Foto: Professor Reinhard Erfurth. Foto: Wolfgang Schmidt
Der Chemnitzer Visionär
Als Bauingenieur reizt es Reinhard Erfurth, Städte zu gestalten
Chemnitz. Wenn Professor Reinhard Erfurth morgens ins Büro oder zu Terminen fährt, dann hat er meistens schon einen Akzent für einen gelungen Tag gesetzt. "Ich jogge morgens gern, erlebe die Natur, der Kopf wird frei und die Gedanken können fließen." Von solch einem Tagesbeginn profitiert nicht nur er selbst, denn seine Erfahrung und Ideen sind als Fachmann, Firmenchef und Vordenker gefragt. Sein Credo dabei ist: "Das Undenkbare denkbar machen und das Denkbare machbar machen."
Erfurth ist gebürtiger Chemnitzer. Er mag seine Heimatstadt und schätzt es sehr, sie mitgestalten zu können. Nur kurz hat er nicht hier gelebt. Denn nach der Schule und einer Lehre als Maurer studiert er in Weimar an der heutigen Bauhaus-Universität Bauingenieurwesen. Gleich im Anschluss promoviert er und habilitiert 1990. Die Berufsaussichten sind gut und so geht die junge Familie Erfurth von Thüringen nach Karl-Marx-Stadt. Hier arbeitet Reinhard Erfurth zunächst beim Wohnungsbaukombinat, später in der Forschung an der Außenstelle Karl-Marx-Stadt der Bauakademie.
Im Frühsommer 1990 kommt ein Tag, der im Gedächtnis bleibt: Am 15. Juni gründet der Ingenieur mit vier weiteren Mutigen mit 20.000 Ost-Mark seine Firma Erfurth & Partner - Handelsregister-Nummer 163. Er sieht die Möglichkeit, sein eigener Herr zu sein, damals als eine einmalige Chance und will sie unbedingt nutzen. "Ich habe einen starken Drang, Dinge mitzugestalten. Und bei einer eigenen Firma kann man seine Kreativität ausleben und muss gleichzeitig Verantwortung übernehmen, das war und ist für mich ein großer Reiz", sagt Erfurth. Bis 2000 hat das Büro einen Partner aus den alten Bundesländern. Das habe sehr geholfen, in den neuen Strukturen zu denken.
In all den Jahren hat das Unternehmen in Sachsen vielerorts seine Visitenkarte hinterlassen, in Chemnitz unter anderem an der Galerie am Roten Turm, Villa Esche, Bundesbank, Industriemuseum, in Dresden am Neuen Kongress-Zentrum, Fraunhofer IWU, Anbau Tanzschule Palucca, Albertinum, der Tiefgarage Altmarkt und dem Coselpalais, in Leipzig etwa am Uniklinikum oder an der Neuen Nationalbibliothek und in Erfurt wurde die Überdachung der 400-Meter-Eisschnelllauf-Halle gestaltet - international gibt es Projekte unter anderem in Österreich, der Ukraine und Südafrika. "Unsere Arbeit ist öffentlich und jedes Projekt ist anders. Das ist Herausforderung und zugleich das Schöne an unserer Arbeit." Es gab auch schwierige Zeiten, aber selbst dabei Prinzipien. "Wir haben uns nie auf einen Preiswettbewerb eingelassen, Qualität ist mittel- und langfristig generell von Vorteil", meint Erfurth. Davon hat das Unternehmen profitiert. Mittlerweile zählt die Gruppe mehr als 70 Mitarbeiter an den Standorten Chemnitz, Dresden, Leipzig, Berlin und Frankfurt am Main.
