Grabungsleiter Ralph Kretzschmar vor dem neuesten Fund: ein fünf Meter langer versteinerter Stamm. Links im Bild: Die Spitze eines Baumes, der noch steht.Foto: Johannes Fischer
Baum wartet 290 Millionen Jahre aufs Licht
Die Suche nach dem versteinerten Wald in Chemnitz läuft erfolgreicher als erwartet
Chemnitz. Skeptiker gab es mehr als Enthusiasten. Ein versteinerter Wald unter Chemnitz? Lachhaft. Einer, der massiv auf die Euphoriebremse drückte, war Ralph Kretzschmar. Was ihn nicht abhielt, die Leitung der Grabung an der Frankenberger Straße zu übernehmen. Mit riesigem Erfolg: Am Montag präsentierte er mit dem Grabungsteam des Chemnitzer Naturkundemuseums schon wieder ein Prunkstück aus dem 290 Millionen Jahre alten Wald, nachdem erst vor wenigen Tagen ein uralter Holzpilz vorgestellt werden konnte.
Ein Stamm, fünf Meter lang, an verschiedenen Stellen violett schimmernd. Ein Riese, der in drei Metern Tiefe im rot-grauen Tuff liegt, als ginge ihn der Trubel ringsherum nichts an. 290 Millionen Jahre lag er dort! Jetzt erst entdeckt, wird er gesäubert und freigepinselt, damit er spricht: Auskunft über eine Zeit gibt, die unvorstellbar viele Jahre zurückliegt.
Dieser und andere verkieselte Bäume waren vermutlich Teil eines tropischen Regenwaldes. Sie wurden im Zeitalter des Perms durch einen Vulkanausbruch verschüttet und konserviert. Bezüglich Alter, Umfang, Artenvielfalt und Erhaltungszustand gelten die Chemnitzer Kieselhölzer als einmalig in der Welt. Vor allem aber rechnen die Forscher damit, dass der Wald noch genauso im Boden begraben liegt, wie er einst gewachsen ist. Die ersten Grabungsergebnisse deuten darauf hin. Kretzschmar, einst Skeptiker, ist inzwischen überzeugt: "Da kommt noch mehr."
Anfang April war Spatenstich auf dem wenige Quadratmeter großes Grabungsfeld. Fünf Meter wollen die Paläontologen (Paläontologie ist die Wissenschaft von den Lebewesen vergangener Erdzeitalter) in die Tiefe. Zwei bis drei Meter haben sie geschafft. Und mit jedem Dezimeter kommt etwas Neues ans Licht. Eine abgebrochene Baumspitze, ein Ast, der querliegende Stamm, der seit Montag zu sehen ist. Bis in den Oktober hinein sollen die Grabungen gehen. Die Arbeit ist aber damit noch lange nicht getan. Im Gegenteil. Die Kleinarbeit der Forscher geht im Herbst erst richtig los. Die Kernfrage lautet: Wie genau sah es im Perm auf der Chemnitzer Erdoberfläche aus?
Rätsel gibt es dabei viele zu knacken. Sehr viel wissen die Paläontologen nämlich noch nicht über die Entstehung der Steinhölzer. Sicher ist, dass Siliciumdioxid, das in das Holz eindrang, eine Rolle spielt. Interessant findet Thorid Zierold vom Grabungsteam, dass die Stämme allesamt "im hellen Bereich" liegen - dort, wo die Erde vom Rot ins Grau übergeht. Unklar ist außerdem, weshalb einzelne Stämme weit oben liegen - in der Höhe der Spitzen der stehenden Bäume. "Da haben wir noch überhaupt keine Erklärung", grübelt Kretzschmar.
Und noch eins ist nicht geklärt: Was wird später aus der Fundstelle? Wird sie wirklich wieder zugeschüttet, wie ursprünglich geplant? Zierold mag nicht auf eine solche Frage antworten, nicht einmal darüber nachdenken. "Wir werden sehen", sagt sie.
Von Johannes Fischer