Diskussion Die Zwickauer Streetworker Alexander Beuschel, Elfried Börner und Christoph Ullmann (von links) im Gespräch über die Aufgaben der Sozialarbeit und die Macht des Respektes.

Foto: Marcus Richter

"Lasst uns doch offen debattieren"

Streetworker reden Klartext und fordern das auch von der Gesellschaft - Sie sagen: Es gibt Rechte in Zwickau, aber nicht mehr als anderswo

Zwickau. Die Stadt steht seit Wochen in dem Ruf, eine Hochburg der Rechten zu sein. Der Name Zwickauer Zelle hat sich schneller verbreitet als alle Richtigstellungen der Zwickauer. Aber wie rechts ist die Stadt wirklich? Sara Thiel und Matthias Nicko haben sich darüber mit drei Streetworkern unterhalten, die in der gesamten Stadt tätig sind.

Freie Presse: Was ist passiert, seit es den Begriff von der Zwickauer Zelle gibt?

Alexander Beuschel: Wir haben natürlich Jugendliche, die - manche sehr stark - zum rechten Rand tendieren. Es gibt auch Jugendliche aus dem linken Bereich. Dieses Bild sah vor zwei Monaten nicht anders aus. Aber jetzt wollen auf einmal alle irgendwelche Projekte starten. Wir dagegen arbeiten seit langem daran. Das Problem ist, dass die Förderprogramme gegen Rechts in den vergangenen Jahren Stück für Stück abgebaut wurden. Jetzt soll es wieder losgehen - aber in den heutigen Strukturen.

Sie halten solche Projekte nicht für sinnvoll?

Christoph Ullmann: Alles, was ohne die Zielgruppe gemacht wird, bringt nichts. Das sieht man an Großveranstaltungen wie der Demo vom 25. November. Das war doch ein Zeichen der Intoleranz. Es ist vielmehr nötig, sich das demokratische Ziel zu setzen, die Distanz zu solchen Jugendlichen zu verringern.

Beuschel: Man kann sich nicht mit diesen Leuten auseinandersetzen, wenn man sie überall rausschmeißt.

Ullmann: Ich würde sogar noch weitergehen und sage: Es war falsch, an diesem Abend dem bekennenden Rechten Peter Klose Platzverbot zu erteilen.

Aber genau das galt offenbar vielen Anwesenden, die dazu applaudiert haben, als politisch korrekt.

Ullmann: Es gibt die Neigung, nicht auf die Sozialwissenschaft zu hören. Die sagt: Wir werden die Sache nicht mit einer Demo in den Griff kriegen. Das müssen wir im Alltag schaffen.

Elfried Börner: Sicher, in so einer Situation sind erste Zeichen wichtig. Aber auch ich sehe es kritisch, wenn jetzt wieder Geld in Projekte gesteckt wird. Projektitis löst keine Probleme. Wir treffen Jugendliche, die wollen ernst genommen werden, die wollen Respekt. Dazu gehört, sich alles anzuhören - auch die Provokationen, das dumme Gelaber. Wir wollen doch wissen: Wie kommst du darauf, was steckt dahinter?

Ist Zwickau eine rechte Stadt?

Ullmann: Der Eindruck, dass die Tendenz zu einer rechten Gesinnung steigt, ist schlicht falsch. Wir haben die extremen Jahre hier mitgemacht, Anfang der 90er. Inzwischen ist es für die NPD immer schwieriger geworden, die findet hier kaum noch Leute. Aber es gibt natürlich junge Menschen, die rechten Gedanken verhaftet sind.

Börner: Wir erleben hier Subkulturen, abweichende Kulturen. Aber der Großteil strebt danach, ein ganz normales Leben zu führen. Die Jugendlichen sind mit 16 zum Teil krass unterwegs - das wird später abgelöst vom Wunsch nach Normalität. Extreme Einstellungen werden vor allem im Vorfeld von Wahlen sichtbar. Da häufen sich entsprechende Plakate auch in Stadtteilen, von denen man das gar nicht erwartet.

Zeigt das, dass rechtes Denken nicht nur unter Jugendlichen verbreitet ist?

Börner: Genau das ist der Punkt. Ich denke schon, dass es auch gestandene Leute gibt, Familienväter, die nach dem starken Mann schreien. Es gibt zum Beispiel in der Stadt einen Fußballverein, in dem sich durchaus eine rechte Ideologie zusammengefunden hat. Ich denke aber, extremes Denken findet sich bei deutlich weniger als zehn Prozent der Leute.

