Dietmar und Silvia Roth. Dietmar und Silvia Roth.

Foto: Wolfgang Schmidt

Auf der Suche nach dem neuen Erfolg

Für die Gründer von Roth und Rau hat ein neuer Lebensabschnitt begonnen

Hohenstein-Ernstthal. Der Weg in die Chefetage von Roth und Rau führt an tobenden Knirpsen vorbei - der Eingang zum Verwaltungsgebäude befindet sich gleich neben dem Betriebskindergarten. Noch. Denn schon bald wird der jetzige Empfangsbereich Teil des Kindergartens und der neue, siebengeschossige Anbau das "Tor" zu Roth und Rau sein. "In den 90er- Jahren habe ich mal von einem Bürohochhaus geträumt, jetzt habe ich es", meint Silvia Roth.

Das Unternehmen gehört seit kurzem zum Schweizer Konzern Meyer Burger Technology AG. Dieses Geschäft hatte vor knapp drei Monaten eingeschlagen wie eine Bombe. Die Firmengründer Dr. Dietmar Roth, Prof. Dr. Silvia Roth und Dr. Bernd Rau galten als neue sächsische Millionäre. "Wir haben unsere Anteile in Höhe von 11,3 Prozent des Stammkapitals nicht verkauft, sondern die Aktien getauscht und sind damit noch immer an der Firma beteiligt", sagt Dietmar Roth. Die starke Resonanz und auch Anfeindungen hatte er so nicht erwartet. Es sei eine pragmatische Entscheidung gewesen, man dürfe die Konsolidierung nicht verpassen. "Die Anforderungen einer solchen Firma verlangen nach einem 40-Jährigen", so Dietmar Roth bestimmt.

Denn die Solarbranche entwickelt sich rasant: zum einen wird es künftig nicht mehr nur einen, sondern fünf bis sechs Typen Solarzellen geben. Zum anderen wird die Konsolidierung voranschreiten, weltweit werden wohl 20 bis 30 große Unternehmen übrig bleiben. Zulieferer wie Roth und Rau brauchten als Partner eine gewisse Größe, um mithalten zu können. Die Partnerschaft mit Meyer Burger ergebe eine sehr gute Symbiose. Das Unternehmen kann fast die gesamte Palette für die Produktion von Solarprodukten anbieten, sagt Dietmar Roth.

Er ist der Visionär und Motor und kokettiert mit seinen 62 Jahren: die Sturm- und Drangzeit sei vorbei. "Mit zunehmendem Alter muss man sich der strategischen Ausrichtung widmen, doch dazu kommt man im Tagesgeschäft nicht." Eine familiäre Unternehmensnachfolge wurde nicht gewählt. "Unsere Kinder müssen noch Erfahrung sammeln", meint Silvia Roth. Nicht zuletzt gab es auch immer die Sorge, dass der börsennotierte Hersteller von Ausrüstungen für die Solarindustrie von Finanzinvestoren übernommen wird. Die Gründer indes wollten einen Partner, der das Unternehmen weiter voranbringt und selbst noch weiter aktiv mitgestalten. Nun wird auch nach einem Nachfolger für die Unternehmensführung gesucht. Denn Dietmar Roth wird in den Aufsichtsrat von Meyer Burger wechseln. "Wir freuen uns auf interessante Aufgaben und komplett neue Erfahrungen", sagt Silvia Roth und meint damit nicht nur ihre Vorlesungen an der Hochschule in Zwickau.

Die Gründer scheinen nach dieser Entscheidung mit sich im Reinen zu sein. Auch wenn das Unternehmen nun zu einem Schweizer Konzern gehört - sie haben sächsische Wirtschaftsgeschichte mitgeschrieben.

