• 26.03.2012
  • freiepresse.de
  • Kultur

Sylter Inselschreiber 2013 gesucht  

Das Thema in diesem Jahr ist "Wer wagt, riskiert"

Rantum (dapd). Auch 2013 sucht die Nordseeinsel Sylt wieder einen Inselschreiber. Bereits zum 13. Mal können sich deutschsprachige Autoren um das Literaturstipendium bewerben, teilte eine Sprecherin der Stiftung Kunstraum Sylt Quelle am Montag in Rantum mit. Das Thema in diesem Jahr ist "Wer wagt, riskiert". Gesucht werden noch unveröffentlichte Texte, ... weiter lesen

 
 
  • 20.01.2012
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  • Panorama

Schriftsteller Zaimoglu kritisiert deutsches Bildungssystem  

Frankfurt/Main (dapd). Schriftsteller Feridun Zaimoglu empfindet das deutsche Bildungssystem als ungerecht. "Deutschland ist was Bildung angeht eine üble Klassengesellschaft", sage der 47-jährige Autor mit türkischer Herkunft der "Frankfurter Rundschau" (Freitagausgabe). Kinder aus bürgerlichen Familien würden bevorzugt und die Arbeiterkinder, ob ... weiter lesen

 
 
  • 18.02.2011
  • freiepresse.de
  • Kultur

Hugo-Ball-Preis wird am Sonntag in Pirmasens verliehen  

Preisträger ist der Frankfurter Schriftsteller Andreas Maier

Pirmasens (dapd-rps). Der diesjährige Hugo-Ball-Preis wird am Sonntag in Pirmasens verliehen. Preisträger ist der Frankfurter Schriftsteller Andreas Maier, wie die Stadt Pirmasens mitteilte. In der Begründung der Jury hieß es, Maiers öffentlicher Mut sei bemerkenswert und sein literarisches Werk "grandios". Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Mit ... weiter lesen

 
 
  • 02.07.2010
  • freiepresse.de
  • Kultur

180 Autoren wollen 2011 Inselschreiber auf Sylt werden  

Das Stipendium bietet acht Wochen Aufenthalt in einem Appartement auf der Nordseeinsel

Rantum (ddp). Rund 180 Autoren haben sich für das kommende Jahr als Inselschreiber auf Sylt beworben. Eine unabhängige Jury wird in den kommenden Wochen über die Vergabe des mit 2500 Euro dotierten Preises entscheiden, wie eine Sprecherin der Stiftung Kunstraum Sylt Quelle am Freitag auf ddp-Anfrage in Rantum sagte. Das Literaturstipendium für deutschsprachige ... weiter lesen

 
 
  • 27.06.2010
  • freiepresse.de
  • Kultur

Feridun Zaimoglu mit Kieler Kulturpreis 2010 ausgezeichnet  

"Kiel ist für mich der Ort, an dem ich zu Hause bin, der mich aber auch ständig neu inspiriert"

Kiel (ddp). Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu ist am Sonntag mit dem Kulturpreis der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel ausgezeichnet worden. Zaimoglu habe den Preis in einer Festsitzung der Ratsversammlung während der Kieler Woche überreicht bekommen, teilte ein Sprecher der Stadt mit. In der Begründung hieß es, Zaimoglu habe "sich national ... weiter lesen

 
 
  • 06.05.2010
  • freiepresse.de
  • Kultur

Kammerspiele: Uraufführungen von Jelinek, Kriegenburg und Pollesch  

Simons-Inszenierung von Elfriede Jelineks neuem Text "Winterreise" im Programm

München (ddp-bay). Die Münchner Kammerspiele (MK) präsentieren in der ersten Spielzeit ihres neuen Intendanten Johan Simons gleich zehn Uraufführungen. Dazu zählt beispielsweise eine Simons-Inszenierung von Elfriede Jelineks neuem Text "Winterreise", ein Projekt von Andreas Kriegenburg mit dem Titel "Alles nur der Liebe wegen" und eine Adaptation des ... weiter lesen

 
 
  • 03.05.2010
  • freiepresse.de
  • Kultur

Migranten versetzen "Romeo und Julia" von Verona nach Hamburg  

Das Theaterstück soll im Juni aufgeführt werden

Hamburg (ddp). Junge Migranten versetzen im Juni in einem Theaterstück William Shakespeares Klassiker "Romeo und Julia" vom italienischen Verona in den Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg. Damit wollen die 13 Jungen und Mädchen unter Anleitung der Künstler Feridun Zaimoglu und Günther Senkel ihre eigene Version des weltberühmten Stoffes auf der Bühne ... weiter lesen

 
 
  • 26.04.2010
  • freiepresse.de
  • Kultur

Nordseeinsel Sylt sucht Inselschreiber 2011  

Ausschreibung bereits zum elften Mal

Rantum (ddp). Die Nordseeinsel Sylt sucht auch für das kommende Jahr einen Inselschreiber. Zum elften Mal schreibt die Stiftung Kunstraum Sylt Quelle ein Literaturstipendium für deutschsprachige Autoren aus. Das Stipendium bietet acht Wochen Aufenthalt in einem Appartement auf der Insel, wie die Stiftung in Rantum auf Sylt am Montag mitteilte. Über ... weiter lesen

 
 
  • 19.03.2010
  • freiepresse.de
  • Kultur

Kieler Kulturpreis 2010 geht an Feridun Zaimoglu  

Vorbild für gelebte Integration

Kiel (ddp-nrd). Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu erhält den diesjährigen Kulturpreis der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel. Das habe die Ratsversammlung am Donnerstag einstimmig beschlossen, teilte ein Sprecher der Stadt am Freitag mit. Zaimoglu sei Vorbild für gelebte Integration, begründete Stadtpräsidentin Cathy Kietzer die Entscheidung.Zaimoglu ... weiter lesen

 
 
  • 28.12.2009
  • freiepresse.de
  • Kultur

Aus den Bergen auf die Insel  

Der Berliner Autor Gernot Wolfram wird neuer Inselschreiber von Sylt

Sylt/Berlin (ddp). Gegensätzlicher ist Wohnen in Mitteleuropa kaum möglich: Der Berliner Schriftsteller Gernot Wolfram verbringt einen Teil des Monats im österreichischen Kufstein, den Rest verlebt er in seiner zweiten Wahlheimat Berlin. Ab Juni wird das Arbeitsumfeld noch ein wenig exotischer. Dann fungiert er als neuer Inselschreiber von Sylt mit ... weiter lesen

 
 
  • 08.11.2009
  • freiepresse.de
  • Special31

Die DDR lebt durch ihr Verschwinden fort  

Wendegeschichten: Zum Abschluss der Serie durchkämmt Lutz Rathenow sein Gedächtnis nach Erinnerungen an die Friedliche Revolution von 1989

Jena. Der Herbst 89 als aufgeregte Zeit: Die DDR begann durchzudrehen - und ihre Macht über sich zu verlieren. Dennoch gab es noch viel Angst. Rechnete ich mit einer halb chinesischen Lösung, einem kleineren Massaker und einigen Schein-Öffnungen (Striptease für Westgeld)? Ich lenkte mich durch viele Aktivitäten von der Tatsache ab, erstmals in eine ... weiter lesen

 
 
  • 04.11.2009
  • freiepresse.de
  • Special31
Stephan Krawczyk

Von offenen Wunden und falscher Geborgenheit 

Wendegeschichten (20): 20 Jahre nach dem Mauerfall erinnern 20 Autoren an die Friedliche Revolution von 1989 - Diesmal Stephan Krawczyk

1992 geriet ich im Bürgerkriegsland Somalia in eine Schießerei. Plötzlich war die Luft von unsichtbaren Projektilen durchlöchert. Ich duckte mich hinter eine Bank, meine Haut fror an bestimmten Stellen, die etwa so groß wie Lindenblätter waren. Seit diesem Erlebnis hat sich für mich die Bedeutung des Berliner Mauerfalls gewandelt. Jene existenzielle ... weiter lesen

 
 
  • 02.11.2009
  • freiepresse.de
  • Special31

Mauerfall? Wende? Friedliche Revolution? 

