Buchmesse Scharen von Schülern in schrägen Kostümen: Die Fantasy-Literatur wird auf der Leipziger Buchmesse ganz bunt gefeiert.

Foto: Sebastian Willnow

Das Prügelfräulein und die Mädchen mit den Teufelshörnern

Auf der Buchmesse Leipzig werden fantastische und wahre Geschichten erzählt - Die Freibergerin Sabine Ebert stellt ihr Roman-Projekt zur Völkerschlacht von 1813 vor

Leipzig. Wenn 1500 Autoren aus den Leipziger Tagen und Nächten Europas größtes Literaturfestival machen, dann gibt es nichts, was es nicht gibt zwischen Himmel und Erde: Klaviere, die auf Urwaldbäumen wachsen, oder Geschichten von Amokläufern und sich paarenden Schnecken. Das interessiert die Leser. Und was ist aus dem E-Book, der digitalen Wörterwelt geworden? Eine Randnotiz.

Draußen gibt es Steaks, Roster und Feta vom Grill. Drinnen junge bis sehr junge Autoren - Frischfleisch sozusagen, das noch nicht verbrannt ist auf dem Literaturmarkt der Eitelkeiten. Schreibende Talente aus Halle an der Saale oder Frankfurt am Main sind nach Leipzig an die Pleiße gereist, lesen bis weit nach Mitternacht aus ihren Büchern, die oft ihre ersten sind. Es ist Buchmesse, der Abend frühlingshaft lau bei dieser langen Lesenacht in der Moritzbastei.

Hier kostet ein Teller mit einem Berg von Lasagne lächerliche 4 Euro 20. Lange Schlangen stehen dort, wo es was zu essen gibt. Doch die Leute sind nicht wegen der billigen Preise hier. Eine Frau schiebt gedankenverloren ihr Glas Weißbier den Tresen entlang, in der anderen Hand hält sie ein aufgeschlagenes Taschenbuch. Lesen, bis das Chili con carne kommt. Lesen, nur das zählt an diesem Abend. Beinahe hätte sie sich das heiße Hackfleisch über die Seiten gekippt. Vorsichtig verstaut sie das Buch in ihrer
Handtasche.

Stimmt also doch, was auf den knallig-orangen Tragetaschen steht, die in den Messehallen an hunderten Besucherschultern baumeln: "Man trägt wieder Buch." Die Beutel wiegen schwer, sind voller Papier. Noch schwerer hat es ein Mann, der kleine, leichte Scheiben unters Publikum bringen will. Kostenlose Leseproben, passend fürs E-Book oder zum Download aufs Handy preist er an wie Sauerbier. Er erntet meist Kopfschütteln. Nein, danke. Man trägt wieder Buch.

Zwar gibt es inzwischen 37 Prozent aller Neuerscheinungen in digitaler Form. Doch der Rummel rund ums elektronische Publizieren hat sich gelegt. Vor allem in Experten-Runden und Fachforen, erklärt der Leipziger Buchmesse-Chef Oliver Zille, werde über das Thema diskutiert, das zur Herbstmesse 2009 in Frankfurt am Main in die Schlagzeilen gehoben wurde. Nun gehe es ums Schützen von Urheberrechten, um technische Standards, die vereinheitlich werden sollten - davon jedoch, erklärt Zille, "bekommt das breite Publikum wenig mit."

Wahre Literaturliebhaber sind Spezialisten ganz anderer Art. Sie wollen keine Buchstaben-Simulationen auf Flachbildschirmen, keine Autorenstimmen, die man ihnen via iPod in die Gehörgänge einflößt. Sie wollen lebendige Schriftsteller, Leselust live, schieben sich durch die verzweigten Gewölbegänge der Moritzbastei von Lesung zu Lesung. Oberkeller, Ratstonne, Schwalbennest - so heißen die poetischen Orte in dieser Leipziger Studenten-Club-Legende. Hier liest Leipzig, ein paar Dutzend von rund 1500
Autoren, die aus den Tagen und Nächten der Messe Europas größtes Literaturfestival machen.

