Berlin, 12. November 1989. Mauersegmente werden am Potsdamer Platz entfernt. Doch auf die Freude folgte Ernüchterung.

Foto: Lionel Cironneau/ap

20 Jahre danach: Deutschland kommt an einen Tisch

Rund 80 Prozent aller Bundesbürger sehen die Wiedervereinigung positiv

Zwei Stammtische. Einer im Osten, einer im Westen. In Wildenfels bei Zwickau treffen sich jeden Mittwoch Funkamateure. In Speyer kommen jeden Samstag gegen 12 Uhr Bürger zusammen, "um die Weltachse zu schmieren", wie sie sagen. Freundliche Menschen, grundverschieden ihre Lebenswelten, unterschiedlich ihre Erfahrungen. Die Frage ist, ob etwas anderes als nur rund 600 Kilometer Entfernung zwischen ihnen liegt? Was trennt die Deutschen 20 Jahre nach dem Mauerfall? Was eint sie?

In Wildenfels, wo sich 1971 die ersten Stammtischmitglieder trafen, noch unter der Kontrolle der Gesellschaft für Sport und Technik, ist der jüngste Funker heute zuständig für die Versorgung. Matthias Bader hat Wiener und Bockwürste mitgebracht. Bautzener Senf und Brötchen stehen bereit. Es geht praktisch und schlicht zu. Jede Woche sorgt ein anderer für das leibliche Wohl. "So ist es preiswert und gerecht", sagt einer der Männer.

Speisen à la carte im "Anker" in Speyer, einem Lokal am Rhein, in dem sich an manchen Samstagen 35 Personen am Stammtisch einfinden. "Vormittags erledigen wir unsere Einkäufe auf dem Markt. Danach beginnen wir das Wochenende gemeinschaftlich", erzählt Charlie Scheurer. Wein steht auf dem Tisch, der Wirt bringt Rumpsteaks, Saumagen, marinierte Heringe.

In Wildenfels dreht sich das Gespräch um einen Arbeitseinsatz. Sie wollen eine Antenne auf einen Funkmast montieren, um sich besser verständigen zu können. In Speyer verteilt Fritz Knutas Karten für ein Benefizkonzert der Interessengemeinschaft Behinderte und ihre Freunde, deren Chef er ist. "Es ist eine Regel, dass der Stammtisch jene unterstützt, denen es nicht so gut geht", sagt Knutas. Wenn sich ein Stammtischmitglied ehrenamtlich engagiert, bekommt er die Hilfe der anderen. Charlie Scheurer: "Viele von uns leben auf der Habenseite und wollen etwas abgeben."

Die Familie von Töns Wellensiek hat zum Beispiel während der DDR-Zeit Pakete zu einer Familie in den Osten geschickt. "Wir hatten die Adresse aus der Schule", erinnert er sich. Er bedauert, dass der Kontakt nach der Wende abgebrochen ist. Aber andererseits: "Es ist auch nicht so schlimm."

Alltag ist eingekehrt im deutsch-deutschen Verhältnis, und 80 Prozent aller Deutschen sehen die Wiedervereinigung alles in allem positiv. Was Töns Wellensiek am Stammtisch im Westen die Freude an der Vereinigung dennoch etwas verdirbt, ist "die hohe Anzahl der Leute, die im Osten die Linke wählen. Das finde ich bedenklich", sagt er und löst damit eine Diskussion aus. "Du musst sehen, dass es da drüben auch Wendeverlierer gibt", meint Charlie Scheurer. "Nicht 25 Prozent", erwidert Wellensiek. "Doch", glaubt Scheurer, "vielleicht sogar 30 Prozent".

