Große Resonanz: Fast 300 Besucher verfolgten die Debatte im Industriemuseum über die Chemnitzer Perspektiven.

Foto: Ronny Rozum

"Bunte Szene als Mittel zur Aufwertung"

Zum "Freie Presse"-Leserforum "Chemnitzer Perspektiven -Ideen für eine lebendige Stadt" am 29. April sind zahlreiche Leserbriefe in der Lokalredaktion eingegangen. Auszüge daraus können Sie hier lesen:

Herr Eichhorn hat es auf den Punkt gebracht: Ein Haupthindernis beim Abbau von Problemen ist der unbedingte Kontrollzwang, der bei vielen Verantwortlichen in Chemnitz vorherrscht. Darum ist das gewollte Scheitern des Experimentellen Karrees kein Thema unter vielen, sondern hochgradig symptomatisch. Es ist seit Jahren die erste große Basisinitiative zur Verwirklichung alternativer Lebensentwürfe, was zugleich der gesamten Stadt großen Nutzen bringen würde. Genau davor aber hat man Angst - eine Konzentration von Projekten, die nicht ins kleinkarierte Raster passen, darf einfach nicht zugelassen werden.

Alle angeblich objektiven Hindernisse sind hingegen bei genauerer Betrachtung künstlich erzeugt. Wenn man Initiativen nicht ganz verhindern kann, müssen sie zumindest zerstreut werden. Dabei zeigen Erfahrungen anderer Städte mit florierenden Szenevierteln, dass erst mal eine kritische Masse zusammen kommen muss, um eine Eigendynamik in Gang zu setzen.

Eine Denkweise von vorgestern ist, dass mit wirtschaftlicher Prosperität eine Stadt automatisch attraktiv wird. Berlin ist extrem pleite und extrem anziehend für Kreative aus der ganzen Welt. Selbst Leipzig hat deutlich mehr Arbeitslose als Chemnitz und spürbar geringere Kaufkraft der Bevölkerung, wächst aber seit etwa fünf Jahren wieder. Kommunalpolitiker in anderen Städten haben schon lange erkannt, dass eine bunte Szene (die manchmal auch negative Begleiterscheinungen haben kann) das billigste Mittel zur Aufwertung heruntergekommener Stadtviertel ist und zugleich der gesamten Ökonomie nützt. Die Pioniere der Belebung hören das gar nicht gern, es ist aber so. Doch in Chemnitz ist sogar der Begriff Kultur- und Kreativwirtschaft noch ein Fremdwort.

Jens Kassner, per E-Mail
 

"Toleranz muss gegenseitig sein"

Natürlich war die Veranstaltung ein sehr guter Gedanke, um eine Diskussionsmöglichkeit zu schaffen. Der Besucherzuspruch zeigte, es ist ein großer Bedarf an solcher Thematik vorhanden. Dennoch hat sich in mir eher der Gedanke verfestigt, das Thema der Veranstaltung wurde verfehlt. Wie komme ich dazu?

Häufig waren die Beiträge Populismus pur. Da wurde gegen die Stadtverwaltung und GGG gewettert - aber ohne wirkliche Substanz. Dass die Stadt belebt werden muss, auch und vor allem mit jungen Leuten, ist nicht von der Hand zu weisen. Ob dazu alternative Kultur allein reicht und ob die Anwesenden und die sie Unterstützenden wirklich für alle Jugendlichen sprachen, fällt mir schwer zu glauben.

Mir schien es eher so, hier wollen einige ihre Interessen umgesetzt sehen, egal was andere dazu für eine Meinung haben. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich möchte niemandem seine Lebensvorstellungen absprechen. Aber diese Toleranz muss gegenseitig sein. Der geäußerte Gedanke, die Studentenwohnheime abzureißen, damit die Studenten sich in der Innenstadt ansiedeln, halte ich für mehr als abenteuerlich und lässt in mir den Gedanken aufkeimen, hier sollen nicht so begüterte Studentinnen und Studenten von der Uni gedrängt werden.