Wer hat Helene Hegemann gesehen? Ja, die, die erst 18 und schon berühmt bis berüchtigt ist, weil die Kopier- und die Einfüge-Taste ihres Computers zu den Schreibwerkzeugen ihres ersten Romans gehörten. Nein, den Buchpreis der Messe Leipzig hat sie nun doch nicht gekriegt. Allein die Nominierung der Wort-Diebin war und bleibt heftig umstritten. Verena Auffermann, Literaturkritikerin und Chefin der Buchpreis-Jury, verteidigt Hegemanns Listenplatz nach wie vor: Der Name der Autorin, erklärt sie, sei zum Alibi geworden, zum Code-Wort für die Angst vor der Zukunft der Buchwelt, die Angst der Autoren davor, im digitalen Zeitalter zum Schnipsel-Lieferanten zu verkommen.

Helene Hegemann, das Prügelfräulein, ist untergetaucht. Podiumsdiskussionen mit ihr werden kurzfristig abgesagt. Ist diese Autorin selbst eine Fiktion? Ein virtuelles Wesen, eine Fantasy-Gestalt? Oder tatsächlich nur das Code-Wort für ein virenartig sich verbreitendes Computer-Programm, welches sich durchs Internet frisst, es nach Texten durchstöbert, diese filetiert, collagiert und zu einem Roman zusammensetzt, den kein Mensch, sondern eine Maschine geschrieben hat. Schöne neue Welt, die einem wirklich Angst machen könnte, wenn es da nicht die niedlichen Teufelinnen mit den weißen Plüsch-Hörnern gäbe.

Fantasy, also Traum- und Nicht-von-dieser-Welt-Geschichten, sind bei jungen Lesern mega-in, sind ein boomendes Segment auf dem deutschen Buchmarkt. Scharen von Schülern in schrägen Kostümen, die uns ältere Semester an die Rocky Horror Picture Show erinnern, ziehen übers Messegelände: kleine, schwarz-weiße Krankenschwestern auf schweren Plateau-Sohlen, gehörnte und geflügelte Fabeltiere, Manga-Mädchen, die aussehen, als dienten sie als Staffage für McDonalds Asia-Wochen. Man trägt wieder Buch - surreale
Figuren, ganz real auf den Leib geschneidert.

Absurd, skurril, wirklichkeitsnah: Literatur heute hat viele Stimmen, auch tief unten bei der Massen-Lesung im Keller der Moritzbastei. Ein richtiger Arzt aus Halle erzählt wirklich wahre Krankenhausgeschichten. Ein Philosophiestudent aus Wien berichtet von der Gründung eines Streichel-Instituts. Dazwischen etwas Cowboylyrik und ein fantastischer erster Satz: "Sie haben es im Urwald gefunden" - aus dem Mund einer jungen Autorin, die damit die Entdeckung eines Klaviers zu schildern beginnt, das
hoch in den Baumwipfeln des Dschungels festgewachsen war. Dem alten Filmemacher Werner Herzog hätte diese Fantasie sicherlich gefallen.

"Nein", betont Sabine Ebert, "es wird keine nette Geschichte." Militärnostalgiger und Kriegsverherrlicher werden an dieser keinen Gefallen finden. An jener Geschichte, welche die Freibergerin über die Völkerschlacht erzählen will, die vor 200 Jahren in Leipzig tobte. 2013, pünktlich zum Jubiläum, soll dieses Buch-Kind der "Hebammen"-Autorin erscheinen. Eine Menge Recherche-Arbeit wartet auf sie, "ein großes, gewaltiges Thema" - vor dem Hintergrund von 100.000 toten Soldaten und 20.000 krepierten Pferden. Eine erste Liste an Sekundärliteratur, die Sabine Ebert von Leipziger Geschichtsfreunden bekam, umfasst 182 Positionen. Uff. Eine Schufterei wird
das.

Mit den Tasten Kopieren und Einfügen ist das sicherlich nicht getan. "Aus. Basta. Schluss", knurrt Clemens Meyer in ein Mikrofon und blickt mit zusammen gezogenen Augenbrauen in die Kamera. Der Leipziger Lokalmatador hat einen neuen Band mit auf die Messe gebracht, ein Tagebuch mit Geschichten von 2009 zum Thema "Gewalten". Voll mit Päderasten, Amokläufern, dem Tod eines Hundes und Schnecken, die anschwellen, wenn sie sich paaren.