Es geht hin und her, bis Eberhard Spitzer einen Schluck Wein nimmt und dann die deutsch-deutsche Frage analysiert. Der Mauerfall habe zwei Bedeutungen, eine weltpolitische und eine menschliche. Die Hoffnungen auf Entspannungen in der Welt, zwischen Russland und Amerika, hätten sich erfüllt. "Und nun die menschliche Seite." Spitzer holt Luft: "Wir haben das ja alle erlebt. Den Jubelschrei in der Prager Botschaft, die tanzenden Menschen auf der Mauer. Doch die Emotionalität ist der Normalität gewichen. Und es gibt jetzt den Soli. Den müssen zwar auch DDR-Bürger zahlen. Aber wir im Westen sind so erzogen, dass wir die Dinge marktwirtschaftlich anpacken. Das haben wir auch von der DDR erwartet. Unsere Erwartungen wurden nicht erfüllt. Die DDR-Bürger haben das Heft des Handelns nicht ergriffen. Sie sind zu passiv, zu wenig kreativ." Wenn nicht bald sichtbare Zeichen von Eigeninitiative erkennbar würden, müsse man den Soli streichen. Das sei der einzige Weg, die DDR-Bürger endlich anzuspornen.

Seine Meinung wollen die anderen am liebsten zensieren. Fritz Knutas blickt Spitzer herausfordernd, scherzhaft an: Die Runde sei tolerant. Es kämen sogar Menschen mit schlichtem Gemüt zu Wort. Und Töns Wellensiek schüttelt mit dem Kopf. "Spitzer repräsentiert nicht den Stammtisch."

Doch Fakt ist: Die Wirtschaftsleistung im Osten hat noch nicht die des Westens erreicht. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf im Osten beträgt 71 Prozent des Westens. Die Frage ist, was sagt diese Tatsache über die Kreativität von Menschen aus?

Die Funker in Wildenfels kennen Meinungen wie die von Eberhard Spitzer - aber sie machen sich nicht viel draus. Im Gegenteil, es scheint, als seien sie stolz darauf, selbst in der Mangelwirtschaft zurechtgekommen zu sein. Sie lassen sich nicht die Butter vom Brot nehmen. Nahezu alle am Tisch haben nach der Wende einen beruflichen Neuanfang gestartet - so wie rund 40 Prozent aller Ostdeutschen.

Frieder Hauck sitzt am Tischende. Er gehört zu den 72.000 Pendlern in Sachsen, ist Maschinenbaukonstrukteur und arbeitet viel "mit Wessis". Es sei ein gutes Arbeiten. Er ist sich sicher, dass Ossis gern genommen werden von West-Chefs. Warum, das liege auf der Hand. "Gerade weil wir in der Mangelwirtschaft groß geworden sind, lösen wir jedes Problem. Wir sind krisenfest." Hauck hebt sein Bierglas.

Am Stammtisch wird aber nicht nur ostdeutscher Stolz deutlich, in den vergangenen 20 Jahren zurechtgekommen zu sein. Unterschwellig hört man auch Verbitterung über fehlende Anerkennung: Rund 60 Prozent der Bürger in den neuen Ländern empfinden, dass Westdeutsche sie als Bürger zweiter Klasse behandeln. "Drüben glauben sie, wir haben nicht gearbeitet und unsere Frauen bekommen zu viel Rente", schimpft Klaus Schönfelder. "Unsere Frauen mussten acht Stunden täglich arbeiten. Nicht wie Westfrauen, die zuhause bleiben konnten, weil ihre Männer genug verdienten."

Es gehe ihnen gut, so der Tenor am Tisch, aber das hätten sie sich redlich verdient. Ihre Lebensleistungen seien nicht geringer als die der Westdeutschen. Unterschiede gebe es noch auf dem Arbeitsmarkt. "Im Osten verdient man weniger und hat weniger Chancen", konstatiert Frank Lehnert. Die Arbeitslosenquote ist mit rund 13 Prozent doppelt so hoch wie im Westen.