Wendegeschichten (19): 20 Jahre nach dem Mauerfall erinnern 20 Autoren an die Friedliche Revolution von 1989 - Diesmal Christoph Dieckmann

Ich sage selten "Wende", noch seltener "friedliche Revolution". Ich sage "Mauerfall", wenn ich vom Herbst 1989 rede. Dabei habe ich gar nicht selbst erlebt, wie sich am 9. November die Grenze auftat und das glücksüberströmte Ostvolk gen Westen wallte. Ich war schon drüben, seit dem 5. November. Tags zuvor hatte ich auf dem Berliner Alexanderplatz zur ... weiter lesen

 
 
  • 28.10.2009
  • freiepresse.de
  • Special31

"Wir kamen nicht vor" 

Wendegeschichten (18): 20 Jahre nach dem Mauerfall erinnern 20 Autoren an die Friedliche Revolution von 1989 - Diesmal Gregor Hens

Im November 1989 arbeitete ich als HiWi an einer kleinen Universität im Bundesstaat Missouri. Die Abteilung, in der ich angestellt war, hieß German, Russian and Asian Studies und wurde der Einfachheit halber als Totalitarian Studies Department bezeichnet. Ich teilte mir ein fensterloses, winziges Büro mit einem streng katholischen Ugander; einem Iren, ... weiter lesen

 
 
  • 26.10.2009
  • freiepresse.de
  • Special31
Ines Geipel

Ein 9. November im Dirndl und mit Bergsträßer Wein 

Wendegeschichten (17): 20 Jahre nach dem Mauerfall erinnern 20 Autoren an die Friedliche Revolution von 1989 - Diesmal Ines Geipel

Dienstbeginn war wie immer Punkt 17 Uhr. Im steifen, rosafarbenen Dirndl, in weißer Puffärmel-Bluse, mit weißer Schürze und groß ausgestellter Schleife auf dem Rücken. Als ich die Tür des Weinkellers öffnete, rollte Hakki, mein türkischer Chef, am großen Serviertisch einen Berg Bestecke in braune Stoffservietten. "Reservierungen?", fragte ich. Sein ... weiter lesen

 
 
  • 21.10.2009
  • freiepresse.de
  • Special31

Revolution vor der Haustür 

Wendegeschichten (16): 20 Jahre nach dem Mauerfall erinnern 20 Autoren an die Friedliche Revolution von 1989 - Diesmal Christoph Links

Wann findet eine Revolution schon mal direkt vor der eigenen Haustür statt? Am Samstag, dem 7. Oktober 1989, war es so. In der Gethsemane-Kirche in Berlin-Prenzlauer Berg gab es seit Tagen Andachten für zu unrecht Inhaftierte und trafen sich im Gemeindehaus Gruppen von Oppositionellen. Die eigentlichen Protestaktionen fanden an diesem Tag aber am Alexanderplatz ... weiter lesen

 
 
  • 19.10.2009
  • freiepresse.de
  • Special31
Susanne Schädlich.

Hollywood 

Wendegeschichten (15): 20 Jahre nach dem Mauerfall erinnern 20 Autoren an die Friedliche Revolution von 1989 - Diesmal Susanne Schädlich

9. November 1989. Ein sonniger Tag. Es wird warm werden. 20 Grad. Niemand denkt an Winter. Niemand denkt an Deutschland. Ich stehe in einem Café am Santa Monica Boulevard in West Hollywood hinter dem Tresen und nehme Bestellungen entgegen: Double decaf Latte with low fat milk oder a half double decaffeinated half-caf with a twist of lemon. Kaffeebestellungen ... weiter lesen

 
 
  • 14.10.2009
  • freiepresse.de
  • Special31

Keine Indianer im Reservat  

Wendegeschichten (14): 20 Jahre nach dem Mauerfall erinnern 20 Autoren an die Friedliche Revolution von 1989 - Diesmal Feridun Zaimoglu

Kiel. Mit einem Augenzwinkern rechnet dieser Autor mit einer Ost-Spezies ab, die ihm, dem West-Deutschen, die Freude am Mauerfall vergällte: "Er trug Schnäuzer oder Vollbart, er sang schlechte Lieder, oder schrieb schlechte Bücher, und wurde mit Preisen überhäuft. Er behauptete, er allein habe der herrschenden Clique das Fürchten gelehrt - ich bekam ... weiter lesen

 
 
  • 12.10.2009
  • freiepresse.de
  • Special31

Die Kostüme der Freiheit 

Wendegeschichten (13): 20 Jahre nach dem Mauerfall erinnern 20 Autoren an die Friedliche Revolution von 1989 - Diesmal Marica Bodrozic

Die Mauer fiel, da war ich sechzehn Jahre alt. Ich träumte von meiner eigenen Freiheit. Was das genau war, Freiheit, das wusste ich damals nicht. Tito würde weinen, sagte Mutter, wenn er das sehen könnte, diese auf der Mauer singenden Menschen. Mutter hatte ein romantisches Bild von Tito. Dabei hatte sie ihn nie weinen sehen. Wenn er zu Tränen überhaupt ... weiter lesen

 
 
  • 07.10.2009
  • freiepresse.de
  • Special31
Cornelius Weiss

Zwischen banaler Angst und realem Bürgermut 

Wendegeschichten (12): 20 Jahre nach dem Mauerfall erinnern 20 Autoren an die Friedliche Revolution von 1989 - Diesmal Cornelius Weiss

Leipzig. Das für uns Leipziger denkwürdigste Ereignis des Revolutionsherbstes 1989, der Protestzug der 70.000 am Abend des 9. Oktober, die Demonstration, die uns unseren Stolz wiedergab und die, davon bin ich überzeugt, das Schicksal der DDR besiegelte, hätte ich fast versäumt. Und zwar aus ganz banaler Angst.In meinem Kopf kreisten noch die verstörenden ... weiter lesen

 
 
  • 05.10.2009
  • freiepresse.de
  • Special31

Der Anfang von allem 

Wendegeschichten (11): 20 Autoren erinnern an 20 Jahre Mauerfall - Diesmal Jana Hensel

Jana Hensel
Ich komme gerade von einer Podiumsdiskussion aus Erlangen zurück. Es ging um den Mauerfall. Im Westen über den Mauerfall zu sprechen ist immer ein wenig wie Trockenschwimmen, finde ich. Was ich aber eigentlich erzählen will, ist, dass ich nach der Veranstaltung mit dem sächsischen Dichter Thomas Rosenlöcher zusammen gesessen habe. Wir haben Wein getrunken und eine Pizza gegessen. Das macht man so, wenn man in fremden Städten auf Lesereise ist.

Thomas Rosenlöcher war mit mir und einem Historiker aus Berlin gemeinsam auf dem Podium. Der Historiker hatte eine 600 Seiten lange Geschichte der Wende veröffentlicht. Er erzählte fakten- und detailreich aus jenen Tagen, die unsere kleine Welt so nachhaltig verändert haben. Er wusste genau, wann und wo sich wie viele Leute zusammengefunden und für, ja wofür eigentlich?, auf die Straße gegangen waren.

