Adrian Tittel, Marlon Ossowski, Georg Neubert und Johnny Ossowski (von links) sind die Nachwuchsflieger des WSV Johanngeorgenstadt. 
Adrian Tittel, Marlon Ossowski, Georg Neubert und Johnny Ossowski (von links) sind die Nachwuchsflieger des WSV Johanngeorgenstadt.

Foto: Lars Rosenkranz

Skispringen: Talentförderer kämpfen ums Überleben

Um die Trainingsbedingungen ist es immer schlechter bestellt

Johanngeorgenstadt. Frau Holle meint es (zu) gut an diesem Tag. Die Schneeflocken sinken in Monstergröße nach unten. "Wenn es so weitergeht, fällt morgen bestimmt die Schule aus", sagt Marlon Ossowski. Dafür erntet er von seinen Kumpels Zuspruch. Adrian Tittel, Georg Neubert, Max Arnold und sein Cousin Johnny Ossowski üben auf der Kinderschanze in Johanngeorgenstadt, direkt am Eisstadion. Übungsleiter Andreas Nebel lässt die Eleven vor dem ersten Sprung die Anfahrtshaltung auf der Treppe ohne Ski üben: "Du sitzt ja wie auf dem Klo. Po nach oben und Knie auseinander", fordert der Trainer: "Ja, und genauso machst du das jetzt auch auf der Schanze."

Auf jener Anlage, auf der einst auch ein Manfred Deckert oder ein Sven Hannawald, ein Björn Kircheisen und ein Richard Freitag ihre ersten Flugversuche unternahmen. Johnny schiebt sich oben entschlossen ab, springt schon kräftig weg und öffnet in der Luft seine Ski fast schon wie ein Profi zum V. Unten angekommen, kracht er die schweren Bretter auf die Schulter und schleppt sie wieder nach oben. Nach jedem Sprung hält er beim Trainer an: "Und, Herr Nebel, wie war's?" "Gut, aber die Landung kannst du besser." Johnny nickt, hält sein Gesicht zur Erfrischung kurz in den Schnee und klettert wieder an den Ablauf. Herr Nebel gibt das schönste Kommando: "Schanze frei!"

Noch vor Jahren stand sein Vorgänger Erich Hilbig an der gleichen Stelle. Der inzwischen 74-Jährige gilt als der "Vater" vieler Johanngeorgenstädter Skisportler mit Meriten. Die Skispringer Deckert und Hannawald, die 1982 und 2002 die Vierschanzentournee gewannen, sind mit die berühmtesten. Kombinierer Kircheisen holte bereits drei olympische und neun WM-Medaillen. Und nun schickt sich Richard Freitag an, in die Fußstapfen seines Vaters Holger zu treten. Er ist der letzte aus der Gilde von Erich Hilbig, der nach einigen Hüftoperationen das Geschehen nunmehr am Fernseher verfolgt. Und sich manchmal mächtig ärgert: "Haben die jetzt auf dem Marktplatz in Aue eine Schanze gebaut, auf der Richard das Springen gelernt hat?", fragt sich Hilbig, wenn die TV-Reporter immer wieder von "Richard Freitag aus Aue" berichten. Dass dieser von Hilbig in Johanngeorgenstadt die Grundkenntnisse des Skisports vermittelt bekam und Hilbig den jungen "Richie" Freitag so zum Kombinierer ausbildete, dass der 13-jährig in Klingenthal mit geschmatzten Händen genommen wurde, das sagt niemand. In der Startliste steht eben Richard Freitag, Klammer auf, SG Nickelhütte Aue, Klammer zu. Das Unternehmen der Metallbranche aus Aue unterstützt finanziell den Stützpunkt in Oberwiesenthal mit einer Nachwuchstrainerstelle. Freitag absolviert am Fichtelberg sein Heimtraining.

