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Crottendorf, Hauptstraße: Die Wassermassen, die durch den gebrochenen Damm des Schwarzen Teiches ins Tal schossen, rissen die Brücke mit.

Foto: Thomas Schmidt

Annaberg: Katastrophenalarm: Wasser reißt alles mit

Straßen- und Brückeneinbruch in Crottendorf

Annaberg. Die Menschen stehen kopfschüttelnd vor den Häusern und sehen mit an, wie und wo sich das Wasser seinen Weg bahnt. In Städten und Gemeinden des Kreises befinden sich die Feuerwehrleute im Dauerstress, oft sagen sie: "Es hat jetzt keinen Sinn." Aufgrund der anhaltenden Regenfälle und der kritischen Situation an den Hochwasserschwerpunkten ruft Jürgen Peeß, der als Beigeordneter vom Landrat mit der Koordinierung der Unwetterabwehr beauftragt ist, am 12. August 17 Uhr den Katastrophenalarm für den Landkreis aus.

Zu Schwerpunkten wurden alle entlang der Flussläufe von Zschopau, Sehma, Preßnitz, Mittweida und Pöhla gelegenen Kommunen erklärt. Die Pegelstände dieser Flüsse hatten die Alarmstufe 4 erreicht - das heißt, die Landkreisverwaltung übernahm damit die Regie von den Feuerwehren. "Wir wissen nicht, wie sich die Situation im Verlauf der kommenden Nacht entwickelt", sagte Peeß am Abend des 12. August zu "Freie Presse". "Daher haben wir Vorsichtsmaßnahmen wie eine eventuelle Evakuierung von 15 bis 20 Häusern in Wiesa vorbereitet." Die Einwohner wurden vorsorglich informiert, eine Turnhalle in Wiesa zur Unterbringung vorbereitet.

Wie der Katastrophenschutzstab des Landratsamtes mitteilte, findet am 13. August in den Grund- und Mittelschulen des Kreises, im Beruflichen Schulzentrum in der Kreisstadt sowie in den Gymnasien kein Unterricht statt. Die Leitungen der Schule für Lernbehinderte und der Geistigbehinderten-Schule in Annaberg-Buchholz regelten ihren Schulbetrieb in individueller Absprache mit den Eltern.

Am Morgen des 12. August kurz nach 7 Uhr gingen im Sehmataler Rathaus die ersten Anrufe zu überfluteten Kellern ein. Kurze Zeit später alarmierten die Ortswehren ihre Einsatzkräfte. Von da an verschärfte sich die Situation im Minutentakt. Die Sehma schwoll so rasant an, dass im mittleren Neudorf gegen 9 Uhr die ersten Brücken überflutet wurden. Dramatisch sah es an Richterstraße aus. Die Schlammmassen drangen von den Berghängen und aus der Sehma in Häuser. Bäcker, Schuhladen, Friseur, Baumarkt, ein Floristikgeschäft und umstehende Privathäuser wurden umspült. Gegen 10 Uhr sperrte die Polizei die Straße, das Wasser lief teilweise 40 Zentimeter hoch über den Asphalt. "So schlimm war es nicht einmal 1967", erklärt Magdalene Georgi. Sie ist zu keiner Beschäftigung fähig. Bei Familie Frei, ein Stück weiter unten, läuft die Dreckbrühe durchs Wohnzimmer. In Neudorf brechen kurze Zeit später Bachmauern. Wehrleiter Peter Lüttcher: "Die Sehma setzte Neudorf unter Wasser, verwüstete Gärten und zog Geschäfte arg in Mitleidenschaft. Sogar im Depot mussten wir knietief waten. Wir haben 75 Einsatzstellen eingerichtet, zahllose Sandsäcke gefüllt und Keller ausgepumpt."

Cranzahl, Wehrleiter Wido Schubert, sah, wie die Sehma und die Dorfstraße eins wurden. "Die Wassermassen und angeschwemmtes Geröll haben Fußgängerbrücken beschädigt und Stücke der Bachmauer zerstört. Viele Keller standen unter Wasser." An der Dorfstraße wird sogar eine kleine Brücke fort gerissen.

In Crottendorf spülte es im Oberdorf eine ganze Brücken- und damit Straßenhälfte weg. Laut Feuerwehr war der vermutliche Grund, dass der Damm des Schwarzen Teiches im Neudorfer Forst gebrochen ist. Um den Bürgern rasch Hilfe gewähren zu können, richtete die Allianz Generalvertretung in ihrem Büro in der Gasanstaltsstraße 164 c eine Service-Station ein. Joachim Lootze, Wehrleiter in Crottendorf: "Ich bin fassunglos. So ein schlimmes Hochwasser habe ich noch nie erlebt. 11.30 Uhr brach die Brücke ein."

Die größten bis zum Abend bekannten Schäden sind überflutete Wohnhäuser und abgetragene Wegbefestigungen - besonders in Crottendorf, Walthersdorf, Neudorf, Sehma, Cranzahl und Wiesa. Ein Wehr in Steinbach wurde mit Bäumen zugesetzt und drei Strommasten in Wiesenbad kippten um. In der Papierfabrik Schönfeld und in der Spindelfabrik Neudorf mussten Trafohäuser freigepumpt werden. Angaben über Personenschäden lagen dem Stab bis zum Abend zum Glück nicht vor.

In Frohnau versank des Technische Museum "Frohnauer Hammer" im Wasser der Sehma. Am Ende war nur noch der höchste Amboss zu sehen, die anderen standen unter Wasser.

Laut Polizeidirektion Aue waren alle verfügbaren Polizei-, Feuerwehr- und THW-Kräfte im Einsatz. "Alle Straßen von Schwarzenberg in Richtung Annaberg sind zurzeit nicht passierbar", hieß es am Nachmittag. Und weiter: "Die Ortsdurchfahrten Crottendorf, Wiesa, Neudorf und Arnsfeld sind gesperrt." Ein zwischenzeitlich gemeldeter Dammbruch auf tschechischem Gebiet habe sich nicht bestätigt. 20 Uhr meldete das Landratsamt, dass die S 267 (Crottendorf/Walthersdorf), die S 261 (Wiesa), die S 218 (Steinbach) und die S 259 (Thum-Auerbach) gesperrt sind. 21.24 meldete Einsatzleiter Peter Lindner, dass auch die S 266 (Cranzahl-Neudorf) bis zum Abzweig Crottendorf wieder gesperrt werden musste.

In Geyersdorf sicherten die Feuerwehrleute das Klärwerk. Dazu "raubten" sie den Kindern sogar den Sand aus den Kästen des Spielplatzes. In Schlettau verwandelten sich nahe des Schlosses die Rote Pfütze und die Zschopau zu einem Meer. In Tannenberg stand die Dorfstraße kniehoch unter Wasser. In Hammerunterwiesenthal kann auf dem Sportplatz "gepaddelt" werden. Nur die Grenzbeamten in Bärenstein brauchten an der Übergangsstelle nicht über besonders dramatische Ereignisse berichten.

Unmöglich ist es, an jedem Ort zu sein und alle Dinge zu schildern. Fast überall herrschen Chaos und Niedergeschlagenheit. Deshalb warnt der Schutzstab des Regierungspräsidiums Chemnitz die Bevölkerung davor, in der gegenwärtigen Lage unnötige Autofahrten anzutreten. Würden welche notwendig, sei unbedingt auf die Verhältnisse zu achten. (chb/sl/mas/tka/lomü)

 
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