Ich möchte ehrlich sein, und ich habe es auch vor den Erlangener Zuschauern gesagt, nachdem mir - wahrscheinlich zum tausendsten Mal - die obligatorische Frage danach, was ich in jenem Wendeherbst erlebt und gedacht und gefühlt hatte, gestellt wurde. Ich habe gesagt: ich kann das nicht mehr hören. Ich habe gesagt: Ich kann diese Geschichten über die Friedliche Revolution nicht mehr hören! Mich beschleicht augenblicklich das Gefühl, mein Kopf sei leer, mein Mund taub und die Worte verwischten vor meinen Augen, als wären sie auf nasses Papier notiert.

Seit 20 Jahren erzählen wir uns diese Heldengeschichten. In der immergleichen Form, mit dem immergleichen Inhalt. Der Saal reagierte gereizt auf meinen Einwand, und auch der Historiker versuchte sofort, mich in eine Ecke mit denen zu stellen, die sich die Mauer zurückwünschten. Auch wenn er wahrscheinlich wusste, dass das Quatsch war. Aber dieses Argument ist längst ein Totschlagsargument geworden.

In den Augen des Historikers bildet das Jahr 1989 das Ende einer Entwicklung. Für mich jedoch, und ich glaube auch für die meisten anderen Ostdeutschen ist das Jahr 1989 ein Anfang. Ein Anfang von vielem, vielleicht ein Anfang von allem. Darüber sollten wir in diesem Gedenkjahr reden. Anstatt immer wieder die alten Geschichten aufzuwärmen. Wir sollten uns endlich, 20 Jahre nach dem Mauerfall, der Gegenwart zu wenden und darüber nachdenken, welche grundsätzlichen Erfahrungen und Prägungen wir Ostdeutschen in der sogenannten Nachwendezeit gemacht haben.

Womit ich wieder bei der Pizza und bei Thomas Rosenlöcher wäre. Der Dichter sagte zu mir: Er kenne keinen Ostdeutschen, der seine Biographie heute ehrlich erzählen würde. Alle, seien es die Opportunisten oder die Dissidenten, seien es die Stummen oder die Lauten, hätten die Erzählungen ihres Lebens nach der neuen Zeit ausgerichtet. Sie hätten sie geglättet, aufgeraut, vielleicht begradigt, vielleicht beschönt. Vielleicht verwildern lassen.

All diese Menschen betrachten sich selbst mit einem fremden Blick. Einem Blick, der zwangsläufig entsteht, wenn sich aus dem Zusammenbruch eines Systems wie über Nacht grundsätzlich neue und bisher unbekannte Bewertungsmassstäbe ergeben. Wenn die Menschen sich von einem Tag auf den anderen gezwungen sehen, ihr Leben anders zu betrachten als bisher.

Was aber bedeutet das für uns? Was bedeutet das für unsere Seelen, was für unser Land? Ich finde, es ist an der Zeit, sich solche Fragen zu stellen. Es ist an der Zeit, endlich in der Gegenwart anzukommen.

Von Jana Hensel


Zur Person:

Die Autorin Jana Hensel, geboren 1976 in Borna, lebt in Berlin. Im Jahr 2002 veröffentlichte sie ihren Erinnerungsband "Zonenkinder", in dem sie ihre Erfahrungen mit der kulturellen Anpassung der DDR-Jugend an die westdeutsche Gesellschaft nach der Wiedervereinigung beschreibt. Das Buch verkaufte sich mehr als 350.000 Mal.


Bisher erschienene Beiträge

 
 
  • 30.09.2009
  • freiepresse.de
  • Special31

Murmeln in meiner Tasche 

Wendegeschichten (10): 20 Autoren erinnern an 20 Jahre Mauerfall - Diesmal die Chemnitzerin Angela Krauß

Angela Krauß
Wenn die aus Chemnitz stammende Schriftstellerin an die Friedliche Revolution von 1989 denkt und damit an ein untergegangenes Land, dann hat sie die "Taschen voller Murmeln aus der Kindheit, wie jeder Mensch. Ich halte sie gegen das Licht: lauter kleine Augenblicke, Sommerferientage, ein Nachthimmel..." Zum Beispiel.

Chemnitz. Welchen erstaunlichen Rhythmen folgt doch die Geschichte! Jahrzehntelang scheint nichts zu geschehen. Die Geschichte rührt sich einfach nicht. Man steht als Mensch in einem kleinen Land an der Kreuzung und wartet auf Grün, und hat nicht das Gefühl, dass die Geschichte sich noch bewegt. Sollte denn die Weltgeschichte uns damals ganz vergessen haben in unserem kontrollierten Planquadrat?

Natürlich nicht! Sie vergisst keinen. Irgendwo auf der Welt (in der Danziger Werft oder im Kreml) der berühmte Flügelschlag eines Schmetterlings - und hier zwischen Anklam und Morgenröthe Rautenkranz war die Revolution da. Sie hat unseren Lebensläufen Ausdruckskraft verliehen.

Meine kleinen Begebenheiten nehmen sich im Rahmen einer Weltgeschichte vielsagender aus, ja eigentlich beginne ich sie in diesem Rahmen überhaupt erst zu verstehen. Ich bin kein Mensch mehr, dessen Lebensereignisse innerhalb von nationalen Jahrestagen und Grenzen kaum Wellen schlagen können, sondern ein Teil des Ganzen. Ich bin in die Welt geworfen, in den Afghanistankonflikt, in die globale Umweltkatastrophe, endlich auch in eine Weltwirtschaftskrise.

Dort lebe ich jetzt schon 20 Jahre, dort wo die Geschichte noch nie stillgestanden hat. Die Taschen voller Murmeln aus der Kindheit, wie jeder Mensch. Ich halte sie gegen das Licht: lauter kleine Augenblicke, Sommerferientage, ein Nachthimmel, an dem sechs Stunden lang die Weltraumhündin Laika kreiste, Frank Richter, der mich übersah, Wilhelm Pieck, der wie Onkel Kurt aussah, aber Präsident war, Frank Richter, der eine andere liebte, Fanfarenklänge am Morgen des 1. Mai, weil am 2. Mai mein Geburtstag ist?

Bilder, Geräusche, Vermutungen, Unbegreiflichkeiten, Sehnsüchte… Ich versuche sie wie Fundstücke frei von Fingerabdrücken zu halten, frei von eigener Besserwisserei, frei von den Übergriffen des grassierenden Deutungswahns. Sie funkeln kreuz und quer durch alle Facetten wie Kristalle, reine, blinde und angeschlagene. Sie passen kein Schema.

Alles was vorerst über sie zu sagen ist: Sie gehören mir. Ich lasse sie von niemandem besprechen, auch von mir selbst nicht. Ich warte, was sie mir zu sagen haben. Sie melden sich immer unverhofft - vielleicht schon morgen wieder - vielleicht in zehn Jahren? Solange ich das Gefühl habe: Ich kann nichts Endgültiges darüber sagen, was es gewesen ist, ich muss lebenslang aufmerksam bleiben, um zu verstehen - solange ist alles richtig. Diesen Zustand zu halten in einer Zeit, da aus Geschichte ein Geschichtsbild entsteht, das mir auch meine Geschichte erklären will, verlangt mir volle Geistesgegenwart und gelegentlich auch Selbstbeherrschung ab.

Lauter kleine Murmeln in meiner Tasche. Wenn ein anderer hindurchschaut, kann er nichts sehen.