Die Erkenntnis, die Stadt sind nicht ihre Bauten, sondern ihre Menschen, heißt aber auch, alle ihre Menschen. Das wiederum heißt aber nicht, wie Herr Professor Borczyskowski meint, man soll Konflikte zulassen, gute und schlechte Gebäude wie auch Schlaglöcher und auch Junkies. Wenn die Ablehnung solcher Vorstellungen die von Herrn Professor Dietel kritisierte geistige Glocke bedeutet, die Chemnitz übergestülpt wäre, und die eine Mentalität erzeugt, die das Kommunizieren mit dem Nachbarn verhindert, dann lasse ich mich gern so stigmatisieren. Dass diese Charakterisierung Chemnitzer Bürgerinnen und Bürger sogar falsch ist, zeigt zum Beispiel schon die wachsende Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Frühjahrsputz.

Ich möchte Frau Ludwig nicht verteidigen, das kann sie sicher selbst viel besser, aber ihr Auftreten war von wohltuender Sachlichkeit und optimistisch-sachlichem Lokalpatriotismus geprägt. Ich bin weder bei der Stadt angestellt, noch teile ich immer die Meinung von Frau Ludwig, aber während ihrer Amtszeit hat sich im Punkt bürgernaher Demokratie einiges getan.

Das von Herrn Eichhorn eingeforderte "Lass es geschehen" ist auch nur die halbe Wahrheit. Da gefiel mir eher die Bemerkung von Herrn Professor Borczyskowski, die Bürgerinnen und Bürger müssten viel selbstbewusster um ihre Interessen kämpfen, dafür eintreten und sich zeigen. Da dachte ich schon, wir sind endlich beim Thema. Doch wieder gefehlt. Erst in den Schlussbemerkungen kam dann mal kurz die Rede auf Bürgerinitiativen. Die Bürger nicht nur in Markersdorf, sondern über das "Bürgernetzwerk Heckert" im gesamten Wohngebiet stehen zur Diskussion bereit. Was wir aber erwarten, ist Ehrlichkeit bei der Einbeziehung der Bürger in die Diskussion. Es wurde schon mal über Konzepte diskutiert, um sie dann über den Haufen zu werfen. Ich will damit sagen, unsere Mitarbeit wird kein Abnicken darstellen und wir lassen uns auch nicht als demokratisches Feigenblatt missbrauchen. Aber wir sind der Meinung, unsere Form der demokratischen Mitwirkung ist eine Möglichkeit, unsere Stadt ein Stück lebendiger zu gestalten.

Peter Pitsch, Markersdorf
 

"Dynamik hatte niemand vermutet"

Der Abend hat mir gut gefallen, da eine Dynamik zum Ausdruck kam, die niemand mehr vermutet hatte. Wichtig ist jetzt, dass bis zum 30. Juni schnell gehandelt wird und das Forum zum Thema "Experimentelles Karree" so schnell wie möglich zu Stande kommt, bevor auch dies wieder ein Punkt jener Trauerliste von Splash, Voxxx und so weiter zu werden droht.

Dominik Intelmann, per E-Mail
 

"Diskussion war recht einseitig"

Die Podiumsdiskussion im Industriemuseum war eine recht einseitige Angelegenheit. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass Wohl und Wehe für die Zukunft von Chemnitz von der Entwicklung und aktiven Unterstützung der kreativen und alternativen Szene am Standort Reitbahnviertel abhängen würden. Die Berichterstattung in der "Freien Presse" am Folgetag gab meiner Meinung nach wesentliche Beiträge von Podiumsteilnehmern nicht wieder. Dies galt besonders für Aussagen der Geschäftsführerin von Niles-Simmons und der Oberbürgermeisterin über einige wirtschaftliche und städtebauliche Voraussetzungen für eine lebendige Stadt. Zuschriften von Lesern der "Freien Presse" wurden gar nicht vorgetragen. Es scheint noch nicht überall angekommen zu sein, dass eine entscheidende Grundlage für die weitere erfolgreiche Entwicklung unserer Stadt ihre wirtschaftliche und wissenschaftliche Entwicklung ist.

