Schmidt
Viele Fliegen mit einer Klappe schlagen
Ein neues Studienmodell verbindet einen Hochschul- mit einem Facharbeiterabschluss - Perfekte Kombination aus Praxis und Theorie
Chemnitz. Warum nur einen Abschluss machen, wenn auch zwei möglich sind? Das dachte sich 2008 auch das Sächsische Wirtschaftsministerium und schrieb das Kooperative Studium aus. Auf diese Weise sollten Fach- und Führungskräfte speziell für den Bedarf von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) ausgebildet und eine vollwertige Berufsausbildung in ein Hochschulstudium integriert werden. Acht Kooperative Studiengänge sind daraufhin in Sachsen gestartet.
Einer davon ist das Mechatronik-Studium, das die Bildungswerkstatt Chemnitz (BWC) zusammen mit der Hochschule Mittweida anbietet. Die BWC ist ein Zentrum für berufliche Qualifizierung, das überbetriebliche Ausbildung, Weiterbildung, Umschulungen und Berufsorientierung für kaufmännische- und Metallberufe organisiert.
Aktuell läuft an der BWC die Bewerbungsphase für den zweiten Durchgang, der am 2. August startet. "Bisher gab es nur Kooperationen mit Hochschulen und der Industrie. Das Ministerium wollte aber nun gezielt sächsische KMU unterstützen", erklärt Reinhard Beyer, Projektleiter des Kooperativen Studiums an der BWC. Hochschulabsolventen würden oft Angebote von Großunternehmen bevorzugen. "Kleinere Betriebe brauchen aber auch Fachkräfte", so Beyer. Im Vergleich zu einem Studium an einer Berufsakademie (BA) bietet das Kooperative Studium eine engere Bindung zwischen Student und Unternehmen, da zwischen beiden ein richtiger Ausbildungsvertrag geschlossen wird. Dieser sichert, dass der Studierende Ausbildungsgeld gezahlt bekommt. Er hat dann gleichzeitig den Status eines Auszubildenden und den eines Studenten.
Straffer Zeitplan
Beim Kooperativen Studium zum Mechatroniker wird man zum Allrounder ausgebildet. Es umfasst Maschinenbau, Elektrotechnik und Informationstechnik. Zudem erlernen die Ingenieure auch Schweißtechniken und die Bedienung CNC-gesteuerter Werkzeugmaschinen. So können sie später den Aufwand von Zulieferern ihres Unternehmens besser einschätzen oder Mitarbeiter gezielter führen. "Das Modell schlägt gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe", sagt Beyer. Universitätsabsolventen würden ab und an dazu neigen, mit einer gewissen Hochnäsigkeit auf die Facharbeiter zu schauen. "Ein Absolvent des kooperativen Studiums würde das nie tun, da er die Ausbildung zum Facharbeiter selbst gemacht hat", erklärt Beyer den Vorteil des Studiums.
"Was die Studenten nicht haben, ist viel Freizeit. Es gilt, ein straffes Programm zu absolvieren", sagt Beyer. Das besteht aus neun Semestern, abwechselnd an der Hochschule Mittweida, im Unternehmen und der Bildungswerkstatt. Praktische und theoretische Ausbildungsblöcke wechseln sich ab. Am Ende des dritten Studienjahres steht die IHK-Prüfung. Das 9. Semester ist als "Studienperiode im Unternehmen" konzipiert, in der ein vom Betrieb vorgegebenes Praxisprojekt bearbeitet und dann die Bachelorarbeit geschrieben wird. Im zweiten Jahr ist zudem ein vierwöchiger Aufenthalt in einer Bildungswerkstatt im Norden von Finnland und im dritten Jahr ein ebenso langer Aufenthalt in Tschechien eingeplant. Die Bereitschaft, ihre Englischkenntnisse anzuwenden, müssen die Bewerber darum mitbringen. Außerdem seien das Interesse an Technik und an einer praktischen Tätigkeit, Teamfähigkeit und Neugierde wichtig. Bewerber mit diesen Eigenschaften haben gute Chancen, angenommen zu werden.
Individuelle Betreuung
Das Auswahlverfahren gliedert sich in mehrere Stufen. Zunächst werden alle Interessenten zu einem Informationstag eingeladen, der in diesem Jahr am 3. Juni stattfindet. Dort kann man die Bildungswerkstatt besichtigen und alles rund um das Studium erfahren. Es ist auch möglich, erst am Ende dieses Tages eine Bewerbung abzugeben. Im nächsten Schritt werden die Bewerber zu Gesprächen in die BWC eingeladen. Diese gibt die Unterlagen derjenigen, die in die engere Auswahl kommen, dann an die Unternehmen weiter. Jeder Interessent muss aus dem Pool der zur Verfügung stehenden Unternehmen vier auswählen. Die Firmen entscheiden dann, mit wem sie einen Vertrag abschließen wollen.
Im letzten Jahr befanden sich 16 Firmen aus der Region in diesem Pool, sieben von ihnen entschieden sich für einen Auszubildenden und schlossen mit ihm einen Vertrag ab. "Man muss realistisch sein, was die Studentenzahlen angeht", schätzt Beyer. "Es gibt immer weniger Absolventen und immer mehr Studiengänge, die um sie werben." Für die Studenten hat die kleine Gruppe eigentlich nur Vorteile. So ist die Betreuung individuell und ein Gemeinschaftsgefühl kommt schnell auf.
Acht Studiengänge
Zwar hat die Firma keine Garantie dafür, dass der Kandidat nach der Ausbildung bei ihm bleiben wird. "Aber die gibt es nie. Bleibt der Student, gewinnt das Unternehmen einen perfekt eingearbeiteten Mitarbeiter, der trotzdem frisch von der Hochschule kommt", erklärt Beyer.
Kooperativen Studiengänge werden in verschiedenen Fachrichtungen angeboten. Neben Mechatronik sind auch Informatik, Elektronik, Maschinenbau, Mikrotechnologie oder Chemie möglich. Die Sächsische Bildungsgesellschaft für Umweltschutz und Chemieberufe Dresden bietet zum Beispiel den Bachelor-Studiengang Chemie mit integrierter Berufsausbildung zum Chemielaborant in Zusammenarbeit mit der Hochschule Zittau/Görlitz an. Mit der gleichen Hochschule arbeitet auch die TÜV Rheinland Akademie zusammen, die den Studiengang Maschinenbau anbietet.
Service
Informationstag in der BWC: 3. Juni 2010.
Bewerbung möglich bis zu diesem Tag.
Bildungs-Werkstatt Chemnitz
Annaberger Straße 73
09111 Chemnitz
Tel.: 0371/56361322