Menü

Themen:

 
Abheben zum Fliegen: Der Erzgebirger Richard Freitag gestern bei schönstem Winterwetter am Kulm in Aktion.

Foto: dpa

Fliegen mit Abachi aus Afrika

Der frühere Sprungskihersteller Germina hat sich auf dem Weltmarkt unter anderen Namen einen Namen gemacht. Auch Richard Freitag schwört auf die Bretter aus Thüringen.

Von Thomas Prenzel
erschienen am 15.01.2016

Bad Mitterndorf. Pierre Heinrich ist eine echte Frohnatur. An geselligen Abenden spielt der Franzose schon mal auf der Gitarre und singt dazu. In den 80er-Jahren war er als Kombinierer im Weltcup unterwegs. Nach der aktiven Karriere entwickelte sich der "Materialfreak" - wie er sich selbst nennt - bei der Firma Rossignol zum weltweit geachteten Skitechniker. Heinrich hat schon für Sven Hannawald und Martin Schmitt die Ski gebaut. Seit 2010 steht er nun in Diensten des Skiherstellers fluege.de. Das Internetportal nutzt Skispringen als Werbeplattform und finanziert die Skiproduktion in den ehemaligen Germina-Werkstätten in Floh-Seligenthal. Im Thüringer Ort sind noch vier Angestellte aus Germina-Zeiten beschäftigt, sechs vorwiegend junge Mitarbeiter wurden neu eingestellt.

Auch Sachsen-Adler Richard Freitag schwört auf die Flugbretter aus Floh, wo sich auf dem Firmengelände nicht nur mit der neuen Halle einiges verändert hat. Im Vorjahr wurde die Skipresse generalüberholt. "Wir können damit eine höhere Anzahl produzieren und auch die Qualität hat sich verbessert", sagt Heinrich stolz: "Wir haben 130 Athleten aus elf Nationen unter Vertrag. Mit Anders Fannemel springt der aktuelle Weltrekordler unsere Marke. Und Richard Freitag bauen wir den Ski, den er zum Siegen braucht."

Fannemel drückte gestern der Qualifikation bei der Skiflug-WM in Bad Mitterndorf (siehe Beistelltext) seinen Stempel auf. Bei den 130 Athleten schließt Heinrich auch jene Springer ein, die auf die Skier des zweiten Großsponsors (Sport 2000) vertrauen. Auch diese Bretter werden im Thüringer Ort produziert. Von den 45 Quali-Springern schenkte knapp die Hälfte einer der beiden Skifirmen das Vertrauen. Auch der Vogtländer Peter Lange trägt dazu bei. Der 69-Jährige wachst seit Jahren von Ende November bis Ende März vor allem jenen Athleten die Bretter, die sich nicht so wie die führenden Sprungnationen eigene Skitechniker leisten können. "Hier betreue ich die Franzosen und Koreaner. Manchmal kommt auch einer zu mir, der mit dem Teamtechniker unzufrieden ist", erzählt Lange.

 

Peter Lange (links) und Pierre Heinrich kennen die Kniffe beim Skibauen und Wachsen.

Foto: Harald Sulski

Beim Thema Skibau ist er in seinem Element. Während der Kernski früher hauptsächlich mit finnischer Birke oder mit Esche gefertigt wurde, setzt man heutzutage u. a. auf Abachiholz aus Afrika. Das wird auch im Saunabau verwendet, soll sehr gut trocknen und reißfester sein, weil das Holz nicht die üblichen Jahresringe aufweist. Mit Hilfe eines neuen Computersystems und der modernisierten Presse lässt sich der Härtegrad des Skis genau feststellen, erklärt Lange: Und so könne man die Schaufel an den Skispitzen - exakt nach dem Wunsch des Springers - hart oder weich - gestalten.

