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Blühendes Land - eine Tour durch Deutschland
Vor zwanzig Jahren prägte Bundeskanzler Helmut Kohl das Wort von den "blühenden Landschaften" im Osten. Die "Freie Presse" ist durchs Land gefahren, mit Fahrrad, Bus und Bahn. Sie hat sich umgeschaut, ist Menschen begegnet und hat gefragt: Was ist aus dem Versprechen geworden?
Start in Chemnitz. Das ist die "schönste Blumenzwiebel des Ostens". So schrieb eine große Zeitung kürzlich auf der Titelseite ihrer Reisebeilage. Gemeint war das Potenzial der Stadt. Erblüht sei die Blume noch nicht.
Der Bahnhof, wo wir mit den Fahrrädern in den Zug nach Plauen steigen, bekam einen mit viel Geld gepflasterten Vorplatz. Edel, schick. Der Bund der Steuerzahler monierte zwar die Luxussanierung. Was schlimmer ist, aber kein Steuerzahlerbund kritisierte: Ausgerechnet jene Stadt, in der Richard Hartmann die erste Dampflokomotive der Welt baute, wurde durch die Bahn vom Fernverkehr abgekoppelt. Trotz großer Historie ist die drittgrößte Stadt Ostdeutschlands nur mit Regionalzügen erreichbar.
Was wollen wir bei der Reise durchs Land unter "blühender Landschaft" verstehen? Dinge wie den sanierten Platz? Wie schlägt das Abhängen der Industrieregion Chemnitz von der Infrastruktur zu Buche?
Wir steigen in Plauen um und fahren mit dem Vogtlandexpress bis Gutenfürst. Ein Betongebäude mit eingeschlagenen Fenstern und bröckelndem Putz erinnert an die Grenze. Das Gebäude wurde einst von Zoll und Grenztruppen genutzt. Der "Franken-Sachsen-Express" rauscht auf der Fahrt Dresden - Nürnberg ohne Stopp durch den ehemaligen Grenzort. Auch nur ein Regionalzug. Vor 20 Jahren hätte eine so genannte Friedensweiche ihn entgleisen lassen.
Mit dem Rad geht es nach Mödlareuth. "Little Berlin", sagten die Amerikaner. Sie standen im Westen vor einer 700 Meter langen Betonmauer, die das Dorf teilte. Ein Stück Mauer, Beobachtungstürme und ein Museum erinnern daran. Bockwurst mit Kartoffelsalat gibt es im Imbiss "Zum Grenzgänger". So ist Geschichte zum Namenswitz geworden.
Mühsames Fahren. Wir wollen zum Rennsteig. Bergauf. Bergab. Beschwerlich. Der Gedanke, die Beschwerlichkeit der deutschen Einheit unterwegs im wahrsten Sinne des Wortes zu erfahren, drängt sich auf. Der Radweg führt auf dem Kolonnenweg entlang. Dieser zog sich wie ein Loch-Band auf rund 1500 Kilometern durch die DDR. Heute gehen Brachen, Büsche, Flüsse, Feuchtgebiete und Moore ineinander über. Die Wabenplatten sind fast zugewachsen. Dennoch verkanten sich die Räder leicht. Sturzgefahr. Wir ändern auf der ersten Etappe die Route, biegen vom Kolonnenweg ab, nutzen die Landstraße.
"Hätten Sie mal einen richtigen Rad- und Wanderweg aus dem Kolonnenweg gemacht, wo man auch im Winter eine Loipe spuren kann. Aber nein, da wollten Naturschützer und Nostalgiker alles belassen, wie es war." Karl Völker führt in Blankenstein seit 1992 eine Pension. Es ist jener Ort im Thüringer Wald, an dem der "Rennsteig" beginnt beziehungsweise endet. So wenig wie man durch Gutenfürst und Mödlareuth gehen konnte, so wenig durfte man zu DDR-Zeiten diesen Höhenwanderweg komplett wandern. Dass man sich heute frei bewegen kann, ist ein Wert an sich. Einer, den sich die Ostdeutschen 1989 selbst erkämpft haben. Das Wort von den "blühenden Landschaften" beinhaltete jedoch ein politisches Versprechen: Dass es voran geht, ökonomisch, ökologisch.
Gefragt nach der wirtschaftlichen Lage nimmt Pensions-Chef Völker grobe Worte: "Du musst arbeiten wie eine Sau. Was dabei 'rauskommt, ist bescheiden." Doch Helmut Kohl hatte nicht gesagt, es werde leicht. "Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln. ... Es wird harte Arbeit erfordern, bis wir Einheit und Freiheit, Wohlstand und sozialen Ausgleich für alle Deutschen verwirklicht haben."
