Joachim Müller freut sich tierisch auf seine Geburtstagsfeier, zu der er viele frühere Wegbegleiter eingeladen hat. Joachim Müller freut sich tierisch auf seine Geburtstagsfeier, zu der er viele frühere Wegbegleiter eingeladen hat.

Foto: Andreas Seidel

Der hochsensible Spielmacher

Joachim Müller bestritt beim FC Karl-Marx-Stadt 340 Spiele - Am Sonntag feiert er seinen 60. Geburtstag

Chemnitz. Obwohl er in seiner langen Fußballer-Karriere viele Tiefschläge verdauen musste, blickt Joachim Müller ohne Gram zurück. "Ich konnte mein Hobby zum Beruf machen. Es war eine schöne Zeit, in der ich Freundschaften geschlossen habe, die heute noch bestehen", sagt Müller. 340 Oberligaspiele hat er für den FC Karl-Marx-Stadt bestritten. Zu einem anderen Club ist er nie gewechselt. Am Sonntag feiert der fünffache DDR-Nationalspieler seinen 60. Geburtstag.

Der Fußballer Müller

Beinahe wäre aus der Fußballer-Laufbahn des Joachim Müller nichts geworden. Das junge Talent aus dem vogtländischen Rodewisch war als Christ erzogen worden - keine gute Voraussetzung, um in der DDR Karriere zu machen. "Ich durfte nicht auf die Oberschule, weil ich keine Jugendweihe, sondern Konfirmation hatte", erzählt der Jubilar. Zum Glück für ihn gab es den Bezirkssichtungstrainer Heinz Weber. Der drückte durch, dass Müller die Kinder- und Jugendsportschule besuchen durfte. "Mir ist egal, ob der Junge in die Kirche geht oder zur FDJ-Versammlung. Hauptsache, er kann Fußball spielen", hatte Weber erklärt.

Für den hochsensiblen Jungen aus Rodewisch war der Weg zum FC Karl-Marx-Stadt frei. 1967 kam er zum Club, und schnell stellten sich Erfolge ein: Müller schaffte den Sprung in die DDR-Nachwuchs- Nationalmannschaft und wurde 1970 mit dem Team in Schottland Sieger des Uefa-Juniorenturniers, der heutigen U-18-Europameisterschaft. Gut für ihn, dass der FCK gerade aus der Oberliga abgestiegen war. "Unter Heinz Weber wurde ein Neuaufbau mit jungen Leuten gestartet. Ich war noch 17, als ich in die erste Mannschaft kam", erinnert sich Müller. Fast 16 Jahre lang, bis zu einem Kreuzbandriss im März 1986, sollte er dem FCK-Spiel seinen Stempel aufdrücken.

Diese Aktion Joachim Müllers im Pokalfinale 1983 gegen den 1. FC Magdeburg sah spektakulär aus. Das Endspiel wurde jedoch zu einer der größten Enttäuschungen seiner Laufbahn. Mit 0:4 ging der FC Karl-Marx-Stadt als Verlierer vom Platz. Diese Aktion Joachim Müllers im Pokalfinale 1983 gegen den 1. FC Magdeburg sah spektakulär aus. Das Endspiel wurde jedoch zu einer der größten Enttäuschungen seiner Laufbahn. Mit 0:4 ging der FC Karl-Marx-Stadt als Verlierer vom Platz.

Foto: Archiv/W. Ebert

Selten gab es einen Spieler, der sich so zwischen den Extremen bewegte: Müller war zu außergewöhnlichen Leistungen fähig. Aber dann gab es auch Tage, an denen außer der Kabinentür nichts klappte. An zwei Partien gegen den 1. FC Magdeburg lässt sich das besonders festmachen. Im Dezember 1981 gewann der damals 29-Jährige mit seiner Mannschaft 5:0 gegen die Magdeburger. Müller, dem auf leichtem Schnee- boden alles gelang und der auch noch zwei Freistoßtreffer erzielte, erhielt von der Fußball-Fachzeitschrift Fuwo die Note 10. Das bedeutete Weltklasse.