Freitag fehlt noch der Fluss

Trotz aller Wissenschaft und allem Fortschritt hat es mit einem Einzelsieg für Richard Freitag in diesem Winter noch nicht geklappt. Was allerdings nicht am Ski liegt, wie der Erzgebirger versichert. Drei bis vier Paar habe er diese Saison in Gebrauch, je nach Schanzengröße und äußeren Verhältnissen wählt er aus. "Es kristallisiert sich schon ein Lieblingsski heraus", sagt der 24-Jährige, der nach zwei Tagen Erholung gestern drei solide Sprünge (Training: 196,5/194,0/Quali: 197,0) auf dem modernisierten Bakken zeigte. Den zweihunderter Flug wollte sich Freitag für den Wettbewerb heute (13 Uhr) und morgen (14 Uhr) aufheben. Kritik gibt es vom Rennchef seiner Skifirma sowieso keine: "Im Training war ,Richie' meist bärenstark, im Wettkampf hat er schon oft Windpech gehabt. Ich bin sicher, dass der Knoten noch aufgeht", sagt Frohnatur Pierre Heinrich. Und Richard Freitag weiß auch schon, wie er es anpacken muss: "Das war beim Absprung noch zu ruppig, die Symmetrie in der Flughaltung hat noch nicht gestimmt. Beim Skifliegen kommt es aber besonders auf den Fluss und die Harmonie an." Und auf die Bretter, die für jeden Springer die Welt bedeuten.

 Norweger Anders Fannemel gewinnt die Qualifikation

Skiflugweltrekordler Anders Fannemel setzte zum Auftakt ein Achtungszeichen. Der Norweger gewann die Qualifikation mit deutlichem Vorsprung nach einem Flug auf 233,0 Meter. Fannemel war zwei Luken höher als die vorqualifizierten Topfavoriten Peter Prevc (188,5 m) und Severin Freund (206,5 m) sogar vier Luken höher als Richard Freitag angefahren.

Prevc (235,5 m) und Freund (213,0) bewiesen im Training zuvor ihre Extraklasse. Alle fünf deutschen Springer qualifizierten sich für das Einzel. Weil jede Nation bis auf Deutschland mit Titelverteidiger Freund nur vier Springer für das 40-köpfige Teilnehmerfeld stellen darf, schieden nur fünf Athleten in der Qualifikation aus. Dabei erwischte es bei widrigen Windbedingungen den formschwachen Olympiasieger Kamil Stoch aus Polen.

Lukas Müller, der am Mittwoch schwer gestürzte Junioren-Weltmeister von 2009, wurde noch in der Nacht operiert. Beim 23-jährigen Kärntner hatte sich im Flug die Schnalle am Schuh gelöst. Er verlor den Ski samt Schuh und zog sich bei dem Sturz eine Verletzung an der unteren Halswirbelsäule zu. Heute wollen die Ärzte an der Grazer Uni-Klinik eine genaue Diagnose und mögliche Folgen bekanntgeben. Gestern sei Müller nach Angaben des Teamarztes bei Bewusstsein gewesen und auf der Intensivstation versorgt worden. (tp)

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
0
Lesen Sie auch:
  • 30.09.2016
  • freiepresse.de
  • Wintersport
Foto: Imago
"Wenn es einer schafft, dann Severin"  

Klingenthal. Bundestrainer Werner Schuster spricht über das Comeback seines besten Skispringers, seine neuen Assistenten und Dominator Peter Prevc weiterlesen

  • 25.08.2016
  • freiepresse.de
  • Wintersport
Thomas Fritzsch
Schwein gehabt: Grand Prix kann stattfinden  

Oberwiesenthal. Zum Auftakt der Sommerserie trifft sich die Weltelite der Nordisch Kombinierten mit Olympiasieger Eric Frenzel am Fichtelberg. Das Kräftemessen wird ein besonderes. weiterlesen

  • 30.07.2016
  • freiepresse.de
  • Wintersport
(SID)
Skispringen: Wellinger gewinnt Sommer-Grand-Prix in Hinterzarten 

Skispringer Andreas Wellinger (Ruhpolding) hat beim Sommer-Grand-Prix in Hinterzarten für den ersten deutschen Sieg in diesem Jahr gesorgt. Nach Platz ... weiterlesen

 
Kommentare
0
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)

 
 
 
 
 
 
am meisten ...
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Unsere Top-News bei Whatsapp & Co.

MorePixels/istockphoto.com

Weitere Informationen finden Sie hier

 
 
 
 
 
 
 
 
 
|||||
mmmmm