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Markus Cramer - Langlauftrainer
 

Bei Doping ist sofort Feierabend

Der deutsche Trainer Markus Cramer betreut zwei russische Weltklasse-Skilangläufer - Seinen neuen Job beginnt er mit einer klaren Ansage

erschienen am 19.01.2016

Chemnitz. Markus Cramer trainiert seit Juni vergangenen Jahres die beiden russischen Skilangläufer Alexander Legkov, Olympiasieger von Sotschi 2014, und Sergej Turyschew. Der 53 Jahre alte Sauerländer war Nachwuchs-Cheftrainer des Deutschen Skiverbandes (DSV) im Langlauf und davor in der Schweiz unter anderem Coach von Dario Cologna, Olympiasieger von Vancouver 2010 und Sotschi 2014. Mit Cramer, der mit seiner Familie in Winterberg zu Hause ist, sprach Uwe Wicher.

Freie Presse: Sprechen Sie Russisch?

Markus Cramer: Nein. Ich verstehe nur ein paar Brocken.

Sie trainieren die russischen Skilangläufer Alexander Legkov und Sergej Turyschew. Wie verständigen Sie sich mit ihnen?

Beide sprechen sehr gut Englisch und auch ein wenig Deutsch. Die Trainingspläne schreibe ich in Englisch.

Wie ist es zu Ihrer Verpflichtung im russischen Verband gekommen?

Alexander Legkov und ich kennen uns schon seit 2008 persönlich recht gut. Er hat mich bereits 2011 das erste Mal gefragt, ob ich ihn in Russland trainieren möchte. Damals war ich aber gerade zurück aus der Schweiz und hatte eine sehr interessante Aufgabe als Nachwuchschef im Deutschen Skiverband übernommen. Deshalb lehnte ich das Angebot ab. Der Kontakt zu Legkov riss aber nicht ab, und im vorigen Winter fragte er mich wieder. Da habe ich dann in Absprache mit dem DSV zugesagt.

Sie haben einen Dreijahresvertrag mit dem russischen Skiverband vereinbart. Sind darin auch konkrete Ziele formuliert?

So ist es. Beispielsweise soll Alexander Legkov in dieser Saison im Gesamt-Weltcup unter die besten sechs Läufer kommen und im Distanz-Weltcup unter die besten drei. Vor der nächsten Saison mit der Weltmeisterschaft in Lahti 2017 und dann vor den Olympischen Spielen 2018 werden neue Ziele festgelegt.

Die Elite der russischen Skilanglauf-Männer ist nicht in einer Nationalmannschaft zusammengefasst, es gibt stattdessen verschiedene Trainingsgruppen. Vertragen sich die Top-Läufer nicht oder gibt es dafür andere Gründe?

Ich hatte aus der Ferne auch erst vermutet, dass sie untereinander zerstritten sind. Aber im russischen Skilanglauf gibt es zwei Systeme. Die Damen sind ein großes Team mit zwei Trainern. Bei den Herren gibt es auch eine Nationalmannschaft, die aber in vier Gruppen mit vier Trainern unterteilt ist. Das machen sie schon länger so und haben damit überwiegend gute Erfahrungen gemacht. Es gibt gemeinsam und getrennt durchgeführte Trainingskurse. Bei Wettkämpfen läuft alles zusammen in einem Team, von der kompletten Betreuung bis zur Wachserei. Alle akzeptieren sich, aber der Konkurrenzkampf untereinander wird schon sehr engagiert betrieben.

Können sich denn die Sportler die Trainer, mit denen sie arbeiten wollen, aussuchen?

Das gibt es schon, dass die Besten mit ihren Wünschen an den Verband herantreten, aber die Reaktionen darauf sind nicht immer positiv. Es ist ja auch völlig neu in Russland, dass Athleten solche Überlegungen anstellen. So etwas wäre früher undenkbar gewesen. Meine Chefin, die Verbandspräsidentin und Cheftrainerin Elena Välbe, die ja selbst einst eine Weltklasse-Läuferin war, haut schon ab und zu mal auf den Tisch, wenn der eine oder andere seine Kontakte zu einem Minister zu nutzen versucht, um Forderungen durchzusetzen.