Von Angela Krauß


Zur Person

Angela Krauß kam am 2. Mai 1950 in Chemnitz zur Welt. Sie studierte zunächst Werbeökonomie in Berlin, danach am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig, wo die Autorin lebt. Zuletzt sind von ihr 2009 die Erzählbände "Weggeküsst" (Suhrkamp) und "Ich muss mein Herz üben" (Insel) erschienen. (uh)


Bisher erschienene Beiträge

 
 
  • 28.09.2009
  • freiepresse.de
  • Special31

Nachrichten aus einer anderen Zeit, oder: Die Straßen von Leipzig 

Wendegeschichten (9): 20 Jahre nach dem Mauerfall erinnern 20 Autoren an die Friedliche Revolution von 1989 - Diesmal Martin Becker

Leipzig. Als ich das letzte Mal mein Elternhaus im Sauerland besuchte, entdeckte ich Nachrichten aus einer anderen Zeit. Schriftstücke aus dem Jahr 1989, vergessen zwischen Kindergartenmappen, Einschulungsfotos und Versandhausrechnungen. Persönliche Briefe von Freunden meiner Eltern, geschrieben in der DDR, adressiert an die westdeutsche Provinz. Wie ein Archäologe setzte ich mich auf den alten Wohnzimmerteppich und strich mit den Fingern über die schön geprägten Umschläge, auf denen sich eine stilisierte Abbildung der "1. deutschen Ferneisenbahn Leipzig-Dresden" befindet.

Tatsächlich: Obwohl ich im Haus meiner Eltern war, bekam ich Heimweh. Um mich abzulenken, las ich, was die Brandenburger Freunde meinen Eltern im September 1989 zu erzählen hatten "Diese Woche haben wir endlich einen Farbfernseher bekommen. Er hat 6903 Mark und 10 Pfennige gekostet. Ja, wenn wir uns was Schönes leisten wollen, müssen wir mächtig bluten, so ist das eben". Ich las noch mehr: Schöne Wolle für einen versprochenen Pullover war auch nicht zu kriegen, dafür wünschte sich die Briefeschreiberin Metallicgarn zum Zustricken, "wenn möglich 2 Rollen a 1000 Meter." Im Gegenzug versprach sie, noch einige Bausätze für meinen Bruder zu besorgen, von dessen Zimmerdecke damals unzählige Modellflieger aus Ost und West einträchtig vereint baumelten.

1989 war ich sechs Jahre alt. Ein glücklicher Junge inmitten grüner Berge. Mein Vater arbeitete hart in der Schmiede einer Autofabrik, meine Mutter war Schneiderin und änderte Kleidung für korpulente Frauen, die sich bei ihren Bestellungen bei Otto oder Quelle in der Größe verschätzt hatten. Ich träumte von Disneyland, einem eigenen Hund und Urlaub in Australien. Daraus wurde: Ein Besuch im Sauerländischen Freizeitpark, ein blauer Wellensittich und eine Reise in die DDR. Meine erste Auslandsreise. Erinnerungsfragmente sind davon übrig. Mein ununterbrochenes Staunen: Über die billigen Brötchen in der Bäckerei, über die langen Schlangen vor den Läden, über die streng dreinblickenden Uniformierten, in deren Gegenwart mein inoffizieller DDR-Onkel in der Kneipe nur leise mit uns sprach. Für mich war das alles ein Abenteuer. Besonders, als ich auf dem Rückweg an der Grenze im Auto unbedingt die Klappe halten sollte: Ich sammelte damals Geldscheine aus aller Welt (der tiefblaue Singapur-Dollar ist für mich heute noch eine Sensation), und hatte polnische Zloty, tschechoslowakische Kronen und jede Menge DDR-Scheine versteckt, die unsere Freunde mir geschenkt hatten.

Im Herbst desselben Jahres lag ich im Bett und konnte nicht einschlafen: Es war die Nacht des Mauerfalls. Und obwohl ich von Disneyland träumte und Geldscheine sammelte, wusste ich: Da passiert gerade was Wichtiges.Da war für den Bruchteil einer Sekunde ein unerklärliches Glücksgefühl. Viele Jahre sind seitdem vergangen: Mein Vater ist letztes Jahr gestorben. Die Modellflugzeuge meines Bruders gibt es schon lange nicht mehr, der Kontakt zu den alten Brandenburger Freunden ist abgerissen, und die Geldscheinsammlung liegt irgendwo in einer Reihenhausecke und wartet auf das letzte, große Aufräumen. Das diffuse Glücksgefühl aber gibt es noch: 2003 stieg ich zum ersten Mal in den Intercity von Hagen nach Leipzig, Direktverbindung vom Sauerland nach Sachsen. Ich fuhr zur Aufnahmeprüfung am Leipziger Literaturinstitut. Ohne die Friedliche Revolution wären die Straßen von Leipzig nicht meine Heimat geworden, nach der ich mich schon unendlich sehne, wenn ich auch nur einen einzigen Tag in meinem Sauerländer Elternhaus verbracht habe.

Von Martin Becker

Bisher erschienene Beiträge

 
 
  • 23.09.2009
  • freiepresse.de
  • Special31

Ein Altweibersommer von bleierner Schwere 

Wendegeschichten (8): 20 Jahre nach dem Mauerfall erinnern 20 Autoren an die Friedliche Revolution von 1989 - Diesmal Annett Gröschner

Berlin. Der Altweibersommer vor zwanzig Jahren war von bleierner Schwere. Die Innenstadtviertel von Ostberlin schienen nur noch menschenleere Hüllen zu sein. Viele Ungarnurlauber waren nicht zurückgekehrt, ihre Wohnungen verstaubten. Private Gaststätten und Läden hatten ihre sommerliche Ruhezeit ins Unendliche verlängert. Jeder, der da geblieben war, wusste, dass es so nicht weitergehen konnte, aber niemand vermochte vorherzusagen, was kommen würde. Wir hatten die zynischen Kommentare der SED-Politbüromitglieder zum Massaker auf dem Pekinger Tiananmen-Platz noch im Ohr.

Auch ich hielt es nicht aus in dem Land, das an sich selbst zu ersticken drohte. Am 6. Oktober 1989 flog ich nach Budapest. Mit Rückflugticket, denn ich ließ meinen neun Monate alten Sohn zurück. Ich wollte eine Schweizer Freundin treffen, die Einreiseverbot in die DDR hatte. Den Westen sah ich nach wie vor nicht als Alternative für mich.

Auf dem Rückflug nach Berlin-Schönefeld waren fast alle Plätze in der Maschine leer. Mit mir flogen nur eine indische Familie und zwei Männer zurück, denen man wohl ansehen sollte, dass sie von der Staatssicherheit waren. Ich fühlte mich unwohl. Ich wusste nicht, in welches Land ich zurückkommen würde. Die westdeutschen Zeitungen, die man in Budapest zu lesen bekam, hatten von Verhaftungen berichtet und von Schneepflügen, die gegen Demonstranten in Dresden eingesetzt worden waren.

Auf dem Flughafen Schönefeld war nur noch die Notbeleuchtung an und zuhause erwartete mich niemand. Meine Freunde, die am 7. Oktober an der Gethsemanekirche protestiert hatten, kehrten erst nach und nach aus der Untersuchungshaft zurück. Nach dem 9. Oktober änderte sich alles, und es begann ein Jahr, das ich als beglückend in Erinnerung habe. Die wunderbare Zeit der Anarchie endete am 3. Oktober 1990. Die Mehrheit der DDR-Bürger hatte sich für Begrüßungsgeld und Beitritt zur Bundesrepublik entschieden.

Das ist lange her. Mein Sohn ist erwachsen. Für ihn ist die DDR nicht mehr als ein Siegel auf seiner Geburtsurkunde. Je mehr Zeit vergeht und je komplizierter die Gegenwart wird, desto mehr gerinnt die DDR zur Anekdote in Schwarz- Weiß: Für die einen ist sie das böse Gespenst, das an der Ecke wartet und aufrechten Demokraten auflauert, für andere wird sie mehr und mehr zum Paradies, in dem es für jeden Milch und Honig gab. Dass soziale Sicherheit und Staatssicherheit zwei Seiten einer Medaille waren, wird gern übersehen.

