Michaela Wagner, Ernährungswissenschaftlerin, Fachkrankenhaus Schloss Friedensburg, Leutenberg.

Foto: Kristin Schmidt

Meeresklima nicht immer gut für die Haut

Telefonforum zu Neurodermitis

Chemnitz. Neurodermitis ist meist mit quälendem Juckreiz verbunden. Viele cremen und salben deshalb in der Hoffnung, die Krankheit zu heilen. Doch eine gestörte Immunabwehr, die vielfach dafür verantwortlich ist, behandelt man nicht mit Salbe allein. Was man auch innerlich tun kann, beantworteten Fachleute beim Telefonforum und im Livechat am Montag. Nachfolgend eine Zusammenfassung.

Gegen meine Neurodermitisschübe nehme ich Medikamente ein, die sonst nur nach Organtransplantationen zur Verhinderung einer Abstoßungsreaktion verordnet werden. Ich bin viel infektanfälliger geworden und habe nun Angst, mir mit den Mitteln zu schaden. Sollte ich sie lieber absetzen?

Bei diesen Medikamenten handelt es sich um Immunsuppressiva. Sie hemmen Entzündungsreaktionen, senken aber außerdem die körpereigene Abwehr, was Sie ja durch die häufigeren Infekte bereits gemerkt haben. Wir sehen diese Medikamente sehr kritisch, weil durch die unterdrückte Abwehr, schwere Krankheiten (Lungenentzündungen) erst sehr spät bemerkt werden, da sie kaum Symptome (Entzündungszeichen wie Rötung, Schwellung, Fieber) zeigen. Sie sollten die Mittel allerdings nur in Begleitung durch einen erfahrenen Arzt absetzen, da beim Absetzen die unterdrückten Entzündungsreaktionen meistens wieder aufflammen und dann eine intensive hautfachärztliche Behandlung und Beratung erforderlich ist. Am besten ist das Absetzen in einer Klinik. Es erfordert aber Zeit. Derartige Medikamente haben zahlreiche Nebenwirkungen (Bluthochdruck, Schädigung der Nieren), sodass sie nur bei schwersten Fällen von Neurodermitis eingesetzt werden sollten.

Sind Kuren mit Kräutertees eine Alternative in der Neurodermitisbehandlung?

Nicht in jedem Fall, denn Kräutertees können auch Pollenkreuzallergene enthalten. Rote Früchtetees sollte man meiden, da sie histaminreich sind und den Juckreiz fördern können.

Mein Kind kam per Kaiserschnitt zur Welt. Eine Bekannte sagte mir, dass diese Kinder häufiger an Allergien oder Neurodermitis leiden. Stimmt das?

Ja, durchaus. Denn durch den natürlichen Geburtsvorgang nimmt das Kind nützliche Bakterien, die sich im Geburtskanal der Mutter befinden, auf. So kommt es zu einer frühzeitigen Besiedlung des Darms mit Bakterien, und das ist äußerst wichtig für eine gesunde Entwicklung des kindlichen Immunsystems. Fehlt dieser Kontakt - zum Beispiel beim Kaiserschnitt oder bei einer antibiotischen Behandlung unter der Geburt - sind es zuerst die körperfremden Umgebungskeime und Bakterien, mit denen das Kind in Kontakt kommt. Eine Fehlbesiedelung des Darmes zum Beispiel mit Hefepilzen und Fäulnisbakterien kann einen sogenannten infektverursachten Krankheitsschub der Neurodermitis auslösen. Nun ist ein Kaiserschnitt nicht immer zu vermeiden. Deshalb sollten die fehlenden Bakterien dem Kind mit entsprechenden Präparaten nachträglich zugeführt werden.

Silke Herold, Allergologin und Hautärztin, Fachkrankenhaus Schloss Friedensburg, Leutenberg.

Foto: Kristin Schmidt

Wie lange sollte ich mein Neugeborenes stillen und wann kann ich mit der Beikosteinführung beginnen? Was habe ich dabei zu beachten?

Mindestens viermonatiges ausschließliches Stillen wird von allen Expertengremien empfohlen, aber man darf durchaus auch länger stillen. Das Einführen der Beikost sollte spätestens zum sechsten Lebensmonat beginnen, um die Toleranzentwicklung zu fördern. Pauschalverbote von Nahrungsmitteln gibt es heute nicht mehr. Bei Häufung von Neurodermitisfällen in der Familie (Eltern, Geschwister) sollte nur alle fünf Tage ein neues Nahrungsmittel gegeben werden, um die Verträglichkeit für die Haut einschätzen zu können.

Gilt bei Neurodermitis generell ein Zuckerverbot?

Nein. Auf Zucker sollte man verzichten, wenn Hefepilzinfektionen im Darm festgestellt wurden, bis diese erfolgreich behandelt sind. Ansonsten gilt, Genuss in Maßen.

Ich bin über 60 Jahre alt und habe wahrscheinlich eine Neurodermitis. Kann man das denn im Alter auch noch bekommen?

Grundsätzlich ja, es gibt keine Altersgrenze. Doch sollten Sie genau untersuchen lassen, ob es wirklich eine Neurodermitis ist. Denn im Alter wird die Haut trockener und damit entzündungsanfälliger. Auch durch organische Erkrankungen, durch erforderliche Medikamente, kann Juckreiz entstehen. Verwenden Sie zunächst eine pH-neutrale oder basische Hautpflege, trinken Sie viel Wasser, um die Hautfeuchtigkeit zu fördern und lassen Sie Ihre Medikamente einmal prüfen, inwieweit sie als Nebenwirkung das Hautbild stören und auch den Juckreiz auslösen können. Mitunter kann auch die Darmflora durch Medikamente gestört sein. Da im Darm der Hauptteil der immunologischen Abwehr sitzt, könnte die Hautkrankheit auch daher rühren. Eine mikrobiologische Stuhluntersuchung kann Aufschluss über den Zustand der Darmflora geben.

