Studenten Der Doktorhut bringt vor allem Juristen, Chemikern und Ingenieuren den größten Vorteil.

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Wenn der Doktor helfen soll

Viele Hochschulabsolventen versuchen es nach dem Studium mit einer Promotion - Verdoppelte Anzahl der Promovenden seit 1970er Jahren

Chemnitz. Wer zum Doktor möchte, muss heute nicht mehr unbedingt einen Arzt aufsuchen: seit Jahrzehnten nehmen die Zahlen an Promovierenden in Deutschland zu. Das "Dr." auf dem Briefkopf oder Klingelschild ist keine Seltenheit mehr. Immer mehr in Deutschland versuchen es mit einer Promotion nach dem Studium. Zwar steht Deutschland einer OECD-Studie aus dem vergangenen Jahr zufolge in puncto hoch qualifizierte Nachwuchskräfte im internationalen Vergleich nicht sonderlich gut da - die Quote von Promovierenden zeigt international deutlich stärker nach oben.


Bildung und Arbeitslosigkeit

Gleichwohl hat sich die Anzahl von jährlichen Promovierenden in Deutschland seit 1973 mehr als verdoppelt: im Jahre 2007 hatten laut Mikrozensus knapp 1 Prozent der Bevölkerung in Deutschland einen Doktorgrad in der Tasche (gemessen an der Bevölkerung ab 15 Jahren) - 1,4 Prozent der Männer, 0,5 Prozent der Frauen.

Aber lohnt sich dieser Weg immer? Je höher der Bildungsgrad, desto geringer ist die Gefahr der Arbeitslosigkeit. Seit Jahren liegt die Akademikerarbeitslosigkeit unter der 5 Prozent-Marge, zudem steigt das Einkommen tendenziell mit einem erhöhten Bildungsgrad. So verdienen promovierte Akademiker nach einer Untersuchung des Instituts für Wissenschaftsberatung aus Bergisch Gladbach 22 Prozent mehr als die doktorlose Konkurrenz. Allerdings trifft das vermehrt nur auf Wirtschafts- und Naturwissenschaftler zu, der Doktorhut bringt vor allem Juristen, Chemikern und Ingenieuren den größten Vorteil. Für promovierende Geisteswissenschaftler sind die Vorteile beim Berufseinstieg gegenüber nicht-promovierten Mitbewerbern wesentlich geringer. Dennoch erweist sich auch der Doktortitel für Geisteswissenschaftler auf längere Sicht vorteilhaft für die Karriere.


Was bringt der Doktorhut?

Allgemein gilt: Der Doktorgrad ist, zumindest lässt sich das für promovierende Geisteswissenschaftler sagen, kaum aufgrund arbeitsmarkttechnischer Orientierung und durch Perspektivlosigkeit zu empfehlen. "Damit wird der notwendige berufliche Entscheidungsprozess nur verschoben und die Ausgangsposition wird in den meisten Fällen nicht verbessert, wenn die Promotion nicht konkrete berufsqualifizierende Elemente enthält", betont der Politologe Manfred Bausch. Für eine Karriere im Hochschulbereich ist die Promotion wiederum Voraussetzung.

Erwartet wird die Promotion zudem für Tätigkeiten in Forschung und Entwicklung, vor allem im Bereich der Chemie, Medizin, Biologie oder der Pharmazie. Voraussetzung ist die Promotionen ebenso im höheren Bibliothekarsdienst, für herausgehobene Tätigkeiten in Museen und Archiven, und die Promotion ist auch in Unternehmen der Consulting-Branche, der Markt- und Meinungsforschung erwünscht. Auch für Geisteswissenschaftler ist der Doktortitel vorteilhaft in Führungspositionen mit "umfangreichen Repräsentationspflichten", so Manfred Bausch. Das meint Führungsaufgaben in großen Unternehmen der Privatwirtschaft, so zum Beispiel als Leiter einer Presseabteilung.

Die Zunahme von Promotion der letzten Jahrzehnte steht für eine sich stetig weiterbildende Gesellschaft und für die Optimierung des Lebenslaufs. Die Promotion kann dennoch ein Zeichen für Überqualifikation sein und Doktoranden gelten nicht selten als theoretisch verschult. Vor allem Geisteswissenschaftler müssen zunächst auf der Sacharbeiterebene ins Berufsleben einsteigen, gerade dort scheuen viele Arbeitgeber davor, Bewerber mit Doktorgrad einzustellen. Für Geisteswissenschaftler sind darum praktische Erfahrungen maßgeblich.


Finanzierung und Zukunft

Die Arbeitssituation ist heute selbst für viele junge, gut ausgebildete und ambitionierte Wissenschaftler/innen prekär: Es fehlt an den Universitäten an Stellen, die jungen Forschern und Forscherinnen ausreichend sichere und vor allem planbare Perspektiven bieten. Außer der Professur gibt es in Deutschland de facto keine langfristige Berufsperspektive in der Wissenschaft. Die Unsicherheit, eine Professur zu erlangen, ist sehr hoch.

Viele wagen darum den Ausstieg aus der Wissenschaft oder gehen ins Ausland. Für eine rein wissenschaftliche Tätigkeit im Ausland ist Promotion auch notwendig. Insgesamt ist es dennoch ratsam zu überlegen, ob eine Promotion notwendig ist, das empfehlen Arbeitsmarktexperten. Die Zeit während der Promotion ist nicht nur eine mit häufig fehlenden sozialen Kontakten und mit Gefühlen von sozialer Isolation. Die Promotion kann auch kostspielig werden: Etwa ein Viertel aller Promovierenden braucht das Finanzpolster der Eltern. Und wer nach der Promotion nicht weiß, in welche Richtung die berufliche Reise gehen soll, spielt nicht mit den besten Karten in einer bildungsintensiven Gesellschaft.

 
erschienen am 19.02.2010 (Von Jens Thomas)
 
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