Beuschel: Wir arbeiten mit Jugendlichen, die knallhart rassistisch sind. Wir treffen aber auch auf Leute, denen man solches Gedankengut auf den ersten Blick gar nicht zutraut.

Ullmann: Man muss aber aufpassen, dass man nicht jede Protesthaltung in die rechte Ecke stellt. Das Schlimme ist, dass immer alle übereinander und nicht miteinander reden. Lasst uns doch in der Gesellschaft offen debattieren. Es ist doch nicht die Schuldfrage, um die wir uns kümmern müssen, es sind die Zukunftsfragen.

Und nun mal die Augen links: Wie sieht es denn mit Extremismus auf der anderen Seite des Spektrums aus? Spielt das in Zwickau eine Rolle?

Beuschel: Dort, wo ich arbeite, gibt es das so gut wie gar nicht. Ich denke, wir haben eher ein rechtes Problem.

Ullmann: Ich sehe das etwas anders. Die Zahlen sind auch anders. Natürlich gibt es in Zwickau auch Linksextremisten. Oft sind sie für den Laien kaum zu unterscheiden. Auch ihre Zukunftsmodelle sind ähnlich. Nur die Feindbilder sind andere.

Börner: In der Innenstadt - oft am Rathaus - ist eine große Gruppe von linken Jugendlichen präsent. Aber die sind nicht radikalisiert, die wollen Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen. Radikalisierung gibt es nur dort, wo die Leute nicht angehört werden, wo sie auf Ablehnung stoßen.

Sie haben gesagt, Projektitis löse keine Probleme. Ist es falsch, Geld in einzelne Unternehmungen zu stecken?

Ullmann: Sozialarbeit braucht Kontinuität. Es darf keinen Produktionsdruck geben, sondern lange, intensive Arbeit.

Börner: Projekte können sinnvoll sein - aber sie müssen gezielt eingesetzt werden. Ich denke da an Reisen mit einer Gruppe. Unersetzlich aber ist das Miteinander in kritischen Zeiten, wenn Jugendliche erwachsen werden.

Beuschel: Wir haben ein gutes Kinder- und Jugendhilfegesetz. Aber vieles ist in Sachsen Stück für Stück zurückgefahren worden. Wenn man nun Jugendliche allein lässt, dann darf man sich nicht wundern, wenn sie extreme Ideen entwickeln.

 
erschienen am 21.12.2011
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
5
(Anmeldung erforderlich)
  • 22.12.2011
    14:12 Uhr

    Roettgers: @Klapp René Hahn, Vorsitzender des linksextremen Vereins Roter Baum und Stadtratd der Fraktion die Linke ist auch der Meinung mit einem AJZ hätte es die NSU nicht gegeben. Wer so einen Blödsinn erzählt hat von Politik genausoviel Ahnung wie eine Kuh vom Melken. Die Gedanken sind frei sag ich nur! Zwar ist die Suche nach dem Dialog die richtige Einstellung. Aber ich bezweifle stark, dass man sich auf neue rechte Gedankenströme öffentlich im Dialog einlassen wird. Denn auch im Spektrum "Rechts" finden sich äußerst intelligente Leute die so ein Unterfangen schnell auf den falschen Weg bringen könnten sofern die 3 Herren im Artikel nicht ausreichend versiert sind!

    Und genau diesen Dialog - welcher entscheident wäre - wird man wie immer meiden!

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  • 22.12.2011
    12:19 Uhr

    Roettgers: @registrierter (oder besser Stadtindianer) das wurmt dich doch nur weil sich der FSV nicht von Linken Meinungsmachern frequentieren lässt. Echt armsselig!

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  • 22.12.2011
    11:32 Uhr

    klapp: http://www.youtube.com/watch?v=E4Ub8-3yssQ

    bei ca. 22.30 geht es um das konzert in Zwickau

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  • 22.12.2011
    11:28 Uhr

    klapp: Zwickau und die Rechtsextremen. 1992 gab es einen Auftritt der Band "Störkraft" im ehemaligen Clubhaus "Steinkohle" in Schedewitz. Da wurde die Hakenkreuzfahne geschwungen. siehe hier: http://www.youtube.com/watch?v=E4Ub8-3yssQ irgendwo während des Videos kommen Ausschnitte des Konzerts. Damals hat das scheinbar keinen interessiert. Wäre man aufmerksam geworden, hätte sicherlich mehr gegen diese Entwicklung tun können.

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  • 21.12.2011
    22:41 Uhr

    Registrierter: Es gibt ein Video, in welchem der Sprecher eines Fußballclubs die rechte Szene anders (harmlos) sieht:
    http://youtu.be/ndzdlHz0CjI

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