Anderthalb Jahre später stand der FCK im Pokalfinale gegen die Magdeburger. "Ich konnte vorher Nächte lang nicht schlafen. Dieses Finale sollte ein Karriere-Höhepunkt sein", berichtet der noch 59-Jährige. Doch das Endspiel wurde zum Desaster. Der FCK verlor 0:4. "Ich habe mich körperlich saumäßig gefühlt. Nach zehn Minuten war ich breit", sagt Müller. Da das Spiel auf ihn zugeschnitten war, ließen auch die Nebenleute bald die Köpfe hängen.

Die größte Enttäuschung hatte der Filigrantechniker zu dem Zeitpunkt aber schon drei Jahre hinter sich. 1980 war Müller nicht für die Olympischen Spiele in Moskau nominiert worden. "Seit 1978 hatte ich zur Olympia-Auswahl gehört, war stellvertretender Kapitän hinter Frank Terletzki vom BFC Dynamo", erzählt der heute zweifache Großvater. Auf einmal habe es jedoch geheißen: Terletzki und Müller passen nicht zusammen. Der FCK-Spiel- macher wurde aussortiert. "Dass ich den internationalen Durchbruch nicht geschafft habe, lag auch an mir selbst. Ich war zu sensibel, habe mich in der DDR-Auswahl nie wohlgefühlt", schätzt er ein. Ihm habe das Gefühl wie beim FCK gefehlt, unbedingt gebraucht zu werden.

1965 hatte Joachim Müller als erster Knabenfußballer des Bezirkes das Fußball-Techniker-Abzeichen in Gold erhalten. 1965 hatte Joachim Müller als erster Knabenfußballer des Bezirkes das Fußball-Techniker-Abzeichen in Gold erhalten.

Foto: Archiv/K. Wagner

Der Trainer Müller

Nach der Fußballer-Karriere arbeitete Müller als Trainer. Von dessen 11. bis 14. Lebensjahr gehörte auch ein gewisser Michael Ballack zu seinen Schützlingen. "Ich konnte bei ihm ein paar Grundlagen legen", bemerkt Müller bescheiden. Im Männerbereich feierte er später in der Schweiz seinen größten Erfolg: Mit dem FC Wil wurde er 2004 nach einem 3:2-Finalsieg gegen die haushoch favorisierten Grashoppers Zürich Pokalsieger. Bei seinem Heimatverein ist Müller dagegen nicht glücklich geworden. Zweimal wurde er beim CFC gefeuert. "Besonders weh hat die zweite Entlassung im April 2007 getan", sagt Müller.

In jener Saison spielten die Himmelblauen in der Oberliga. Der Viertligist lag zur Halbserie punktgleich mit Tabellenführer Cottbus II weit vorn. "Daraufhin ist das Ziel Aufstieg in die Öffentlichkeit getragen worden, doch unsere junge Mannschaft kam damit nicht klar", so Müller. Als die Siege ausblieben, durfte er seinen Hut nehmen. "Zwischen mir und den Spielern hat es gepasst. Aber die Rückendeckung durch den Vorstand fehlte." Was er zunächst nicht ahnen konnte: Sein Rauswurf ebnete ihm den Weg zu einer erfolgreichen Geschäftsbeziehung. "Ich bin mit meiner Frau nach Dubai geflogen, um Abstand zu gewinnen", berichtet Müller, der seit 1990 Sportgeschäfte in Chemnitz betreibt. Während dieses Kurzurlaubs lernte er arabische Geschäftsleute kennen. "Heute sind wir mit unserer Firma ,Eastside' einer der führenden Mannschaftssportausrüster im Mittleren Osten. Wir beliefern dort zehn Länder mit Sportartikeln", erklärt Müller.

Mit dem CFC, bei dem sein Freund Gerd Schädlich seit vier Jahren mit Erfolg arbeitet, hat er seinen Frieden geschlossen. So lautet sein Wunsch zum 60. Geburtstag: "Ich wünsche Gerd und dem gesamten Verein, dass in den nächsten Jahren der Aufstieg in die 2. Bundesliga gelingt." Er selbst habe das Thema Trainer noch nicht ganz abgehakt. "Wenn ich nochmal anfange, dann im Jugendbereich oder im Ausland. In Deutschland wird man nicht mehr angerufen, wenn man als Viertligatrainer entlassen wurde."

 
erschienen am 13.07.2012 ( Von Mario Schmidt )
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