Manchmal vergesse ich, wo ich hergekommen bin, manchmal werde ich auf unschöne Art daran erinnert. Unschön dann, wenn die Bundesrepublik Züge der DDR bekommt. Wenn im Namen der Sicherheit die Freiheit nichts mehr wert ist und ich Sätze höre wie: Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten, wenn der Krieg in Afghanistan nicht Krieg genannt werden darf, wenn angesichts der immer stärker werdenden sozialen Ungleichheit der Satz des Publizisten Valeriu Marcu aus dem Exil auf traurige Weise Wirklichkeit wird, dass nämlich die Armut das sicherste, gitterlose Gefängnis ist.

Was bleibt, ist die Erfahrung. Die der Beschränkung und die der Selbstbefreiung. Was wir, die wir dabei gewesen sind vor 20 Jahren, mitgenommen haben, ist die Gewissheit: Alles ist endlich, auch das, was man für unerschütterbar hält. Beton ist nicht dicht und ein Staatsgebilde, das auf Lüge gebaut ist, nicht von Dauer. Von einem zum anderen Tag kann sich alles verändern und etwas Neues anfangen. Ob es uns gefällt oder nicht, wir werden ein Teil davon sein.

Von Annett Gröschner


Zur Person:

Annett Gröschner wurde 1964 in Magdeburg geborgen und lebt seit 1983 in Berlin. Die studierte Germanistin ist Journalistin und Schriftstellerin. Nach der Wende gründete sie die Frauenzeitschrift "Ypsilon" mit, schrieb unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die "taz". Zuletzt sind 2008 in der Edition Nautilus ihre Berliner Geschichten unter dem Titel "Parzelle Paradies" erschienen (16 Euro, ISBN-10: 3894015756).


Bisher erschienene Beiträge

 
 
  • 21.09.2009
  • freiepresse.de
  • Special31

Die Systeme scheitern an ihren Menschen 

Wendegeschichten (7): 20 Jahre nach dem Mauerfall erinnern 20 Autoren an die Friedliche Revolution von 1989 - Diesmal Hans-Joachim Maaz

Wir hatten 1989 - so bedauerlich es auch sein mag - keine wirkliche Revolution: die Aufständischen haben die Macht nicht übernommen und "friedlich" sind vor allem die geblieben, die die Waffen hatten. Man war sich wohl auf beiden Seiten darin einig - begeistert oder zerknirscht -, dass die Energie, die Kompetenz und die materielle Basis für eine sozialistische Lebensform erschöpft waren. Und es gab im Westen tatsächlich "blühende Landschaften", so dass sich gar keine Anstrengungen zu lohnen schienen, einen gesellschaftlichen Neubeginn zu finden, nur Beitritt an ein offensichtlich so erfolgreiches Wirtschaftssystem war mehrheitlich der Wunsch.

Freilich, Ernüchterung und Enttäuschung gibt es seitdem genug, vor allem bei den vielen, die nicht einmal ihr "Gärtchen" zum Blühen bringen können. Aber wer hätte vor 20 Jahren schon gedacht, dass auch die "Sieger der Geschichte" nur auf tönernden Füßen stehen. Mit der Finanz- und Wirtschaftskrise wird auch die bisherige westliche Lebensform grundsätzlich in Frage gestellt. Aber die Reaktionen darauf - damals wie heute - ähneln sich erschreckend: Augen zu und durch! Wirkliche Einsicht in die Ursachen der Misere gelingt nicht. Mit symptomatischen Mitteln - mit sehr viel Geld - soll das kranke System gerettet werden.

Dabei weiß doch jeder, so viel Geld muss entweder ohne Gegenwert gedruckt oder von der Zukunft geborgt werden. Dabei sind die Banker und Manager heute ebenso wenig die Alleinschuldigen wie ehemals die Politbürokratie. Der Sozialismus ist vor allem an Menschen gescheitert, die mehr wollten als zu haben war. Und der Kapitalismus scheitert an den Menschen, die mehr verbrauchen und in Anspruch nehmen als sie verdient haben.

Das Symptom "Gier" wurde als eine Erklärung für die Krise ausgemacht. Gier ist ein Symptom der Suchtstrukturen einer Wachstums- und Leistungsgesellschaft, die natürliche Begrenzungen verleugnet und deren "Droge" Geld heißt. Wir werden also nach den Ursachen unserer Süchtigkeit forschen müssen. Suchttherapeutische Erfahrungen machen uns regelmäßig aufmerksam auf einen Mangel an mitmenschlichen Beziehungen als Quelle süchtiger Bedürftigkeit. Es geht also um narzisstische Defizite an Zuwendung und Bestätigung, die durch Geld kompensiert werden sollen, indem wir heute unsere Erfahrungen und Fähigkeiten zu solidarischen und gemeinschaftlichen Beziehungsformen einbringen und uns für ihre Bedeutung engagieren. Wir können über die Begrenzung des materiellen Wohlstandes klagen oder befriedigende Beziehungsformen gestalten und leben lernen.

Zur Person

Der Autor und Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz wurde 1943 im sächsischen Niedereinsiedel bei Sebnitz geboren. Nach seinem Studium war er erst Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, später Chef einer psychotherapeutischen Klinik in Halle. Über Fachkreise hinaus bekannt wurde Maaz als Autor von Büchern, die den Einfluss des DDR-Systems und der Wiedervereinigung auf die Psyche der Bevölkerung untersuchten.


Bisher erschienene Beiträge

 
 
  • 16.09.2009
  • freiepresse.de
  • Special31

"Wie von Geisterhand verschwand Volksvermögen"  

Wendegeschichten (6): 20 Jahre nach dem Mauerfall erinnern 20 Autoren an die Friedliche Revolution von 1989 - Diesmal Freya Klier

Freya Klier
Wer diesen Herbst 1989 miterlebt hat, wird ihn niemals vergessen. Nicht die hitzigen Fluchtwellen über Osteuropa und die gespannte Ruhe im Land. Nicht die Gründung der Oppositionsgruppen, die Knüppelorgien der Polizei in Berlin und Dresden. Und erst recht nicht den 9.Oktober 1989, an dem der Unterdrückungsapparat kapitulierte, als ungeahnte Menschenmassen durch die Leipziger Innenstadt zogen, "Neues Forum" riefen, "Gorbi" und "Die Mauer muss weg!"

Auch ich habe den Herbst 1989 miterlebt, in großer Spannung - allerdings auf der West-Seite der Mauer. Denn ich war bereits seit anderthalb Jahren ausgebürgert.

Ich durfte die DDR nicht betreten, war nun aber fasziniert, wie der Koloss wankte: Honecker trat zurück, und Anfang November beichtete sein Nachfolger Egon Krenz den Moskowitern die Wirtschaftslage der DDR und deren tatsächlichen Schuldenberg. Markus Wolf, KGB-Meisterschüler, versuchte der DDR-müden Bevölkerung auf der Berliner Großdemo am 4.November 1989 den Reformkommunismus schmackhaft zu machen - doch was schallte ihm entgegen? "Stasi in die Produktion!"

Es war unbeschreiblich. Und dann folgte jene Nacht, in der ein zermürbter Grenzoffizier die Weisung gab "Wir fluten jetzt!"... Eine Nacht, von der noch heute jeder sagen kann, was er oder sie gerade gemacht haben, als die Mauer "fiel"...

Schon am nächsten Tag stauten sich Auto-und Menschenschlangen an den Grenzübergängen - ich fand mich plötzlich unter Ostlern wieder, denn ich wohnte zwischen Heinrich-Heine-Straße und Checkpoint Charlie, im sogenannten Zonenrandgebiet.

