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Die Unfallstelle auf der A 4 nahe Erfurt: Mit 108 km/h prallte der Bus in die Böschung, kippte und rutschte liegend noch 25 Meter weiter.

Foto: Martin Schutt/dpa/Archiv

Busfahrer zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt

Dass Busfahrer Markus M. am Steuer zum Handy griff, ist nicht beweisbar. Doch verurteilten Richter seine Unaufmerksamkeit als fahrlässige Tötung und Körperverletzung.

Von Jens Eumann
erschienen am 21.03.2017

Weimar/Annaberg-Buchholz. Eine an die Opfer gerichtete Bitte um Entschuldigung gab es nicht. Er könne nachempfinden, was in den Verunglückten vorgehe. Er habe selbst drei Kinder. Und mit den Unfallfolgen habe auch er "lange psychisch zu kämpfen" gehabt. "Aber ich kann nicht um Entschuldigung für etwas bitten, von dem ich nicht überzeugt bin, dass ich Schuld daran habe." Das sagte am Montag Busfahrer Markus M. am Amtsgericht Weimar, wo man ihm wegen fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Tötung den Prozess machte. Kurz nachdem die Plädoyers von Staatsanwalt und Verteidiger gesprochen waren, hatte der 37-jährige Österreicher das "letzte Wort" des Angeklagten vor dem Urteilsspruch ergriffen.

Markus M.'s Rechtsanwalt hatte kurz zuvor auf Freispruch plädiert, weil es ja Zweifel gebe, ob nicht doch eine technische Ursache statt einer Unaufmerksamkeit seines Mandanten, das Unglück verursacht habe. Beim Busunfall am 30. Oktober 2015 auf der Autobahn A 4 waren von 65 Businsassen 64 teils schwerst verletzt und einer getötet worden. Mehrere achte Klassen eines Annaberg-Buchholzer Gymnasiums befanden sich auf der Rückfahrt von einer Sprachreise, als ihr Bus nahe Erfurt nach einem Überholmanöver nicht wieder in die rechte Spur einscherte, sondern über diese hinaus auf den Grünstreifen eine Böschung hinaufschoss. In voller Fahrt kippte der Doppeldeckerbus um.

Der Verteidiger hatte Hinweise angeführt, dass eine mitlenkende Hinterachse des Busses defekt und dieser so nicht mehr manövrierfähig gewesen sein könne. Der Gutachter indes führte aus, warum er das ausschloss. Zum einen hätte der Bus selbst bei schräg stehenden Hinterrädern weiter gelenkt werden können, sagte er. Die Reaktion wäre nur schwammiger geworden. Doch beim fraglichen Tempo sei eine Schrägstellung der Räder gar nicht möglich gewesen. War das Gefährt laut Fahrtenschreiber vor dem Unfall mit Tempo 119, also 19 Stundenkilometer zu schnell, unterwegs, so hatte es noch ein Tempo von 108, als es auf die Böschung schoss. Die mitlenkende Hinterachse, die nur fürs Rangieren da sei, werde aber ab Tempo 40 im Geradeauslauf arretiert, klärte der Gutachter auf. An der Unfallstelle hätten sich keine Spuren für einen Defekt gefunden. Schräg stehende Räder hätten auf dem Asphalt radieren müssen. Nichts! Bei schwammigem Steuern hätte es eine Schlingerspur gegeben. Nichts! Jegliche Reaktion des Fahrers hätte Spuren hinterlassen: Bremstreifen, Richtungswechsel. Nichts! Die klare Diagnose des Gutachters: Unaufmerksamkeit des Fahrers.

Nachweislich war Markus M. im Zug per Schlafwagen von Österreich nach Köln gefahren, wo er den aus England kommenden Bus am Morgen des Unfalltages übernommen hatte. Er hatte regulär Pausen eingelegt und nicht die geringste Spur Alkohol im Blut gehabt. Auch auf mehrere 100.000 Kilometer-Fahrpraxis konnte er verweisen. An den Unfallhergang jedoch konnte - oder wollte - er sich nicht mehr erinnern. Ab dem Überholvorgang setze seine Erinnerung aus, behauptete er.

Im Prozess hatte ein Zeuge ausgesagt, der Fahrer habe am Steuer mehrfach mit dem Handy hantiert. Zwingend ließ sich das aber nicht beweisen. Doch unabhängig davon, ob die Unaufmerksamkeit nun aufs Handy, auf Sekundenschlaf oder einen anderen Grund zurückzuführen war, die laut Gutachter vier Sekunden währende Reaktionslosigkeit des Busfahrers hielt Staatsanwalt Uwe Strewe für sträflich. So sträflich, dass er eine neunmonatige Freiheitsstrafe auf Bewährung forderte. "Der Unfall wurde von Ihnen unter Verletzung Ihrer Sorgfaltspflicht verursacht und nur Sie hätten aufklären können, was die Ursache war", sagte Strewe. Spekulativ sei, zu orakeln, ob der vierjährige Sohn einer Lehrerin überlebt hätte, wäre er angeschnallt gewesen. Die Eltern hatten das Kind zum Schlafen zeitweise auf zwei Sitze mit Lehne zur Fahrtrichtung gebettet. Dennoch müsse er das im Zuge der Strafzumessung berücksichtigen, so der Staatsanwalt. Für fahrlässige Tötung allein reicht der Strafrahmen sonst bis zu fünf Jahren Haft.

Die Richter folgten dem Antrag des Staatsanwalts. Neun Monate auf Bewährung. Der zeitweise für Deutschland ausgesprochene Führerscheinentzug wurde aufgehoben. In Österreich ist Markus M. ohnehin seit April 2016 wieder als Busfahrer im Einsatz - bisher unfallfrei.

 
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