Marike Pensky und Regine Binsch in Speyer zeigen viel Verständnis für Schwierigkeiten im Osten. "Viele mussten sich völlig neu orientieren. Den Ostdeutschen wurde viel zugemutet. Erst brach Russland weg, dann kam die EU und jetzt haben wir Finanzkrise." Sie sei erstaunt, wie die Ossis das bewältigen, sagt Marike Pensky. Regine Binsch fügt hinzu: "Für manche muss die Wende wie ein Erdrutsch gewesen sein. "Es können nicht alle spontan sein und Neues anfangen."

Gerd Balg, Wortführer in Wildenfels, ist eher ein spontaner Typ. Freimütig gibt er an diesem Abend zum Besten, wie er den Mauerfall erlebt hat. Er diente als Oberstleutnant bei den Grenztruppen in Berlin. Am Brandenburger Tor. Und: Am 9. November hatte er Dienst.

Mit ihm schoben - wie immer - ein Mitglied der SED-Kreisleitung und ein Stasi-Mann Wache. Sie verfolgten die Aktuelle Kamera mit der Pressekonferenz, in der Günther Schabowski die Reisefreiheit verkündete. Eine Viertelstunde später kamen die ersten Menschen. Was tun? Unsicherheit! Der Stasi-Mann versuchte Kontakt zu seinen Vorgesetzten zu bekommen. Fehlanzeige. Balg selbst mühte sich, mit der Armee-Zentrale in Straußberg zu telefonieren. Keiner da. Auch bei der SED-Führung nahm niemand ab. "Es gab keine Befehle, keine Weisungen." Der Druck durch die Massen an der Mauer wurde so groß, dass der Stasi-Oberst resignierte: "Das war's. Wir machen den Schlagbaum hoch." Die Mauer fiel.

Auch Balg hat einen Neuanfang geschafft. Beim Bundesgrenzschutz. "Ich bin nahtlos zum Klassenfeind gewechselt", lacht er. "Ja, Du bist doch fast noch Major geworden", versucht Frieder Hauck zu scherzen. Aber es ist kein Scherz. Balg wurde degradiert, und er stieg wieder auf. Nicht ganz bis zum Major. Schlussendlich ist er, als er die Altersgrenze erreicht hatte, in Ehren entlassen worden.

Welche Wandlung will man jenen zugestehen, die das System mit getragen haben? Ein Problem, über das in Speyer wenig nachgedacht wird. Aber Charlie Scheurer, der schon zu DDR-Zeiten viele Ost-Kontakte pflegte, machte in seinem Bekanntenkreis eine für ihn interessante Beobachtung. Er kenne viele Leute drüben, vom überzeugten SED-Anhänger bis zum Widerständler. "Und es ist tatsächlich so, dass jene, die früher zurechtkamen, auch heute zurechtkommen. Diejenigen aber, die im Widerstand waren, kommen auch heute nicht zurecht." Warum? Scheurer überlegt kurz: "Jemand, der sich in der Partei hochgearbeitet hat, kommt auch jetzt zurecht. Das ist logisch."

Logisch oder nicht - das sei dahingestellt. Der Wildenfelser Stammtisch scheint diese Auffassung zu bestätigen. Bernd Biedermann war einst auch im Staatsdienst. Über die politische Lage macht er sich schon lange keine Gedanken mehr, sagt er. Damals hätten Politiker ihre Schäfchen ins Trockene gebracht, und heute würden sie das auch tun, ist er überzeugt. "Ich will aber nicht meckern. Ich war privilegiert", gibt er zu. Er arbeitet heute als Betriebsleiter einer Elektronikfirma, und es treibe ihn eine Sache um. Es sei eine Schande, wie schlecht wir unsere Jugend ausbilden. Er redet sich in Rage. "Deutschland hat ein richtig schlechtes Bildungssystem", sagt er, was 62 Prozent aller Ostdeutschen meinen. "Wenn es keine gute Bildung für alle gibt, nützt es auch nichts, wenn wir überall hinfahren können."