Wir fahren auf dem Saaleradweg, vorbei an alten thüringischen Städten wie Saalfeld und Rudolstadt, Kahla, Jena, Dornburg. Burgen hoch über der Saale, viele sind saniert, wie das Alte Schloss in Dornburg. Die Weinstädte Naumburg, Freyburg. Schmuckes Fachwerk, helle Fassaden. Rote Dächer. Warum fiel uns das Grau-in-Grau zu DDR-Zeiten nicht auf?
Heute fällt es auf. Tristesse in Weißenfels. Die Stadt war das "Pirmasens des Ostens", der größte Schuhproduzent in Europa. Heute befindet sich in der Stadt das größte Schuhmuseum der neuen Länder.
Zur Tristesse passt der Schlachthof Weißenfels, obwohl es der größte Schweineschlachtbetrieb Europas ist. Ihn gab es schon zu DDR-Zeiten; er war nicht marode, wie die heutigen Eigentümer gern sagen, sondern modern. Für schlechte Stimmung sorgt heute, dass das Unternehmen die Beschäftigungserwartungen nicht erfüllt. In der Schlachtindustrie gingen in den vergangenen Jahren in Deutschland rund 30.000 Arbeitsplätze verloren. Das Schlachten und Zerlegen übernahmen ausländische Beschäftigte auf Niedriglohnbasis. Der Schlachthof Weißenfels trieb diese Entwicklung als "Vorreiter" voran.
Auf der Reise und der Suche nach blühenden Landschaften geht es gezielt weiter. In der Ferne das Chemiedreieck: Leuna, Buna, Bitterfeld. Die "Total Raffinerie Mitteldeutschland" leuchtet am Abend wie der Schauplatz eines Science-fiction-Films. Frank Zimnol wartet hier. Er hat als Journalist den für die Region entscheidenden Tag erlebt. "Der 11. Mai 1991. Helmut Kohl kam ins Buna-Klubhaus. Er gab die Zusage der Politik für den Erhalt des Chemiedreiecks. Stunden später wurde er auf dem Markt in Halle mit Eiern und Tomaten beworfen."
Was war geschehen? Die Ostindustrie brach weg. Kalikumpel streikten, weil vom Westen her die Vorräte ausgebeutet wurden, Bischofferode aber schließen musste. Und Bischofferode war überall. Es brannte die Luft. Auch die Zukunft der Chemieindustrie stand zur Disposition. "Die Produktivität der Ostchemie betrug 30 Prozent der des Westens", überschlägt Zimnol. In Leuna arbeitete man zum Teil mit Anlagen aus den 1920er-Jahren. "Die moderne West-Chemie hätte den Osten mit versorgen können. Westdeutsche Mineralölkonzerne zogen alle Register, um den Neubau einer Raffinerie in Sachsen-Anhalt zu verhindern. Ein Konsortium plante den Bau einer Fertigproduktpipeline von Wilhelmshaven nach Leuna. Damit wäre die Wiege der deutschen Chemieindustrie zur verlängerten Werkbank geworden." Kanzler Kohl gab an jenem Tag im Mai den Arbeitern sein Wort: "Wir wollen, dass hier in der Region die Chemie weiterexistiert."
Sanierung vor Privatisierung - die Treuhand änderte durch den Einfluss des Kanzlers ihre Strategie. Für diesen Fall! Milliarden flossen für neue Kläranlagen, neue Straßen- und Schienennetze, neue Rohrsysteme, neue Kraftwerke. Schließlich der Bau der Raffinerie für 5,2 Milliarden D-Mark und die Investition von Bayer in Bitterfeld. Zimnol: "Danach ging ein Ruck durch das Chemiedreieck. Investoren kamen Schlag auf Schlag."
Am Standort Leuna arbeiten heute rund 10.000 Menschen. Freilich: Zu DDR-Zeiten gab es hier 30.000 Arbeitsplätze. "Doch wir wissen alle, was das für Arbeitsplätze waren ..." Für Zimnol ist die Entwicklung der Chemieindustrie ein Erfolg. Heute gebe es wettbewerbsfähige Arbeitsplätze. "Das Chemiedreieck braucht keinen Vergleich mit Leverkusen oder Ludwigshafen zu scheuen."