Den Qualitätsanspruch hat Erfurth auch bei seinem Lehrauftrag an der TU Chemnitz sowie im Ehrenamt. "Wenn man die Veränderung wünscht, dann muss man auch Verantwortung übernehmen", meint er. Diese hatte er als Präsident von 1990 bis 2002 für die Ingenieurkammer Sachsen, als Initiator der Johanneum-Akademie - der Ferienakademie für sozial benachteiligte Chemnitzer Kinder als Teil der städtischen Kinder- und Jugendstiftung und ist Gründungsmitglied und derzeit Sprecher des Kuratoriums des Industrieverein Sachsen.
Dieser bietet ihm die Möglichkeit, andere Gedankenwelten zu erleben und natürlich Netzwerke zu leben. Er ist davon überzeugt, dass Netzwerke Basis von Erfolgsgeschichten sind. Das zeigten allein die Chemnitzer Innovatoren. "Vor 200 Jahren gab es mit Richard Hartmann nur einen, vor einhundert Jahren mit dem Zusammenschluss von vier Gründern von Autofirmen zur Deutschen Autounion waren es vier. Und jetzt gibt es viele. Die Zukunft gehört kreativen Netzwerken." Dabei liegt ein wenig Wehmut in seinen Worten. Denn trotz der Entwicklung von Stadt und Region zum starken Wirtschaftszentrum wird Chemnitz immer noch verkannt. "Dabei sind wir einen Schritt weiter als viele Städte, befinden uns auf dem Weg von der Wissens- in die Kreativgesellschaft." Der Smart System Campus sei ein Beispiel dafür. Diese "wunderbare Komposition aus Lehre und Forschung sowie aus Forschung und Fertigkeiten" sei nach zwei Jahren des Bestehens fast ausgebucht. Schon jetzt machten junge Firmen Schlagzeilen mit ihren Spitzenleistungen. Sie profitierten von dem hohen wissenschaftlichen Niveau und Umfeld. Um wirklich auch international eine Spitzenstellung einnehmen zu können, fehlten hier jedoch noch ausgeprägtere und institutionalisierte Kreativstrukturen. Vor allem die TU habe dafür Potenzial. "Industriedesign beziehungsweise Produktdesign könnte ich mir gut vorstellen", meint Erfurth und verweist auf die Tradition - mit Marianne Brandt habe schließlich eine der größten Formgestalter hier gelebt. Die Fäden dafür zu knüpfen, könnte eine seiner künftigen Aufgaben sein.
Inspirationen zu verfolgen, Vorzudenken und Wege zu ebnen, dafür hat er jetzt mehr Zeit. Mit der Unternehmensnachfolge hat er das operative Geschäft an langjährige Mitarbeiter übergeben, führt nur noch die Gruppe E+P. Sein Terminkalender ist aber noch genau so voll. Wenn Reinhard Erfurth von seiner Arbeit und von Chemnitz spricht, dann spürt man einen großen Elan und Visionen. Als Ingenieur reizt es ihn, zu gestalten, die Städte und damit auch die Gesellschaft. Ebenso sieht er die Chancen gerade hier für neue Baustoffe und Bauweisen.
Die Bauwerke der Zukunft müssten sich flexibel den gesellschaftlichen Prozessen anpassen, ist er überzeugt. Neue Werkstoffe machten zudem eine ökologisch orientierte Leichtbauweise zu einem faszinierenden Zukunftsprojekt. Sein Kollege Frei Otto, international bekannter Architekt aus Warmbronn, war mit seinen futuristischen Überdachungen Pionier auf diesem Gebiet. Er hat Strukturen der Natur erforscht, auf Bauwerke angewendet und dabei sparsam und ökologisch konzipiert. Erfurth schätzt den gebürtigen Chemnitzer und die Gespräche mit ihm sehr. "Ich hatte das große Glück, schon von der Grundschule an mit Persönlichkeiten umgeben zu sein, die mich inspirieren und dafür sorgen, dass Träume und Visionen nicht aufhören, einer davon ist Frei Otto", bekennt Erfurth. Gute Gespräche, Sport, die Familie und ein toller Freundeskreis sorgen für die nötige Balance in seinem Leben. "Das ist mein Kraftquell."