Dabei sieht er so seriös aus, der Herr Meyer mit den gescheitelten Haaren, der braven Brille und dem dunklen Sakko. Aus. Basta. Schluss. Kein Wort zu Helene Hegemann will er sagen. Denn: "Auf dieser Messe geht es nur darum, dem Volk das Wort nahe zu bringen." Also auf in die "MoBa", ruft er. Dort an der Basis, unter der Erde von Leipzig, wird es für ihn später alles geben, was sich ein Autor wie er wünscht: Bier, Volk und Literatur, die Leser findet - auch ohne Debatten. (mit mz)

Von Ulrich Hammerschmidt

Prominente auf der Buchmesse

Samstag

Chemnitzer Eissterne - ein Band aus dem Buchprogramm der "Freien Presse". Ein Gespräch um 12.30 Uhr am Stand D 210, Halle 3, mit den Kufenstars Anett Pötzsch-Rauschenbach, Axel Rauschenbach und Tassilo Thierbach.

Günter Grass - der Literaturnobelpreisträger im Visier der Stasi, Gespräch ab 11.30 Uhr, ARD-Hörbuchforum, Halle 3, Stand C 400, ab 13 Uhr im ARD-TV-Forum, Halle 3, Stand C 501, ab 14.30 Uhr auf dem Blauen Sofa, Glashalle, ab 16 Uhr in Halle 5, Stand A 102.

Herta Müller - die Literaturpreisträgerin 2009 ab 20 Uhr im Centraltheater (Schauspielhaus Leipzig), Karten an der Abendkasse.

Die Sängerin Nina Hagen gibt Bekenntnisse ab - 12.30 Uhr, ARD-TV-Forum, Halle 3, Stand C 501, ab 14 Uhr am Zeit-Stand, Halle 3, D 101, ab 17.30 Uhr auf dem Blauen Sofa, Glashalle.

Joachim Gauck blickt auf 20 Jahre deutsche Einheit zurück - 10 Uhr, 3sat-Forum, Glashalle, ab 16 Uhr auf dem Blauen Sofa, Glashalle.

Frauenpower pur - die Schauspielerin Katy Karrenbauer liest ab 14.30 Uhr im Forum Halle 5, Stand E 600.

Deutschlands bekanntester Pop-Choreograph Detlef D! Soost stellt seinen Ratgeber "Tanz dich fit" vor - um 15.30 Uhr in Halle 2, Stand C 208 und um 17 Uhr in Halle 2, Stand H 502.

Clemens Meyer - Leipzigs Literaturstimme zu Gast beim MDR um 9.30 Uhr am Stand des Senders in der Glashalle, um 13 Uhr in Halle 5, Stand A 102, und um 16.30 Uhr am 3sat-Stand in der Glashalle.

Martin Walser und seine Tagebücher - um 12 Uhr, ARD-Forum, Halle 3, Stand 501.


Sonntag

Chemnitzer Eissterne - ein Band aus dem Buchprogramm der "Freien Presse". Ein Gespräch um 11.30 Uhr am Stand D 210, Halle 3, mit der Trainer-Legende Jutta Müller und der Kufenkönnerin Gaby Seyfert.

Karel Gott - die Goldene Stimme aus Prag, ab 13 Uhr in Halle 4, Stand C 403 und ab 14 Uhr im Congress Center der Messe, Saal 3.

Sabine Ebert - die "Hebammen"-Autorin aus Freiberg zu Gast ab 10.15 Uhr am Stand des MDR in der Glashalle.

Clemens Meyer - ab 15.30 auf dem Blauen Sofa in der Glashalle.

Tom Pauls - Schauspieler, Kabarettist und sächsisches Original ab 12 Uhr in Halle 5, Stand E 301.

Die Messe hat am Samstag und Sonntag zwischen 10 und 18 Uhr geöffnet.

 
erschienen am 19.03.2010
 
Kommentare
0
(Anmeldung erforderlich)

 
 
 
Artikel weiter empfehlen
per E-Mail per Bookmark
 
Facebook Teilen   Twittern