Begonnen hatte alles vor 20 Jahren. Das Ehepaar Roth und Bernd Rau arbeiteten alle drei am Fachbereich Physik der TU Chemnitz und befassten sich mit Plasma- und Beschichtungstechnik. Der gesellschaftliche Umbruch brachte damals auch für die Mitarbeiter in Universitäten große Unsicherheit. "Ich wollte keine Uni-Karriere und kein Beamter werden", stand für Dietmar Rau fest. "Irgendwann hatten wir drei die Idee, in die Beschichtungstechnik einzusteigen", sagt Silvia Roth. Während ihr Mann die Firmengründung voranbringt, bleibt sie noch zwei Jahre an der Uni. "Einer musste die Familie ernähren." Zum Haushalt gehören zu der Zeit noch zwei Töchter, die jüngste drei Jahre alt. "Am Anfang war da schon eine gewisse Blauäugigkeit", sagt Dietmar Roth. Die staatliche Förderung habe aber so manche Entscheidung vereinfacht.

Geplant war ursprünglich ein Beschichtungszentrum. Doch der Bedarf war zunächst nicht da. Anlagenbau schien eine Alternative - so werden Beschichtungsmaschinen entwickelt und produziert, seit 1999 Produkte für die Fotovoltaik. Letztere gehen etwa 2000 in Serie. Produziert wird anfangs in Wüstenbrand in einer Lagerhalle, später im Gewerbering Wüstenbrand. Auch hier wird es bald zu eng. Für die weitere Entwicklung sind Geld und Kapazitäten nötig. 2006 folgt der Börsengang, 2007 wird der neue Standort an der Autobahn A4 gebaut. Mittlerweile werden weltweit etwa 1100 Mitarbeiter beschäftigt, etwa 800 in der Region Chemnitz. Im Geschäftsjahr 2010 stieg bei einem negativen Ergebnis der Umsatz um 44,2 Prozent auf 285 Millionen Euro. Rund 90 Prozent der Produktion geht ins Ausland, davon zwei Drittel nach China. Dieses Land ist der größte Konkurrent der deutschen Solarindustrie. Hier wird europäische Qualität produziert, aber deutlich preiswerter. Das liegt nicht nur an niedrigeren Löhnen, sondern auch an deutlich größeren Fabriken. Roth und Rau profitiert davon.

Kaum ein nach der Wende neu gegründetes Unternehmen ist in kurzer Zeit so schnell gewachsen wie Roth und Rau, kaum eine Branche so wie die Solarindustrie. Das macht nicht nur stolz. Fast täglich steht die Frage: Wie ist die weitere Entwicklung finanzierbar? "In den ersten zehn Jahren sind wir moderat gewachsen, seit 2004 rasant", sagt Silvia Roth. Sie ist für das strategische Marketing verantwortlich, reist um die Welt. "Dieses Leben mit ständig neuen Eindrücken ist spannend, man entwickelt auch einige Hasslieben, aber es hält jung", sagt die 54-Jährige.

Sie ist in dieser Zeit nicht nur Unternehmerin, sondern auch Mutter. "Wir haben Glück gehabt mit unseren Kindern und dem Umfeld", sagt sie. Die Töchter werden auch von den Großeltern betreut und arbeiten heute mit im Unternehmen. "In dieser Konstellation lernt man, mit der Zeit besser umzugehen und lebt mit der Familie intensiver", sagt Silvia Roth. In der knappen Freizeit pflegt sie ein nicht alltägliches Hobby: Landschaftsgestalterin. Vor etwa zehn Jahren hatten Roths in Oberlungwitz den ehemaligen Wohnsitz des Strumpffabrikanten Louis Bahner gekauft. "Eine ruinöse Fabrikantenvilla", lacht Silvia Roth. "Wir haben sie saniert." Aus den dazugehörigen zwei Hektar Land hat sie einen englischen Park gestaltet. "Blumenrabatten anlegen, pflegen und sie gedeihen zu sehen, dafür kann ich mich sehr begeistern." Und sie hofft auch , künftig gemeinsam mit ihrem Mann noch etwas mehr von der Welt sehen zu können.

 

 
erschienen am 09.07.2011 (Von Ramona Nagel )
 
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