In Halle an der Saale trifft das Institut für Strukturpolitik und Wirtschaftsförderung eine ähnlich positive Einschätzung. Die Produktivität sei in der Ost- höher als in der Westchemie. In Leuna, Buna, Bitterfeld, bei BASF in Schwarzheide und in Zeitz sind die ersten Chemieparks entstanden; das Institut koordiniert deren Zusammenarbeit. Zudem haben sich in den Parks Forschungsinstitute angesiedelt. Doch die Ostwirtschaft insgesamt? Die Wirtschaftsforscher differenzieren zwischen Branchen und Regionen. Chemie- und Automobilindustrie sind "Leuchttürme". Das Chemiedreieck, auch Sachsen mit Chemnitz, Dresden und Leipzig stehen gut da. In Mecklenburg, Teilen Brandenburgs und im Rest Sachsens-Anhalts sieht die Lage aber düster aus.
Auch kann nicht jeder an der positiven Entwicklung so teilhaben, wie er will. Janos Kassai hat einst bei Leuna als Installateur gearbeitet. Jetzt wartet er auf dem Hauptbahnhof in Halle auf Kundschaft. Er bietet ungarische Spezialitäten an: Paprika süßsäuerlich, Letscho, das Glas zwei Euro. Scharfe Peperoni, zu Ketten gefädelt, zieren den Verkaufsstand. "Ab jedem 20. eines Monates sinken die Einnahmen", klagt er, "weil die Menschen mit ihrem Gehalt kaum von einem zum anderen Lohntag reichen". Er müsse, um über die Runden zu kommen, sechs Tage in der Woche elf Stunden arbeiten. Das sei zu viel. "Früher ist das Leben besser gewesen."
Der Zug ist abgefahren. Das Chemiedreieck hinter uns lassend, geht es nach Wernigerode. Ein Abstecher auf den Brocken. Am 3. Dezember 1989 stürmten hunderte Menschen das Plateau und feierten hoch droben. Doch heute trübt - wie an rund 300 Tagen im Jahr - Nebel die Sicht.
Nebel - ein Bild, das auch Helmut Kohl in Bezug auf die Deutsche Einheit benutzte. "Nebel behinderte die Sicht, und wir wussten nur, dass es irgendwo einen festen Pfad geben musste. Schritt für Schritt tasteten wir uns vor und kamen schließlich wohlbehalten an der anderen Seite an."
Am Fuße des Brockens, wenige Meter nach Stapelburg, dem einstigen Grenzort, weidet Schäfer Ingolf Riemenschneider seine Herde. Es ist kalt. Blühende Landschaft? Der Schäfer erwähnt die Prämie, die er für die Landschaftspflege bekommt. Sie ernährt ihn. "Für Wolle erhalte ich kaum Geld. Und die Preise für Schlachtlämmer sind unverhältnismäßig niedrig."
Weiter geht es! Nach Osterwieck. Rosetten, Flechtbänder, symbolhafte Schnitzereien, Runen, Lebensbäume. Schönste Fachwerkstadt in Sachsen-Anhalt, schöner noch als Wernigerode. Das sagt manches, sagt aber nicht alles. Da Osterwieck näher an der Grenze lag, war die DDR-Führung nicht daran interessiert, die Stadt zu erhalten. Das Fachwerk, das Geschichte aus sechs Jahrhunderten erzählt, verfiel. Seit 20 Jahren wird saniert. 60 bis 70 Prozent sind geschafft. Schicke Gebäude stehen neben Ruinen.
In Hornburg, einige Kilometer entfernt im Westen, dominiert ebenfalls niedersächsisches Fachwerk. Beim Städtevergleich wird sichtbar, was der Osten in 40 Jahren versäumt hat: Im Westen gibt es kaum Gebäude, die herausragen, weil sie frisch renoviert wurden. Dafür existieren auch keine Ruinen. Die Menschen hatten immer Material und Möglichkeit, ihre Häuser zu pflegen.
Wir fahren durch Walbeck und Weferlingen, Bördeland im Osten, erreichen Saalsdorf bei Velpke im Westen. Uta Eli hantiert in ihrem hübschen Vorgarten. Die Westdeutschen rief der Kanzler auf, "unsren Landsleuten in der DDR weiterhin zur Seite zu stehen." Eli lädt uns zum Kaffee ein. Helmut Kohl habe Recht behalten. Die Frau erzählt freudig, wie sie im Sommer Marmelade aus Mirabellen und wilden Birnen kocht, die sie im Osten erntet. Sie schwärmt: von schönen Parks drüben und dass Deutschland viel größer ist als vorher, von vielen Bekannten, die sie im Osten gefunden hat. "Warum noch gemeckert wird, hüben wie drüben, verstehe ich nicht. Auch von Hartz IV kann man leben. Natürlich muss man sparen." Niemandem werden unbillige Härten zugemutet, versprach Helmut Kohl. Was ist "unbillig"?
