Auch dieses Bild, fotografiert vom New York City Police Department, lief weltweit in den Nachrichten. 
Auch dieses Bild, fotografiert vom New York City Police Department, lief weltweit in den Nachrichten.

Foto: AP/NYPD

Das Vergessen ist ausgeschlossen

Kein Ereignis definierte sich so sehr über Fotos und Fernsehaufnahmen wie die Anschläge vom 11. September 2001

Wo waren Sie, als es passierte? Ich lernte Vokabeln, nebenbei lief der Fernseher. RTL zeigte eine Rateshow. Um kurz vor drei übernahm der Nachrichtenmann Peter Kloeppel das Programm und hatte auch keine Antworten auf das, was da jenseits des Atlantik geschah. Am nächsten Tag vergaß die Englischlehrerin uns abzufragen, und eine Bostoner Tageszeitung titelte: "War at home", Krieg zu Hause.

Das traf in zweierlei Hinsicht zu. Zum einen klaffte nun eine Wunde in der Skyline Manhattans. Zum anderen erlebten Millionen Menschen die Anschläge des 11. Septembers vom Sofa aus. Rund um die Welt liefen die Fernseher, als die Türme in Flammen standen. Wer die Türme wenig später in einer Endlosschleife wieder und wieder einstürzen sah, tat sich schwer zu begreifen. Nun, da wir dieselben wackligen Aufnahmen zehn Jahre später in notdürftig aktualisierten Jahrestag-Reportagen sehen, bleibt die Frage: Was macht die Wucht dieser Bilder aus?

Die Medien inszenierten die Terroranschläge vom 11. September 2001 als einen geschichtlichen Wendepunkt. Reporter und Politiker ließen nicht nach zu betonen, dass die Ereignisse völlig unvorstellbar seien, in ihrer Rücksichtslosigkeit etwas nie Dagewesenes. Bundeskanzler Gerhard Schröder sprach seiner Zeit von einer "Kriegserklärung an die zivilisierte Welt". Optisch jedoch war das Unerhörte seltsam vertraut. Jeder von uns hatte New York schon brennen sehen. Die Attentate kannten wir aus der Stirb-langsam-Reihe mit Bruce Willis, die panische Flucht durch die Straßenschluchten der Metropole aus "Independence Day" oder "Armageddon". "Wir dachten, es sei ein Kinofilm", ist ein immer wiederkehrender Satz in Interviews mit Betroffenen.

Das Sehen von Doppelbildern

Der französische Fotografiehistoriker Clément Chéroux stellt in seinem Essay "Diplopie. Die Bildpolitik des 11. September" die Frage, was wir von den Anschlägen gesehen haben - und was nicht. Der Titel ist mit Bedacht gewählt. Diplopie ist der medizinische Begriff für das Sehen von Doppelbildern. Wer am Tag nach dem 11. September die Titelseiten der Zeitungen betrachtete oder die Fernsehnachrichten sah, konnte selbst dem Eindruck erliegen, dass die Bilder sich vervielfältigten, ja spalteten. In der halben Stunde nach dem Einschlag des Fluges United Airlines 175 in den Südturm, zeigte der Nachrichtensender CNN elfmal in Folge die gleiche Sequenz. Chéroux unterzog auch die amerikanischen und europäischen Zeitungen vom 12. September einer Analyse. Der überwiegende Teil zeigte auf der Titelseite die Explosion, als die Boing in den Südturm einschlug, die Wolke, die Manhattan einhüllte oder die Ruine des World Trade Centers. Menschen waren so gut wie nie zu sehen. Als sei das Leid des Gebäudes, das erst verwundet und später vernichtet wurde, an ihre Stelle getreten, so der Autor.

Die Wiederholung findet aber auch auf anderer zeitlicher Ebene statt: in Form eines Déjà-vu. Viele US-amerikanische Zeitungen trugen den Titel "Infamy", zu deutsch "Schande". Eine Anspielung auf die berühmte Rede Theodore Roosevelts nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbour. Auch visuelle Analogien wie das Hissen der Flagge auf den Trümmern des World Trade Centers durch New Yorker Feuerwehrmänner referierten auf das Aufrichten der Flagge amerikanischer Soldaten in Iwojima.

Das Aufarbeiten des Traumas

Um das Phänomen zu begründen, greifen amerikanische Wissenschaftler zur Hypothese des Traumas. Diese gründet auf der Annahme, ein Trauma sei nur durch stetiges Wiederholen aufzuarbeiten. Chéroux zitiert eine Journalistin der New York Times: "Die scheinbar unmöglichen Bilder der zunächst brennenden und dann einstürzenden Türme wieder und wieder anzusehen, half den Leuten, den Schock zu bewältigen, das Unwirkliche wirklich werden zu lassen."

Tag für Tag treffen die Nachrichtenredakteure von Fernsehsendern und die Bildredakteure von Zeitungen und Zeitschriften Entscheidungen, aus denen sich ein loser Konsens über die Grenzen des Zumutbaren ergibt. Oft kleiden diese Leute ihre Entscheidungen in Urteile des "guten Geschmacks". Diese Grenzen lieferten wohl auch die Legitimation dafür, die Bilder der Toten nicht zu zeigen. Lediglich in der Abendausgabe der New Yorker "Daily News" wurde ein Bild des Fotografen Todd Maisl gedruckt: eine abgetrennte Hand im Trümmerschutt.

Das Beispiel macht deutlich, wie sehr die Fotografie sich bisweilen aus einem Dilemma speist. Das Dokumentationsbedürfnis des Menschen zur Unterstützung des kulturellen Gedächtnisses geht Hand in Hand mit der dem Menschen eigenen Neugier. Die "Falling-Man" betitelte Aufnahme des Fotografen Richard Drew ist eine der bekanntesten und umstrittensten Aufnahmen des 11. Septembers. Sie zeigt einen der vielen Menschen, die nach den Einschlägen der Flugzeuge ohne Aussicht auf Rettung aus den Etagen oberhalb der Einschläge sprangen.

Unter allen Bildern Hinabstürzender ist "Falling Man" das einzige, das auf einer Titelseite veröffentlicht wurde, der des "Herald" vom 12. September. Unmittelbar danach zog man es in einem Akt der Selbstzensur wieder zurück, nachdem die Publikation eine Welle der Empörung auslöste. Das Foto instrumentalisiere das Leid der Hinterbliebenen, so der Hauptvorwurf. Und doch ist das Bild auf bedrückende Art und Weise schön. Der Körper scheint parallel zur schwarz-weißen Gebäudestruktur des World Trade Centers zu fallen. Nicht wie eine Verzweiflungstat wirkt der Sprung, sondern beherrscht, fast anmutig. Aber dürfen Bilder des Schreckens ästhetisch sein? Wo ist die Grenze zwischen Voyeurismus und Dokumentation?

 
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Das Vergessen ist ausgeschlossen
Das Betrachten der Leiden
 
erschienen am 09.09.2011 ( Von Ulrike Nimz )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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