TU Chemnitz

Foto: Professor Lothar Kroll.

Der Aufbauhelfer

Extrem leichte Bauteile in Flugzeugen oder Autos sind eine Zukunftsvision - Professor Lothar Kroll forscht daran

Chemnitz. Der Countdown läuft. Schon in wenigen Tagen wird Lothar Kroll mit ausgewählten Kollegen vor einer internationalen Jury stehen und Chemnitzer Forschungs- und Erfindergeist vermitteln. Bei der bundesweiten Exzellenzinitiative geht es um sehr viel Fördergeld und letztlich auch darum, ob das Projekt in vollem Umfang umgesetzt werden kann. "Das Hauptanliegen unseres Exzellenzclusters mit einem Budget von etwa 39 Millionen Euro ist die Fusion von großserientauglichen Basistechnologien zur ressourceneffizienten Herstellung von Leichtbaustrukturen mit hoher Leistungs- und Funktionsdichte", sagt Kroll. Nur zwei Exzellenzcluster auf dem Gebiet des Maschinenbaus - in Aachen und Chemnitz - sind in der letzten Begutachtungsrunde der Deutschen Forschungsgemeinschaft dabei.

Kroll sieht dem Termin mit gemischten Gefühlen entgegen. "Es zählt nicht nur die reine wissenschaftliche Leistung. Es gibt noch viele andere Kriterien und Randbedingungen", sagt er. Sie seien zwar sehr wichtig. "Aber ich bin Wissenschaftler mit Leib und Seele, für diese Bewerbung und Verteidigung muss man aber auch ein sehr guter Stratege und Manager sein." Kroll untertreibt, er hat längst bewiesen, dass er auch Management kann. Als er 2006 von der Technischen Universität (TU) Dresden zur TU Chemnitz wechselt, hat die Professur Strukturleichtbau und Kunststoffverarbeitung 15 Mitarbeiter. Heute sind es 200. Kroll hat sie zu einer Spitzenprofessur entwickelt.

Diese Entwicklung und Wertschätzung bedeutet ein großes Arbeitspensum: Er leitet die Professur Strukturleichtbau und Kunststoffverarbeitung der TU Chemnitz, ist zudem Direktor des Instituts Strukturleichtbau sowie Direktor des Cetex am Institut für Textil- und Verarbeitungsmaschinen mit weiteren 45 Mitarbeitern. "Ab 18 Uhr kommt die echte Forschung, dann mache ich das, wofür ich eingestellt worden bin." Die Chemnitzer Arbeitsnächte sind lang und deshalb lebt er die Woche über hier. Das Wochenende gehört der Familie in Dresden. Es ist der Preis, den Enthusiasten zahlen. Dafür lebt er seinen Kindheits- und Jugendtraum.

Denn Kroll will keinen soften Job, sondern in die Technik, sie fasziniert ihn frühzeitig. Geboren und aufgewachsen ist er in Oberglogau, einer Kleinstadt in Oberschlesien. Ein Großteil der Einwohner waren damals Deutsche. An der Technischen Hochschule Oppeln studiert er Fahrzeugtechnik. 1981 kommt die Familie als Spätaussiedler nach Hannover. Der Vater bleibt zunächst in Polen, denn die Ausreise der gesamten Familie war politisch nicht erwünscht. Durch die Unterstützung des Roten Kreuz wird die Familie später zusammengeführt.

Das neue Leben braucht Gewöhnung. In Hannover habe er die negativen Seiten des Kapitalismus voll erlebt. Er nutzt aber auch die Möglichkeiten. Nach einem Maschinenbau-Studium an der TU Clausthal bleibt er an der Einrichtung in Niedersachsen als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Technische Mechanik und promoviert. Es ist die Zeit, in der Carbonfaser vermehrt zum Einsatz kommen. Das ist keine einfache Materie, denn unter anderem ist deren Berechnung und Herstellung komplizierter als etwa bei klassischen Metallen.