Ein Satz, unbedacht dahingesagt? Selbstverständlich sind alle Ostler schon im Westen gewesen. So verbrachte Gerd Balg etliche Urlaube jenseits der Grenze, die er einst bewachte. Einige Wildenfelser besuchten auch schon Speyer. Sie haben die Stadt nicht nur wegen des Kaiser-Domes in guter Erinnerung, sondern wegen des Technikmuseums, das sie als Funker gern besuchten. Sie beginnen zu schwärmen. Das Flair sei in manchen westdeutschen Städten, zu denen Speyer gehöre, anders als im Osten. "Viele unserer Städte können sich nicht mit altehrwürdigen westdeutschen Orten vergleichen. Zwickau nicht mit Speyer". Balg bringt ein Gefühl zum Ausdruck, das manche Ostdeutsche überkommt, wenn sie im Westen weilen: Minderwertigkeit. Da hilft es auch nicht, dass im Osten die Fabriken moderner und Häuser tip-top renoviert sind, dass die Infrastruktur auf dem neuesten Stand ist. Es scheint, als fehle im Osten etwas Lust, gute Laune, Leichtigkeit und Lebensfreude. Die Frage, ob dies politisch-historisch oder landsmannschaftlich bedingt ist, kann niemand beantworten.

Überdies ist rund ein Drittel der Menschen in Ost und West der Meinung, dass das Zusammenwachsen nie abgeschlossen sein wird. Unterschiede haben immer bestanden und werden immer bestehen. Zwischen Nord und Süd, zwischen Mecklenburg, Preußen und Sachsen wie zwischen Schleswig-Holstein, dem Rheinland und Bayern.

Pfälzer gelten als gesellig. Am Stammtisch erzählt gerade Charlie Scheurer einen Witz, einen Ossi-Witz. Er zeigt einen 50-Mark-Schein, DDR-Geld. Auf der Rückseite sind Rohrleitungen und Schornsteine eines Industriekomplexes zu sehen. "Wisst ihr, warum das mit der DDR nichts wurde?", fragt er in die Runde. " ... Na, seht ihr hier irgendwo einen Arbeiter?"

Lachen in Speyer. Doch nun meldet sich Friederike Ebli zu Wort, die etwas später gekommen ist. Sie lässt nichts auf die Ostdeutschen kommen. Sie habe seit Jahren gute Beziehungen nach Sachsen. Nach Oberlungwitz.

Kurz nach der Wende habe Rheinland-Pfalz, das Partnerland von Thüringen, fünf thüringischen Gemeinden Hilfe beim Aufbau der Verwaltung angeboten. "Davon haben die Oberlungwitzer gehört und gefragt, ob sie auch Unterstützung bekommen könnten", erinnert sich Ebli.

Sie weiß noch, wie sie das erste Mal nach Oberlungwitz reiste und im "Gasthaus zur Post" mit einem russischen General speiste. Sie lacht, wenn sie sich daran erinnert. Beeindruckt ist sie, wenn sie bei ihren Besuchen heute sieht, dass ein schöner Park entstanden ist, wo sich einst die sowjetische Kaserne befand. Während der Kontakt zu den thüringischen Städten einschlief, seien die Oberlungwitzer am Ball geblieben. "Sie besuchten die Pfalz nicht nur aus touristischen Gründen, sondern wirklich um verwaltungstechnisch etwas zu lernen", lobt die Frau, die übrigens SPD-Landtagsabgeordnete ist. Der Bürgermeister von Oberlungwitz käme ab und zu nach Speyer, und sie wolle bald wieder Sachsen sehen.

Damit gibt sie ein Stichwort für den Stammtisch. "Es wäre eine gute Idee, sich mal auf den Weg zu machen", überlegen einige Frauen und Männer in Speyer. Vielleicht kommt es ja demnächst zu einer gesamtdeutschen Runde?

 
erschienen am 08.11.2009 ( Von Eva Prase )
 
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