Unsere Theater und Museen können sich sehen lassen und haben teilweise eine überregionale Ausstrahlung erreicht. Eine in den letzten Jahren vollkommen richtige Entscheidung gegen manche Widerstände und Schwierigkeiten war der Bau einer neuen Innenstadt, der möglichst kurzfristig vollendet werden muss. All diese erfreulichen Ergebnisse sind im Wesentlichen aus eigener Kraft entstanden, denn von Dresden und auch von Berlin ist für Chemnitz nur sehr begrenzt etwas zu erwarten. Dies zeigt deutlich die Vernachlässigung der Anbindung von Chemnitz an das Straßen- und Schienennetz.

Voranstehende Bemerkungen sollen jedoch nicht den Eindruck erwecken, in Chemnitz sei alles in Ordnung. Es gibt noch viel zu tun. Insbesondere wünsche ich mir, dass unsere gewählten Abgeordneten sich mehr um das Gesamtwohl der Stadt bemühen und sich nicht in parteipolitischen Grabenkämpfen und kleinkarierten Debatten verlieren. Von der Stadtverwaltung erwarte ich, dass sie neuen und kreativen Ideen und Aktivitäten aufgeschlossen gegenüber steht und mit einer positiven Grundeinstellung deren Machbarkeit überprüft und unterstützt.

Bernd Schlegel, per E-Mail

"Generationen nicht gegenseitig ausspielen"

Ich bin 1953 geboren worden, habe die Zerstörungen deutscher Städte während des Zweiten Weltkrieges nicht mehr persönlich erleben müssen, kenne die damit verbundenen menschlichen Schicksale nur aus Erzählungen. Mit Trauer schaue ich heute dem betriebswirtschaftlich bedingten und staatlich subventionierten Abriss zu. Im Alter von
20 Jahren wollten wir, mein Freund und ich, eine Familie gründen. Beide hatten wir studiert und fanden interessante Arbeit, was damals völlig normal für uns war. Wohnraum war weder in Leipzig, dort gingen wir zur Schule, noch in Karl-Marx-Stadt für uns zu haben. Erst 1982 bezogen wir gemeinsam mit unseren zwei Kindern eine fernbeheizte Vier-Zimmer-Wohnung in einem elfgeschossigen Plattenbau für monatlich 120 Mark der DDR. Ein betriebliches Bruttogehalt betrug 900 Mark der DDR. Schule und Kindergarten waren zu Fuß erreichbar. Poliklinik, Apotheke und HO-Kaufhalle entstanden etwas später. Auto, Telefon, Farbfernseher und Computer besaßen wir nicht. Auch eine Reise ins Ausland war nicht möglich.

2010 nun sind Auto, Telefon, Heimkino und 15 verschiedene Bier- und Schokoladensorten vorhanden, man sieht sich Paris und London an, aber die Jugend, nicht nur in Sachsen, zögert trotzdem immer länger damit, eigene Familien zu gründen, da befristete und prekäre Arbeitsverhältnisse, insbesondere in den neuen Bundesländern, die Existenzgrundlagen für eine Familie immer unsicherer werden lassen. Flexible Arbeitswelten widersprechen der finanziellen Sicherheit und familiären Geborgenheit, die von heranwachsenden Kindern immer noch benötigt werden.

