Lisa-Marie Löffler (links) und Svenja Fritzsch vom Oelsnitzer Förderschulzentrum nehmen regelmäßig am Therapeutischen Reiten auf der Anlage in Niederdorf teil. Dazu gehören das Führen des Pferdes und Übungen auf dessen Rücken. Unterstützt werden sie von Azubi Elly Neubert (rechts).
Foto: Andreas Tannert
Pferderücken gut für Feinmotorik
In vielen Bereichen sind tiergestützte Therapieansätze nicht mehr wegzudenken
Niederdorf. Die Reitanlage Reichel in der Gemeinde Niederdorf bei Stollberg ist seit Jahren zu einer guten Adresse für Pferde, Reit- und Fahrsportler geworden. Zur Anlage gehören der Stall mit 29 Boxen, eine 40 mal 20 Meter große Reithalle, ein Reitplatz, eine Geländestrecke mit Naturhindernissen sowie abwechslungsreiche Reitwege mit einer Gesamtlänge von 30 Kilometern.
Neben dem Reitsport wird in Niederdorf seit 1990 das Therapeutische Reiten angeboten. Um die besondere Beziehung zwischen Mensch und Pferd weiß wohl jeder. Dass aber ein Pferd Psychotherapeut sein kann, ist noch relativ wenig bekannt. Sicher, Wunder kann das Therapeutische Reiten nicht vollbringen. Doch es kann neue Lebensfreude schenken und nicht zuletzt die Persönlichkeit entwickeln helfen. Diese Therapieerfolge sind mittlerweile wissenschaftlich erwiesen. Einer, der es ganz genau wissen muss und erklären kann, ist der Reitlehrer Walter Höver. Seit 1991 arbeitet er auf der Reitanlage Reichel gemeinsam mit einem erfahrenen Team an seiner Seite. Auch seiner Auffassung nach ist das Therapeutische Reiten mehr als eine bloße sportliche Freizeitgestaltung. "Bei uns werden hauptsächlich das heilpädagogische Reiten, auch Voltigieren genannt, und das Behindertenreitfest durchgeführt. Mit speziell ausgebildeten Pferden erleichtern wir den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen den Umgang mit Ängsten und Frustration. In den Übungsstunden wird Vertrauen aufgebaut und letztendlich das Selbstwertgefühl der Betroffenen gestärkt", erklärt Höver, der im Besitz der höchsten Trainerstufe A ist.
Durch das Therapeutische Reiten bekommen die Kinder ein Gefühl für den eigenen Körper, was besonders wichtig für die Feinmotorik ist. Und neben der Bewegung ist es die Wärme des Pferdes, die den geistig sowie körperlich Behinderten gut tut. Im Reitunterricht erleben die Kinder das Pferd als gehorsames Tier, das jede Anweisung strikt befolgt. Für viele Patienten, die in ihrem Leben oft von Erwachsenen enttäuscht wurden, ist das Verhalten des Tieres eine völlig neue Erfahrung: Mein Wort gilt. Was ich sage oder befehle, das wird auch getan.
Oft wächst das Vertrauen zum Pferd im gleichen Maße wie zum Reitlehrer. Denn er lenkt und leitet das Pferd, hilft bei Fehlern und bei Gefahrensituationen. Pädagogen konnten beobachten, dass durch das Therapeutische Reiten gerade bei leistungsschwachen Schülern die Konzentrationsfähigkeit geschult und verbessert wurde. Im Umgang mit dem Pferd werden zudem positive Effekte im sozialen Verhalten der behinderten Menschen erzielt. Sie lernen den Umgang mit Antipathien und Aggressionen ebenso wie kooperatives Verhalten. Natürlich profitieren diese Menschen nicht nur durch die Fortschritte in der persönlichen Entwicklung, sondern lernen mit dem Therapeutischen Reiten auch ein faszinierendes Hobby kennen, ist sich Höver sicher.
Seit Jahren bestehen zwischen der Reitanlage Niederdorf, dem Förderschulzentrum für geistig behinderte Kinder im Altkreis Stollberg und der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung Chemnitz Kooperationsverträge. Zweimal in der Woche sind die Schüler der Förderschule in der Reitanlage anzutreffen. Zu einer schönen Tradition hat sich das Behindertenreitfest entwickelt. Hier sorgt das Team um Walter Höver gerade bei den behinderten Kindern und Erwachsenen für echte Höhepunkte und nachhaltige Erlebnisse.
Mini-Pferd als Blindenführer
Der Zucht und Ausbildung von Mini-Pferden für therapeutische Zwecke widmet sich seit 2000 der aus Dresden stammende Tierexperte Uwe Peschel. Der Pferdezüchter wohnt heute im bayerischen Biberbach. Aufsehen erregte sein Miniaturpferd "Resequin", das Blinde sicher und unbeeindruckt von Lärm, Verkehr und anderen Hindernissen durch den Großstadtdschungel führt. Die Stute, nicht größer als ein ausgewachsener Bernhardiner-Hund, gehorcht auf Befehle und erkennt selbstständig Hindernisse wie Baustellen, zugeparkte Gehwege oder Treppen. Nach Angaben des Tierexperten sind die Pferdchen extrem menschenbezogen und zeichnen sich durch hohe Zuverlässigkeit, Ruhe und Nervenstärke aus. Zur Ausstattung des Blindenführpferdes gehört wie beim Blindenführhund ein Brust-Bauch-Geschirr mit einem festen Bügel.
Nur knapp einen Meter groß werden Miniaturpferde. Zum Reiten sind sie nicht geeignet, lassen sich aber ab und an vor eine Kutsche spannen und können es sogar schaffen, einen Erwachsenen zu ziehen. Ursprünglich in Nordamerika gezüchtet, wurden diese kleinen Pferde schon im 16.Jahrhundert als Spielgefährten für Kinder in europäischen Königshäusern gehalten. Sie bestechen durch ihr ausgeglichenes, freundliches und menschenbezogenes Wesen. Mini-Pferde als Blindenführpferd und Haustier zu halten, ist umstritten. Keinesfalls sollte man sie in einer Wohnung halten. Sie brauchen einen Stall und viel Auslauf.
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