Dr. Helga Ahmed, Hautärztin in Chemnitz.

Foto: Kristin Schmidt

Ist es sinnvoll, bei Neurodermitis Textilien mit Silberanteil zu tragen?

Ja, wenn beispielsweise bei einem Hautabstrich eine hohe Belastung mit Staphylokokken-Bakterien festgestellt wird. Die Silbertextilien wirken dann antibakteriell. So kann die Bakterienzahl auf der Haut gesenkt werden. Das haben universitäre Studien nachgewiesen. Mit dem Tragen von Silbertextilien erreicht man, dass sich die Haut nicht so schnell wieder bakterienbedingt entzündet. Mann muss aber darauf achten, dass die Silbertextilien immer auf der blanken Haut getragen werden. Also keinesfalls vorher eincremen.

Hilft Blaulichtbestrahlung (UVA1-Kaltlicht-Bestrahlung) bei Neurodermitis?

Mit dieser Blaulichttherapie versucht man die Lichtverhältnisse am Toten Meer nachzuahmen. Jedoch selbst am Toten Meer hat sich gezeigt, dass die erzielten Erfolge mit dem Sonnenlicht oft nur von sehr kurzer Dauer sind. Die Blaulichtbestrahlungen helfen also oft nur kurzzeitig. Es gibt keinen Königsweg. UVA1- Kaltlicht-Bestrahlungsgeräte sind sehr groß, deshalb können nur wenige Institutionen eine Behandlung anbieten.

Sollte ich als Neurodermitiskranker meinen Sommerurlaub immer am Meer verbringen? Salzwasser und Sonne sollen doch gut sein?

Das gilt nicht für alle. Neurodermitiker, die stark schwitzen, sollten nicht in die pralle Sonne gehen. Und Salzwasser ist tabu, wenn durch das Aufkratzen offene Stellen auf der Haut sind. Dann ist der Kontakt mit dem Salz sehr schmerzhaft und kann Entzündungen verstärken.

Jürgen Pfeifer, Vorsitzender Bundesverband Neurodermitiskranker.

Foto: Kristin Schmidt

Wie muss man sich die ganzheitliche Behandlung von Neurodermitis vorstellen und warum übernehmen die Kassen die Kosten nicht?

Die ganzheitliche Behandlung des Menschen mit Neurodermitis nimmt sehr viel Zeit in Anspruch, weil es oft nicht die eine Ursache oder das eine Mittel dafür gibt. In acht Minuten Sprechstundenzeit, die von den Krankenkassen bezahlt werden, ist das nicht zu leisten. Daher werden viele ausführlichere Untersuchungen und Behandlungen nur privat angeboten. Bei einer ganzheitlichen Behandlung analysieren wir zunächst gründlich die Ernährung, denn diese ist bei 40 Prozent der Betroffenen die Ursache der Krankheit. Im Kindesalter sind es oft Kuhmilch, Fisch, Soja, Weizen und Hühnereiweiß, die nicht vertragen werden. Bei Erwachsenen spielen eher Kreuzallergene zu Pollen wie Kiwi, Apfel, Nüsse (Birkenpollenkreuzallergene) eine Rolle. Eine Stuhluntersuchung gibt Aufschluss über die Darmflora. Bekanntlich ist unser Immunsystem bis zu 85 Prozent in unserem Darm angesiedelt, und hier entscheidet sich auch unser ernährungsbedingter Stoffwechsel. Ist die Darmflora gestört oder gar krank, kann man mit probiotischen und anderen Mitteln eine Harmonisierung erreichen. Der dritte große Ursachenkomplex ist die Psyche, denn Stress zeigt sich auch im Hautbild. Die Behandlung der Haut durch Salben und Cremes steht erst an nächster Stelle. Die Häufigkeit der Cremeanwendung hängt stark vom Hauttyp des einzelnen Patienten und der Aktivität der Erkrankung ab, ist daher individuell festzulegen und kann sich auch ändern. Als vierte Säule der Diagnose und gegebenenfalls der Therapie gehören auch hormonelle Faktoren mit eingebunden.

Was halten Sie von Cortison? Sind die cortisonfreien Salben Elidel/Protopic eine Alternative?

Cortison ist für den Notfall, also den akuten Schub, geeignet. Immunmodulatoren wie Tacrolimus und Pimecrolimus (Wirkstoffe in Elidel/Protopic) hemmen auch die Aktivität von Entzündungszellen, senken dadurch die Abwehr der Haut, sind also auch mit Nebenwirkungen behaftet. Besser ist es, von innen die Krankheit zu behandeln, also für Entspannung zu sorgen, sein Leben zu ordnen und sich gut zu ernähren. (sw)

Weitere Informationen zu Therapeuten, Kliniken und Behandlungsmöglichkeiten erhält man beim Bundesverband Neurodermitiskranker unter Telefon 6742 87130 bzw.  www.neurodermitis.net

Das Protokoll des Chats gibt es unter ►www.freiepresse.de/chat_neurodermitis

 
erschienen am 05.06.2012
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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