Viele gesellschaftliche Widersprüche erfordern unsere gemeinsamen Anstrengungen, um gute dauerhafte Lösungen für diese komplizierte Problematik finden zu können. Die eine Generation gegen die andere auszuspielen, wie es in Wahlkampfzeiten immer wieder zu beobachten ist, erscheint mir als
eine nicht brauchbare Variante.
Angelika Schob, Markersdorf


"Bahnstrecke sollte Skiloipe werden"

Als sportlich aktive Seniorin liegt mir ein Vorschlag am Herzen, dessen Umsetzung aus meiner Sicht zu einer lebendigen Stadt dazugehört. Eine ideale Skiloipe, 15 Kilometer lang, liegt auf der stillgelegten Bahnstrecke zwischen Wüstenbrand und Borna, die von den Skifahrern derzeit aber nur illegal genutzt werden kann. Ich weiß, dass diese Strecke nicht entwidmet ist und nicht der Stadt gehört. Damit muss ich bei jedem Ausflug eine Strafe von 25 Euro befürchten. Die Bahnpolizei kassiert zumindest in Grüna ab. Ich kenne die Antworten der Stadt: Wir können nichts machen, es ist Bahngelände, das Betreten der Gleisanlagen ist verboten. Mein Anliegen ist es, dass sich die Stadt mit der Bahn einigt, damit die Skifahrer im Winter auf eigene Gefahr ohne Angst vor Bestrafung dieses für alle kostenlose Angebot nutzen können. Aus meiner pragmatischen Sicht könnten Schilder mit der Aufschrift "Betreten der Bahnanlagen auf eigenen Gefahr" genügen. Damit wäre das Leben in dieser Stadt noch lebenswerter. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich die Stadtverwaltung für dieses Thema zuständig fühlt.
Monika Oehmig, Altendorf


"Eine Kräftebündelung vor Ort erzwingen"

Um Chemnitz auf dem Weg zu einer lebendigen Stadt weiter voranzubringen gibt es mit Sicherheit ein ganzes Bukett von Ideen, deren Farbpalette sich von polemischen bis praktischen Gedanken darstellt. Viele der bisher abgedruckten Meinungen kann ich voll teilen und versuche mit den Organisationen, bei denen ich inhaltlich mit gestalten darf, ähnliche Themen einzubringen. Aus der Vielfalt meiner Gedanken möchte ich zwei hervorheben. Wäre es nicht richtig und wichtig, wenn die Stadt eine Art Fond auflegt, welcher bei Sachbeschädigungen zum Beispiel 20 oder 30 Prozent der Wiederherstellungskosten übernimmt? Damit setzt die Stadt ein Zeichen: "Ja, wir wollen dir helfen, da du das Bild der Stadt mit deiner Einrichtung, deinem Verein, deiner Institution mit prägst; du wirst nicht allein gelassen." Natürlich kann sich die Stadt nicht bei jeder Form von Vandalismus voll einbringen. Jedoch eine Beteiligung zu einem bestimmten Prozentsatz hilft den unterschiedlichen Betreibern materiell, lässt aber auch ein unterschiedliches Bild der gegenseitigen Wahrname zu.

Als zweiter Gedanke geht mir durch den Kopf, warum nicht eine Kräftebündelung vor Ort erzwingen? Bei unterschiedlichsten Veranstaltungen in den letzten Jahren habe ich erleben dürfen, dass Dinge gefördert wurden, welche bei Vernetzung und einem offenen Miteinander betreffend der Fördersumme nahezu halbiert werden könnten. Damit will ich sagen, nicht jeder Verein, jede Organisation muss alles allein realisieren bzw. neu anschaffen. Wenn sich bei Projekten mehrere mit Material und Engagement einbringen, wird auf hohem Niveau das betreffende Projekt realisiert, jedoch mit einem Minimum an neuer finanzieller Investition. Es sollte bei Anträgen für Förderung, auf den Bereich der Suche nach Verknüpfung bzw. Kräftebündelung der Einrichtungen vor Ort, ähnlich viel Wert gelegt werden, wie auf den Mittelverwendungsnachweis. Die Folge wäre: Mehrere kleine Vereinigungen bekommen Mut, auch große und eventuell verrückte Projekte in Chemnitz zu realisieren.
Uwe Dziuballa, Inhaber des Restaurants "Schalom"
 

 
erschienen am 03.05.2010
 
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