Am 10. November 1989 schrieb ich in mein Tagebuch: " Die Hektik der historischen Stunde - stammelnde Politiker, Verkehrschaos, Sondersitzungen.... Mitschüler meiner Tochter aus Ost-Berlin stehen plötzlich vor der Tür, mussten nicht mal ihren Ausweis zeigen, sind einfach durch. Die Wiedervereinigung findet im Kinderzimmer statt... Anrufe aus aller Welt. Meine Freunde in Kanada weinen, sie sehen in ihrem TV, wie Leute auf der Berliner Mauer tanzen..."

Doch bald schon trübte sich meine Stimmung ein. Ich sah, wie rasch die für 40 Jahre DDR-Ruin verantwortlichen Genossen wieder Tritt fassten: Die obersten Funktionäre wurden öffentlichkeitswirksam abgesetzt, der Rest formierte sich neu. Die Staatssicherheit benannte sich nach außen um und festigte nach innen ihr mafiotisches Netzwerk. Und während sich Runde Tische bildeten, verschwand wie von Geisterhand gesteuert Volksvermögen im Ausland, wurden Immobilien auf zuverlässige Parteigänger übertragen. Um den Jahreswechsel 1989/90 eilte das Gerücht durchs Land, in der Staatsbank der DDR liefen die Maschinen heiß, ein Insider-Kartell bediene sich dort.

Griff denn hier niemand ein?
Nachdem im Frühjahr 1990 ein großer Teil des Volkseigentums in den eilig gegründeten GmbH der Genossen verschwunden war, ahnte ich, was im vereinten Deutschland auf uns zukommt. Und schon entdeckte ich an einigen Grenzhäuschen die ersten großen Tafeln, auf denen stand "Im Mai richtig wählen: SED-PDS!"


Zur Person

Die 1950 in Dresden geborene Freya Klier war bis 1984 in Theatern und Fernsehen der DDR tätig. 1985 erhielt sie wegen ihre Aktivitäten für die Friedensbewegung Berufsverbot. Trotzdem setzte sie sich weiter öffentlich für Reformen ein. 1988 wurde Klier von der Stasi verhaftet
und in die BRD abgeschoben.


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  • 14.09.2009
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Das Verlorene als eine offene Wunde 

Wendegeschichte 5: 20 Jahre nach dem Mauerfall erinnern 20 Autoren an die Friedliche Revolution von 1989 - Diesmal Josef Haslinger

Josef Haslinger
Dem Herbst 89 verdanke ich ein seither nicht zum Stillstand gekommenes Grübeln, was noch eine vertretbare Gesellschaftsperspektive sein könnte. Der Herbst 89, das war nicht einfach nur jener Prozess, der zur Erweiterung der Bundesrepublik durch neue Bundesländer führte. Die wiedervereinigung war bloß der spezifisch deutsche Beitrag zu einer viel umfassenderen Bewegung, die 70 jahre nach der Oktoberrevolution ein ganzes Gesellschaftssystem zum Einsturz gebracht hat.

Ganz konkret jedoch verdanke ich dem Herbst 89 einen Anruf aus Leipzig, der zu einer gründlichen Veränderung meines Lebens führen sollte. Von Wien kommend hatte ich das Glück, nicht so eindeutig als Proponent der neuen Invasionstruppen wahrgenommen zu werden wie meine westdeutschen Kollegen. Es ist keine frage, dass bei der Neuverteilung der Möglichkeiten in diesem Land die ansässigen Menschen die benachteiligten waren. Für mich hat es freilich von Anfang an etwas Aufregendes gehabt, einer historischen Umbruchsituation beizuwohnen, zusehen zu können, wie eine ganze Innenstadt neu gestaltet wird. Auch wenn zwischendurch der politische Mut und die ökonomische Kapazität eingebrochen sind, sodass das gesamtgebilde nicht einem genialen Wurf gleicht, sondern einem Sammelsurium, in dem sich alte und neue irrtümer inmitten von alter und neuer Protzigkeit eingenistet haben. Der Wunsch, die DDR zum Verschwinden zu bringen, ist zu einer Zwangsneurose geworden. An den Veränderungen im Stadtbild ist das ablesbar. Was bislang fehlt, ist die Gelassenheit.

Als ich in den Achtziger Jahren vom DDR-Schriftstellerverband das erste Mal durch den Arbeiter- und Bauernstaat kutschiert wurde, war mir schleierhaft, warum die mir zugeteilten Begleiter in der Stadt Leipzig so ins Schwärmen gerieten. Während auf der Gesprächsebene historische Namen wie Liebknecht, Goethe, Leibniz, Bach und Mendelssohn wie Glanzstücke herumgereicht wurden, waren in der augenscheinlichen Wirklichkeit nur zerbröckelnde alte Häuser und Plattenbauten zu sehen. Für meinen zugegebenermaßen oberflächlichen Blick von außen, der das spannungsreiche Geistesleben der Stadt nicht kannte, ragte einzig Kurt Masurs neues Gewandhaus in seiner eigenwilligen Form aus dem tristen Anblick heraus.

Ernst Schwarz, der Mann, dem ich meine damalige Lesereise zu verdanken hatte, war, so stellte sich später heraus, um meine Zukunft besorgt. Er stand im Dienste von Markus Wolf. Naiv wie ich damals war, naturgemäß ohne mich für naiv zu halten, muss ich mich fragen, welcher Art meine Beziehungen zu diesem Land heute wären, hätte es die Wende nicht gegeben.

Ein in der DDR nicht unbedeutender Dichter sagte neulich zu mir: Weißt du, Kollege, das mit der Stasi ist so eine Sache. Wenn über einen Bericht erstattet wurde, war man sicher blöd dran. Aber noch blöder dran war man, wenn kein Bericht erstattet wurde.

Vielleicht kann man das als Beteiligter so sehen, und der Kollege ist aus dem Schneider, denn er hat das Glück, dass über ihn eine Stasi-Akte existiert. Ich wollte ihm schon nahelegen, sich bei denen, die diese Akte angelegt haben, zu bedanken.
Was die menschen des Herbstes 89 erreicht haben, ist ein Gewinn an politischer Freiheit. Ein Gewinn an Sicherheit ist es nicht. So wie man die politische Freiheit zu schätzen lernt, wenn man sie nicht hat, so mag es auch mit der sozialen Sicherheit sein. Das hat der Wende den Glanz genommen. Das Gewonnene ist verblasst, das Verlorene schwelt als offene Wunde. Aber wer sagt denn, dass das, was im Herbst 89 begonnen wurde, schon zu Ende gebracht ist? Die Menschen am gesellschaftlichen Reichtum zu beteiligen und ihnen Schutz zu bieten, ohne sie politisch zu gängeln, das wäre doch noch eine Perspektive, ein würdiger Abschluss für jenen Aufbruch, der im Herbst 89 mit fast spielerischer Leichtigkeit den linken Totalitarismus kippte.

Zur Person:

Der Schriftsteller Josef Haslinger wurde am 5. Juli 1955 im niederösterreichischen Zwettl geboren. Nachdem er in Wien Germanistik, Theaterwissenschaften und Philosophie studiert hatte, gab er Ende der 70er Jahre die Literatur-Zeitschrift "Wespennest" heraus, bei er einen analytisch-gesellschaftskritischen Stil entwickelte. International bekannt wurde Haslinger mit seinem 1995 erschienenen Roman "Opernball", der von einem fiktiven Terroranschlag einer Neonazi-Gruppe auf die Wiener Oberschicht handelt.


