Arktische Smaragd-Libelle.

Foto: Piet Spaans/Wikipedia

Bedrohte Lebensarten vor der Haustür

Fischotter, Wanderfalke, Hochmoorgelbling und Co. kaum noch im Erzgebirge zu finden - Tieren fehlt Lebensraum - Serie: "Die Letzten ihrer Art"

Zschopau/Marienberg. Fischotter, Wanderfalke und Arnika haben eines gemeinsam: Im Erzgebirge sind sie fast nicht mehr zu finden und haben daher einen unrühmlichen Platz auf der Roten Liste der gefährdeten Arten erhalten. Nach Ansicht von Experten verschwinden jeden Tag auf der Welt rund 100 Tier- und Pflanzenarten. Das ist eine Bedrohung der biologischen Vielfalt, auf die nicht zuletzt die Vereinten Nationen aufmerksam machen wollen, indem sie 2010 zum Internationalen Jahr der Biologischen Vielfalt ausgerufen haben.

Auch vor dem Erzgebirge macht das Artensterben nicht halt, wenngleich der Landkreis hinsichtlich der biologischen Vielfalt gegenwärtig auf dem dritten Platz in Sachsen rangiert. "Das ist erfreulich, verdeutlicht aber auch die hohe Verantwortung, die wir tragen", sagt Uwe Fischer, Vorsitzender des Landesverbandes der Entomofaunistischen Gesellschaft, die sich mit der Erforschung der Insektenwelt in Sachsen befasst. Als einer von sechs Naturschutzbeauftragten des Kreises fertigt der Schwarzenberger unter anderem Gutachten und Planungsunterlagen für Schutzgebiete an.
Moore zählen dazu. Im vergangenen Jahr hat der gelernte Landschaftsökologe dort noch einen Hochmoorgelbling entdeckt - mittlerweile eine Rarität, denn das Insekt ist hochgradig gefährdet, und die Bestände sind stark rückläufig. Fachleute sprechen von einem Eiszeitrelikt. "Zu jener Zeit fand das Tier seine Hauptverbreitung, weil es kühle klimatische Bedingungen bevorzugt", erklärt Fischer. Mittlerweile ist der Falter im Erzgebirge nur noch in einigen Moorgebieten anzutreffen.

Andere Insekten verschwinden sang- und klanglos von der Bildfläche, ohne dass es in der Öffentlichkeit überhaupt registriert wird. Kay Meister wundert das nicht. "Wir schauen immer nur auf große Tierarten. Aber was in der Insektenwelt passiert, bekommen nur Spezialisten mit, die sich damit befassen", meint der Vorsitzende des Fördervereins Natura Miriquidica aus Marienberg. Uwe Fischer denkt etwa an Eintagsfliegen, von denen es an Fließgewässern einige hundert Arten gibt. Mehr Aufmerksamkeit erregt dagegen das Birkhuhn. "Es steht kurz vor dem Aussterben. Deshalb befasst sich jetzt eine Arbeitsgruppe mit der Rettung des Tieres. Das Ganze geschieht grenzüberschreitend", berichtet Kay Meister. Das zur Familie der Fasanenartigen zählende Birkhuhn besiedelt Moore, offene Heiden und mit Kiefern und Birken bestandene Heiden. Inzwischen ist das etwa haushuhngroße Tier nur noch im Kammgebiet des Erzgebirges anzutreffen.

Bedroht sind in den Augen von Kay Meister auch andere Bodenbrüter, die noch gar nicht auf der Roten Liste stehen. Der Diplom-Biologe nennt stellvertretend die Feldlerche, das Braunkehlchen und den Wiesenpieper. "Möglicherweise werden die Tiere erst in 10 bis 15 Jahren aufgenommen, dann ist es aber fast schon zu spät", sagt Meister, der die Liste daher nur für begrenzt aussagekräftig hält.
Einen Grund für die fernbleibenden Bodenbrüter hat der 33-Jährige in der intensiven Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Flächen ausgemacht. Da heute mithilfe des satellitengestützten GPS Anbauflächen genau bestimmt werden, um anhand dieser Daten die Subventionen zu ermitteln, würden die Betriebe im Gegensatz zur DDR-Agrarwirtschaft inzwischen jeden zur Verfügung stehenden Quadratmeter ausnutzen. Allerdings verschwinden auf diese Weise auch Feldraine, in denen die Vögel Unterschlupf finden.
Von Amts wegen befasst sich Roberto Böhme mit der Tier- und Pflanzenwelt im Erzgebirgskreis. Bei dem Sachbearbeiter Naturschutz im Landratsamt laufen die Fäden von 138 ehrenamtlichen Naturschutzhelfern zusammen. "Sie besitzen hervorragende Ortskenntnisse und können fast spüren, wenn sich draußen etwas ändert. Uns interessiert natürlich besonders, welche Arten hinzu kommen und welche verschwinden." Das Landratsamt ist beispielsweise mit einbezogen, wenn es darum geht, Fördermittel für Pflegemaßnahmen zu verteilen.

Neben den genannten sieht Böhme den Alpen-Flachbärlapp, die Arktische Smaragd-Libelle und viele weitere Arten im Erzgebirge gefährdet. Einige nur noch mit Glück und Soforthilfe zu rettende Tiere und Pflanzen stellt "Freie Presse" vor - in der Serie "Die Letzten ihrer Art".

 
erschienen am 07.10.2010 ( Von Mike Baldauf )
 
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