Wir kommen durch Oebisfelde, fahren am Mittellandkanal und dann an Gräben, Äckern, Wiesen, Baumreihen, Hecken entlang: der Drömling. Das größte Niedermoorgebiet Deutschlands, 28.000 Quadratkilometer liegen im Osten, 4000 im Westen. Der Ostteil wurde in der DDR intensiv landwirtschaftlich genutzt. Die letzte DDR-Regierung nahm die Fläche ins Nationalparkprogramm auf. Seit 1992 flossen 17 Millionen Euro in den Erhalt der Sumpf- und Moorlandschaft. Der Wasserspiegel wird langsam erhöht, Acker in Grünland gewandelt, mehr als fünfzig Bodensenken und Kleingewässer für Wiesenvögel und Amphibien wurden angelegt. Fischotter und Biber sind wieder heimisch und seit 2000 brüten wieder Seeadler hier. Das Moor wächst und gedeiht.
Von blühender Wirtschaft spricht Bettina Hennig in Salzwedel. Ihre Baumkuchenbäckerei steht für ostdeutsche Unternehmergeschichte. Die früheren Eigentümer waren enteignet und zu Haft verurteilt worden, weil sie "durch den Baumkuchenversand ins Ausland (BRD) der DDR-Bevölkerung wertvolle Rohstoffe entzogen haben". Nach der Wende, die Alteigentümer waren verstorben, baute Bettina Hennigs Vater, Oskar Hennig, die "Erste Salzwedeler Baumkuchenfabrik" wieder auf. Im Jahr 2000 begann wieder der Baumkuchen-Versand. Mit Online-Bestellsystem. Bettina Hennig zieht ein positives Fazit, fügt aber an: "Wenn uns westdeutsche Unternehmensberater in Ruhe gelassen hätten, wäre es schneller gegangen." Statt seriöser Investoren kamen Glücksritter, windige Geschäftemacher und nicht zuletzt korrupte Treuhandmanager ins Land.
"Lassen Sie sich nicht durch die Schwierigkeiten des Übergangs beirren", hatte Helmut Kohl die Ostdeutschen aufgefordert, ihre Chance zu ergreifen. Simone Döpelheuer hat die neuen Möglichkeiten genutzt. Die quirlige Frau ist Kosmetik-Meisterin am Arendsee. "Ich wollte schon zu DDR-Zeiten selbstständig sein. Aber es ging ja nicht." Anfang der 1990er-Jahre zweifelte sie: Kommen überhaupt noch Kunden? Sie legte dennoch los, begann mit einem kleinen Kosmetikstudio und einer Sauna am See. Heute führt sie mit ihrer Familie ein Wellnesshotel. "Dieser Markt wächst. Menschen, die hart arbeiten, gönnen sich mal eine Auszeit. Für sie bin ich da." Doch als sie das einstige Kurhaus sanierte, hatte das rund zehn Jahre leer gestanden. "Ich brauchte Kredite, hatte schlaflose Nächte." Sie kämpfte sich durch und sagt heute, "wir sind Teil der blühenden Landschaft."
Sie empfiehlt eine Tour um den Arendsee. Auch ihn konnte man früher nicht umrunden; er lag im Grenzgebiet. Am See säubert Wilfried Kagel ein Fischernetz. "Ich bin seit 1992 selbstständig. Habe die Ärmel hochgekrempelt. Meiner Familie konnte nichts Besseres als die Einheit passieren. Aber man hätte uns Ostdeutschen nicht alles überstülpen dürfen", schimpft er über die "idiotische Bürokratie". Er puckt Maränen aus dem Netz. Das ist eine besondere Fischart. Nicht nur, weil sie schmeckt, sondern weil es ein Fisch für den Erstbesatz von Seen ist. Überleben Maränen in einem Gewässer, haben auch andere Fische eine Chance. Derzeit werden Maränen in einigen Tagebau-Restseen in Sachsen angesiedelt. Kommen sie durch, wäre auch das ein Zeichen: wenn nicht für eine blühende Landschaft, so doch wenigstens für ein blühendes Stück Land.Total
Literatur:
Helmut Kohl: Erinnerungen, 3 Bände, Droemer Knaur. München 2004, 2005 und 2007.
Frank Zimnol: Leuchttürme im Chemiedreiack, Janos Stekovics-Verlag, 2008.
Peter Richter: Blühende Landschaften. Goldmann-Verlag München, 2004.