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  • 09.09.2009
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Die Sehnsucht nach Selbstverständlichkeit  

Wendegeschichten (4): 20 Jahre nach dem Mauerfall erinnern 20 Autoren an die Friedliche Revolution von 1989 - Diesmal Joachim Walther

Joachim Walther
Dieser Text ist bei einem Glas Wein in der Toskana entstanden. Der aus Chemnitz stammende Autor Joachim Walter schreibt: "In den Ferienwohnungen ringsum Leute aus Utrecht und Manchester, dazu Bayern und Schwaben - und ganz selbstverständlich Brandenburger und Sachsen. Die Sehnsucht nach dieser Selbstverständlichkeit war zweifellos eine der Energiequellen der Revolution."

Chemnitz/San Gimignano. Allein der Ort, an dem diese Kolumne entsteht, illustriert die erfreulichen Folgen der Friedlichen Revolution von 1989: Ich sitze am Pool des toskanischen Weingutes "Bellavista", umgeben von Weinstöcken und silbrig flirrenden Ölbäumen, mit einem atemberaubend weiten Blick auf die sanften Zypressenhügel und die Türme von San Gimignano. In den Ferienwohnungen ringsum Leute aus Utrecht und Manchester, dazu Bayern und Schwaben - und ganz selbstverständlich Brandenburger und Sachsen. Vor 1989 undenkbar.

Die Sehnsucht nach dieser Selbstverständlichkeit war zweifellos eine der Energiequellen der Revolution. Die Öffnung zur Welt, der Ausbruch aus der jahrzehntelangen ideologischen und räumlichen Enge kam, obwohl oft geträumt, mit dem ersten Loch in der Mauer überraschend plötzlich. Ungestüm rauschte die Weltzeit in die östliche Enklave der gestockten Zeit und spülte mit sich fort, was sich nicht bewegen wollte.

Die greisen Machthaber hatten es geahnt. Deshalb Stacheldraht und Schießbefehl, deshalb die Denkverbote, die ideologischen Gebetsmühlen, die paranoide Überwachung, das politische Strafrecht. Alles vergebens. Die Weltzeit ließ sich durch derart martialische wie lächerliche Bemühungen nicht aufhalten, sie strömte ein und ließ den leergepumpten Block des Kommunismus implodieren.

Für mich, für viele der grandioseste Augenblick, ungläubig und euphorisch zugleich erlebt. Wahnsinn: Das Wort dieser Tage, in denen nicht nur der Zeitgeist wehte, sondern der Weltgeist die Bühne betrat. Hinzu kamen die wundervollen Monate der Anarchie, als die Macht der Funktionäre dahin schmolz und die Regularien des Rechtsstaats noch nicht installiert waren.

Welche Genugtuung, das Absterben des sklerotischen Staates zu erleben! Welche Erlösung, öffentlich frei zu reden, unzensiert zu schreiben, unkontrolliert Grenzen zu überschreiten, die bislang unterdrückten Talente der Leute erwachen zu sehen, die Freude in deren Gesichtern, die wiedergefundene Würde und andererseits die trostlosen Mienen der einst Mächtigen!

Aber wie alles hatte auch die Ankunft der Weltzeit seine zweite Seite. Das Weltzeit-Metronom tickte schneller, so dass jeder, der die dröge Ostzeit per Geburt als seinen Biorhythmus internalisiert hatte, in Turbulenzen geriet. Ich spreche von mir: ein Roman in sechs Monaten, ein Beitrag für die Zeitung in zwei Stunden - unmöglich.

Zudem wusste man sich im Osten der vielen Zumutungen wohl zu wehren, da man die offizielle Sprachregelung und die Reizschwelle der Macht kannte, im Westen angekommen jedoch, den neuen Tücken zunächst naiv anheimfiel, ich sage nur: Anlageverführer, Gewinnversprecher, Glückverkäufer jeglicher Couleur.

Doch klage ich nicht und klage nicht an, denn all das und noch mehr scheint mir inmitten der Weinberge von San Gimignano nahezu belanglos. Und so erhebe ich mein Glas: Salute 1989!

Von Joachim Walther


Zur Person

Joachim Walther wurde 1943 in Chemnitz geboren. Nach dem Abitur in Karl-Marx-Stadt studierte er Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität in Berlin. Er war Lektor und Herausgeber beim Buchverlag "Der Morgen", Redakteur der Literaturzeitschrift "Temperamente", ab 1983 freier Schriftsteller.

1989 kehrte er aus Mecklenburg nach Berlin zurück und war 1990 letzter stellvertretender Vorsitzender des DDR-Schriftstellerverbandes. Walther ist Verfasser von Romanen, Erzählungen, Kinderbüchern und Hörspielen. Nach der Wende war eines seiner Hauptanliegen die Dokumentation des Einflusses der SED-Politik auf die Literatur in der DDR und die Praktiken, mit deren Hilfe das Ministerium für Staatssicherheit den DDR-Literaturbetrieb überwachte. Joachim Walthers Buch "Sicherungsbereich Literatur" ist ein Standardwerk zu diesem Thema. 2001 initiierte er zusammen mit Ines Geipel das Projekt eines "Archivs Unterdrückter Literatur in der DDR". (uh)

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  • 07.09.2009
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So weit weg 

Wendegeschichten (3): 20 Jahre nach dem Mauerfall erinnern 20 Autoren an die Friedliche Revolution von 1989 - Diesmal Christiane Neudecker

Christiane Neudecker
Für Christiane Neudecker fand die Wende nicht statt. Jedenfalls nicht in ihrem eingestaubten Tagebuch, das sie nach Einträgen über das Ereignis durchforstete - obwohl sie nicht unpolitisch war, damals mit 15 Jahren. Christiane Neudecker ist die dritte der 20 Schriftsteller, die sich in einer Serie des MDR und der "Freien Presse" 20 Jahre danach an die Zeit rund um den Mauerfall erinnern.

Die Wende fand nicht statt. Ich suche sie zwischen den Seiten meiner eingestaubten Tagebücher, blättere hin und her, fahre mit dem Zeigefinger die Zeilen ab, entziffere die krakeligen Worte und Sätze meiner früheren Schrift. Ich suche und suche, aber ich kann sie einfach nicht finden. 15 war ich damals. Wir waren nicht unpolitisch, Tschernobyl hatte uns aufgescheucht. Wir gingen auf Ostermärsche, schrieben Artikel gegen Massentierhaltung und hörten auf, Fleisch zu essen. Wir demonstrierten für den Regenwald und gegen Atomkraft, wir schrieben empörte Leserbriefe an alle Zeitungen, die Werbung für McDonalds schalteten, sammelten Unterschriften für und gegen Dinge und wollten jeden bekehren. Aber die Wende gibt es in meinen Aufzeichnungen von 89/90 nicht, ich finde sie nirgends, so sehr ich auch suche.

Diskussionen mit Lehrern sind in diesen ehemals so quietschbunten, langsam ausbleichenden Tagebüchern verzeichnet, Klassenausflüge, Urlaub mit den Eltern, Feiern mit Freunden und (natürlich!) jedes Lächeln des Jungen aus der Oberstufe, der sich endlich für mich zu interessieren begann. Dass wir überlegten, ein Schuljahr in Neuseeland zu verbringen, steht da, dass wir irgendwann mal für Greenpeace in die Antarktis wollten oder in Afrika bei Brunnenbohrungen helfen. Die Welt schien so nah - aber der Osten, der war so weit weg.

Erst später finden sich Randbemerkungen. Die Wiedervereinigung war uns, so lese ich, nicht ganz geheuer. Etwas daran erschreckte uns, wir hatten Zoff mit den wenigen Glatzen und Bomberjacken aus unserem Vorort und Angst vor einem großdeutschen Reich. Also zogen wir in der Innenstadt Schleifen um das Rathaus und brüllten: "Ob Ost, ob West, nieder mit der Nazipest". Und dann pinselten wir nachts heimlich "Kein Blut für Öl" an die Schulmauern und das war uns genauso wichtig.