Wie oft im Jahr sind Sie mit ihren beiden Sportlern zusammen?

Im Sommer wechseln sich zwei Wochen Trainingslager mit zehn Tagen Aufenthalt zu Hause ab. Ab September verändert sich der Rhythmus auf drei beziehungsweise eine Woche. Mit Beginn der Weltcup-Saison sind wir dann fast durchgehend unterwegs. Alexander Legkov hat seine Familie mit dem halbjährigen Sohn seit 8. November nicht gesehen, wird erst nach der Tour de Ski kurz mal nach Hause fahren.

Wo wohnen Ihre Sportler in Russland?

Alexander Legkov in Moskau, Sergej Turyschev in Jekatarinenburg.

Warum waren Sie nur mit Legkov bei der Tour de Ski?

Das liegt an Nominierungspraktiken im russischen Verband, mit denen ich mich allerdings überhaupt nicht anfreunden kann. Es ging bei der entscheidenden Sitzung leider nicht nach den Ergebnissen in der bisherigen Saison, sondern eher darum, aus jeder der schon erwähnten Trainingsgruppen jemanden dabei zu haben. Turyschev, der zu diesem Zeitpunkt im Distanz-Weltcup zweitbester Russe war, wurde nicht nominiert mit der Begründung, er habe noch nie eine gute Tour de Ski gemacht. Das ist für mich nicht nachvollziehbar.

Legkov, der die Tour de Ski 2013 gewonnen hat, kam diesmal nur auf den zwölften Platz. Sind Sie damit zufrieden?

Nein. Unser Ziel war es, in der Gesamtwertung unter die ersten Sechs zu kommen. Die Tour spiegelte den bisherigen Saisonverlauf wider: Gute Platzierungen wechseln sich mit weniger guten ab, und es fehlt mal ein Top-Resultat. Das macht Alexander schon etwas zu schaffen.

Woran könnte es liegen?

Es ist ein Winter ohne internationaler Meisterschaft, ein sogenanntes Zwischenjahr. Deshalb haben wir den Trainingsumfang im Vergleich zur Vorbereitung auf Sotschi 2014 noch etwas gesteigert. Alexander will in einem Jahr bei der Weltmeisterschaft in Lahti unbedingt eine Einzelmedaille, denn die hat er noch nicht. Ich bin mir aber sicher, dass sich die größere Belastung im zurückliegenden Sommer im weiteren Verlauf der Saison noch positiv auswirken wird.

Wieviel Trainingskilometer hat ein Mann wie Legkov in den Beinen?

Insgesamt sind das in einem Jahr zwischen 11.000 und 11.500 Kilometer. Das wird nicht geschätzt, sondern mit GPS auf den Meter genau gemessen. Dazu kommen noch die Kilometer, die er auf dem Rad zurücklegt.

Der Skilanglauf in Russland ist auch mit Dopingfällen belastet. Haben Sie über diese Problematik mit Ihren Sportlern gesprochen?

Ja, ich habe ihnen gleich am Anfang gesagt: Wenn ich durch sie mit Doping konfrontiert werde, ist für mich sofort Feierabend. Sie wissen, dass es mit mir allein mit hartem Training zu besseren Leistungen geht. In meinem Beruf dulde ich keine unfairen Mittel.

Wie haben Ihre Sportler diese Ansage aufgenommen?

Sie haben sicherlich verstanden, dass mir dieses Thema sehr wichtig ist. Ich denke auch, dass es im russischen Sport durch die jüngsten Enthüllungen in der Leichtathletik einen Ruck in die richtige Richtung geben wird.

 
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