Hilbig musste bereits einiges ertragen, als sein ehemaliger Schützling Sven Hannawald im Schwarzwälder Dialekt in die TV-Kameras über seine Erfolge sprach, meist ohne die "Entwickler" aus dem Erzgebirge zu nennen. Richard Freitag hat seinem früheren Übungsleiter erst von der WM in Oslo eine Ansichtskarte gesendet und sich für dessen Mühen bedankt. Am zweiten Weihnachtsfeiertag besuchte der Springer Hilbig daheim und schenkte ihm ein gerahmtes Siegerfoto von seinem Weltcuptriumph jüngst in Harrachov. Hilbig: "Das hat mich gefreut. Richard ist der Letzte, der durch meine Hände gegangen ist."

Nun steht Andreas Nebel an der Schanze, im Flockenwirbel und bei eisigen Minusgraden. Seine Mütze ist nicht mehr die neueste, strahlt aber im Vergleich zum uralten Kampfrichterturm, in dem ein paar Ski gestapelt im Regal an der Wand liegen, noch regelrecht Glanz aus. Nur noch fünf, sechs Kinder betreut der 48-Jährige überhaupt. Kein Vergleich zu früher, als sich Hilbig vor der Wende als hauptamtlicher Übungsleiter im Trainingszentrum um den Nachwuchs kümmerte. Sein Nachfolger wünscht sich eine größere Trainingsgruppe, ist aber immens vom Engagement der Eltern abhängig. Die helfen neben den Ein-Euro-Jobbern des Vereins mit, die Schanze zu präparieren. Und sie bringen ihre Kinder selbst im Auto zweimal die Woche an die Schanze und einmal zum Lauftraining. Seit das Gymnasium in Johanngeorgenstadt 2003 geschlossen hat, müssten angehende Abiturienten vom 18 Kilometer entfernten Schwarzenberg nach der Schule zum Training fahren. "Im Winter ist es schwierig, bevor es dunkel wird, noch zu trainieren", sagt Andreas Nebel.

Aber da ist ja Johnny, der am Wochenende bei den Landesjugendspielen ganz stolz die Goldmedaille umgehängt bekam. Er macht seinem Trainer viel Freude. Johnny spürt ein Stocken, als er über den stumpfen Schnee im Auslauf fährt. Andreas Nebel gibt ihm ein Stück Paraffin-blau. Das haben Deckert und Co. schon vor 40 Jahren gewachst. "Das rutscht immer noch gut. Ein Paar Ski kosten normal so 200 Euro. Auch Bindungen, Anzüge und Helm sind teuer. Im Wettkampf nehme ich dann aber noch besseres Wachs", erzählt Andreas Nebel.

Er ist seit fünf Jahren der letzte verbliebene Übungsleiter in Johanngeorgenstadt und durch seinen Sohn dazu geworden. Sylvio übte einst bei Erich Hilbig, schaffte es aber nicht bis nach Oberwiesenthal oder Klingenthal. Heute fährt er Lkw. Sein Vater werkelt hauptamtlich bei einem Maschinen- und Stahlbauhersteller im Ort. Dreimal die Woche nach der Arbeit stellt sich Andreas Nebel hin, putzt den Kindern mit dem Schraubenzieher den Schnee aus der Bindung, wachst die Langlaufbretter, spricht Mut zu, tröstet, lobt und gibt Tipps. Ist schon ein neuer Richard Freitag in Sicht? "Schwer zu sagen. Talente sind immer mal dabei. Die Frage ist, ob sie irgendwann oben ankommen", antwortet er und fügt an: "Ich habe mir viel von Erich Hilbig abgeschaut, mich zum Übungsleiter weitergebildet. Ich gebe mein Bestes."

Wie lange er sich um die wenigen Talente kümmern wird, weiß er nicht. Manchmal strengt ihn sein Hobby ganz schön an, aber es macht auch riesigen Spaß. Neulich hat er beim Elternabend in der Schule um Nachwuchs geworben. Auch in der Kita des Ortes hat Andreas Nebel schon Zettel ausgelegt: "Gemeldet hat sich bisher aber noch niemand."

 
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Skispringen: Talentförderer kämpfen ums Überleben
Nachwuchsschanzen zwischen Verwildern und Neubau
 
erschienen am 04.02.2012 ( Von Thomas Prenzel )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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