Auf der Nürnberger Burg gab es dann irgendwann ein Seminar zur Gründung einer ersten gesamtdeutschen Jugendzeitung. Jetzt müsste ich mich erinnern. Ob mir die Teilnehmer aus Jena, Gera, Erfurt fremd vorkamen. Aber darüber finde ich nichts. Ich lese von Namen, lese wer wen angelächelt hat, wer auf wen eifersüchtig war - aber nirgends steht, wer woher kam. Uns war das nicht wichtig.

Als ich dann mit Anfang zwanzig nach Ost-Berlin zog, schrieb ich kein Tagebuch mehr. Aber ich weiß noch, dass ich mich schämte. Weil ich die Dimension meines Hier-Seins nicht begreifen konnte, während doch die älteren meiner Besucher von daheim immer so staunende Sätze sagten, wie: dass das jetzt möglich ist! Oder: dass du tatsächlich da wohnst! Und: unfassbar ist das!

Inzwischen ist all das längst Normalität. Nur manchmal gibt es diese Momente, in denen wir uns erinnern. Wir sitzen zusammen und reden von unserer Vergangenheit. Und plötzlich gibt es da eine Trennlinie, werden mir einige meiner Freunde in ihrem Erleben ganz fremd. Der Freund, der in einem Nebensatz sagte: weil ich ja über Ungarn geflohen war. Die Tänzerin, die Zahnpasta aß, um dem Gewichtswahn der Staatlichen Ballettschule zu entsprechen. Die Freundin, die von ihrem Lieblings-See erzählte, diesem ehemals geteilten Grenz-See, den ihre Eltern noch heute täglich mit dem Fahrrad umrunden, weil sie noch immer nicht glauben können, dass das jetzt geht.

Dann werde ich ganz still und weiß gar nicht, wie ich es ihnen sagen soll. Dass sie aus einem Land kommen, dass es für mich damals kaum gab. Weil es weiter weg schien als der Regenwald.

Von Christiane Neudecker

Foto: Peter von Felbert/Luchterhand Literaturverlag


Zur Person

Die Schriftstellerin Christiane Neudecker wurde 1974 in Erlangen geboren. Sie hat Regie an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin studiert und an verschiedenen Theatern sowie mit unterschiedlichen Truppen Inszenierungen erarbeitet. Mit "Nirgendwo sonst" legte sie 2008 ihr Romandebüt vor. Zuvor hatte Christiane Neudecker in Zeitschriften bereits Kurzgeschichten veröffentlicht. (UT)


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  • 31.08.2009
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"Ich hatte gewusst, dass es so kommen würde" 

Wendegeschichten (1): 20 Jahre nach dem Mauerfall erinnern 20 Autoren an die Friedliche Revolution von 1989 - Diesmal Kerstin Hensel

Chemnitz. Sie hat die Nacht der Grenzöffnung verschlafen. Am nächsten Morgen, als die Nachricht sie erreichte, sagte sie ganz gelassen: "Na, das wurde aber auch Zeit."

Ich kann nur sagen: Ich hatte gewusst, dass es so kommen würde. Nicht auf den Tag genau, aber mit Sicherheit. Wie viele der Generation Mauerkinder bin ich zwar in tiefsten DDR-Zeiten aufgewachsen, habe mich dennoch mit Beginn meiner Denkfähigkeit distanziert. Wir "Hineingeborenen" waren skeptischer als die Erbauer des Sozialismus. Das erhabene Gefühl, nach dem Horror Faschismus eine bessere, menschlichere Gesellschaft zu errichten, war dem Gefühl der Luftnot gewichen. Vom Ende der DDR konnte ich also nicht enttäuscht sein, weil ich nicht getäuscht war. Und: Für mich brach mit der DDR keine Welt zusammen, weil mir in der DDR die Welt vorenthalten wurde.

Schon Jahre vor der großen Verpuffung des Staatssystems hatte meine Gruppe der Gleichgesinnten - Unbehagen verbreitende Künstler, aufmüpfige Jungschriftsteller, kühne Theatermacher, durchblickende Fabrikarbeiter, denkwillige Studenten, renitente Parteigenossen, demoralisierte NVA-Rekruten und bizarre Randgruppenphilosophen - öfters konstatiert: Das Land macht's nicht mehr lange.

Und was haben wir in diesen Jahren der Untergangserkenntnis gelacht! Gelacht und verlacht, was sich nicht mehr auf den alten ideologischen Krücken halten konnte!

1989 hatte der Sozialismus in seiner heruntergewirtschafteten Form ausgedient. Es war offensichtlich für jeden, der sehen konnte: die verfallenen Städte, die veraltete Industrie, die umweltzerstörende Landwirtschaft, die immer affiger werdenden Lügen der DDR-Medien, die maulenden respektlosen Reden in allen Schichten der Bevölkerung, der Rückzug vieler Genossen von den Richtlinien der Partei ins Private, die immer stärkere Wirkung aller möglichen staatskritischen oder sich verweigernder Personen, das greise Kaspertheater der Regierung, die beginnenden Demonstrationen und natürlich die sich verändernde Welt: Gorbatschow, Glasnost, Ungarns offene Grenzen ...

Das Ende des diktatorischen Sozialismus hat mich, wie gesagt, nicht überrascht. So passte auch die Tatsache, dass ich die Nacht der Maueröffnung verschlafen und am nächsten Morgen, als mich die Nachricht erreicht hatte, ganz gelassen gesagt habe: "Na, das wurde aber auch Zeit." Dass sich der so genannte Antifaschistische Schutzwall letztlich wie ein leicht angelehntes Gartentor aufstoßen ließ, bestätigte nur, dass es, wie wir Sachsen sagen, "weitnein böse" und das politische System längst hirntot war. Ich habe den 9. November also nicht als unbegreifliches Wunder, sondern als gesellschaftliche Gesetzmäßigkeit empfunden.

Doch von meiner Seite aus war da eine Unfähigkeit, die ich der DDR zu verdanken hatte: mich euphorisch den Massen anzuschließen und Parolen zu skandieren, und wenn sie noch so freiheitlich tönten.

Ich kannte "meine Leute", die sich in braver Bürgerlichkeit gut und fraglos im DDR-System eingerichtet und nie den Gedanken an wirkliche demokratische "Freiheit" gehegt hatten. Ihre Freiheit war vor allem die des Konsums, leider, aber der Sozialismus hat eben nun mal keine besseren Menschen hervorgebracht - sonst wäre er ja nicht gescheitert. Ich hatte geahnt, dass nach den ersten Rauschkäufen das Leben "meiner Leute" durch den von ihnen angehimmelten Kapitalismus durcheinandergewirbelt und bei etlichen von ihnen in Absturz und Enttäuschung enden würde. Diese Ahnung hatte einfach mit meiner Menschenkenntnis zu tun.

Kurz nach der Maueröffnung hoffte ich dennoch auf einen ermunternden Ruck, auf eine konstruktive Irritation der Massen, auf ein Aufwachen aus der Behäbigkeit des Dahinlebens. Ich hoffte es, und wusste gleichzeitig: Es wird für die meisten nicht funktionieren. Es ist alles noch immer "weitnein böse".

Kerstin Hensel
Zur Person

Kerstin Hensel wurde am 29. Mai 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren. Nach einer Ausbildung zur Krankenschwester studierte sie am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und arbeitete am Theater. Die Lyrikerin, Prosa-, Hörspiel- und Romanschreiberin ("Im Spinnhaus") ist eine mehrfach ausgezeichnete Autorin - unter anderem erhielt sie den Anna-Seghers-Preis der Deutschen Akademie der Künste in Berlin (Ost), den Leonce-und-Lena-Preis der Stadt Darmstadt und ein Stipendium der Villa Massimo Rom. (uh)


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