Schon bald warten größere Aufgaben. Denn 1992 folgt er Professor Werner Hufenbach nach Dresden, baut mit ihm und weiteren Wissenschaftlern das Institut für Leichtbau und Kunststofftechnik auf.

Für die Aufbauhelfer aus Clausthal erscheint Dresden grau in grau. Sie wollen zumindest ihre Arbeitswelt renovieren, aber wegen des Baubooms sind Handwerker Mangelware. "Wir haben das selbst gemacht, ich war ein Jahr lang mehr Maler als Wissenschaftler", schmunzelt Kroll. Nach reichlich zehn Jahren sieht er 2006 in Chemnitz neue Herausforderungen. Die hiesige Uni will neue Wege gehen, unter anderem mit Leichtbau, und sucht dafür einen, der sich auskennt mit dieser Materie. Und so wird er zum zweiten Mal Aufbauhelfer. Kroll ist fasziniert vom Potenzial: "Mir wurden die Augen geöffnet für die zahlreichen Möglichkeiten, besonders in der Textiltechnik", sagt er. Die Konzentration an Forschungseinrichtungen sei mit den Instituten Cetex und dem Sächsischen Textilforschungsinstitut sowie der TU eine einmalige Konstellation in Deutschland. "Leider verkaufen wir uns und diese Besonderheiten noch viel zu wenig."

Indes ist der Wettlauf der Forscher um Carbonfaser-Verbundwerkstoffe und Technologien voll entbrannt. Sie erlauben etwa, materialeffiziente Bauweisen für extrem leichte Bauteile in Flugzeugen oder Autos einzusetzen. Einziges Manko: Ein Kunststoffbauteil mit Carbonfasern für ein Auto ist etwa zwanzig Mal teurer als das übliche. "Wir arbeiten auch an Serien-Technologien, die den Preis drücken", sagt der Experte. An seinem Uni-Institut wird zudem an Lösungen für kleine und mittelständische Firmen gearbeitet. "Der Mittelstand will schnelle Hilfe sehen", sagte Kroll. Er sieht es als einen Pakt, denn mit der Unterstützung für den Mittelstand tragen die Wissenschaftler zugleich zeitnah zur volkswirtschaftlichen Wertschöpfung bei. Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts initiiert im Durchschnitt zwei Arbeitsplätze in der Wirtschaft.

Das Institut ist stark gewachsen, hat neun in Chemnitz verteilte Standorte. Die langen Transportwege kosten Zeit und Geld. Ein großes Technologiezentrum in Campusnähe, wo wir die gesamte Prozesskette des Leichtbaus abbilden könnten, wäre nicht schlecht, schwärmt Kroll. Und so wie er das sagt, sieht er die neuen Möglichkeiten schon vor sich. Er ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet - und bescheiden. "Ich bin es nicht allein, habe viele hervorragende Wissenschaftler an meiner Seite." Dass sie nicht ausgehen, darauf achtet der Chef. Es sei aber nicht einfach, Talente zu finden und zu halten. "Superstars werden gezielt gesucht und gefördert, Fußballer ebenso", sagt Kroll. Viele junge wissenschaftlich Begabte blieben jedoch unentdeckt. "Wir brauchen einen Dieter Bohlen für Wissenschaftstalente." Die Arbeit mit dem Nachwuchs treibt ihn an. "Da werden Ideen entwickelt, die mit meinen zwar nicht immer konform sind, aber wenn sie gut sind, dann packen wir diese gemeinsam an."

Schon jetzt ist der Terminkalender für 2012 gut gefüllt. Trotzdem denkt der Leichtbauexperte an gelegentlich freie Zeit für sich allein. "Ich habe herausgesucht, wo es in Chemnitz Karateclubs gibt" sagt er. Er war früher aktiv in dieser Sportart, hat an der Uni Clausthal eine große Mannschaft aufgebaut. "Ich möchte wieder trainieren."

 
erschienen am 07.01.2012 ( Von Ramona Nagel )
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