Ratskellerwirtschaft mit Tradition - seit dem Mittelalter gab es einen beliebten Bierausschank.
Ratskellerwirtschaft mit Tradition - seit dem Mittelalter gab es einen beliebten Bierausschank.

Foto: Andreas Truxa

Des Rates Trunk im Kellergewölbe

Der Ratskeller

Mit der Eröffnung des Neuen Rat-hauses vor 100 Jahren öffnete auch der Ratskeller. Die Gastwirtschaft entwickelte sich schnell zu einem beliebten Anlaufpunkt - auch für die Stadtverordneten. Dabei war die Idee, im Kellergewölbe des Neuen Rathauses eine Gaststätte einzurichten, damals nicht neu. Die Stadtväter knüpften an eine Tradition an. Schon im Mittelalter gab es in Chemnitz eine florierende Ratskellerwirtschaft. Ihre Wiederbelebung sollte das Neue Rathaus als zentralen Ort des gesellschaftlichen Lebens in Szene setzen und der Stadt als Einkommensquelle dienen.

Der Ratskeller wurde offiziell am 17. August 1911 eröffnet, ein Kellermeister war aber schon im Jahr zuvor tätig. Auch die Weinkeller unter dem Jakobikirchplatz am Markt und unter dem Alten Rathaus waren bereits ausgebaut. Eine vom Stadtrat eingesetzte Kommission, deren Mitglieder auch als "Weinherren" bezeichnet wurden, kümmerte sich um den Kauf des Rebensaftes beim Winzer.

Insgesamt bietet der Ratskeller 300 Personen Platz. Er gliedert sich in den Bierkeller auf der dem Markt zugewandten Seite sowie in den Weinkeller am Neumarkt. Bier- und Weinausschank waren ursprünglich tatsächlich räumlich getrennt. Am Fuße der hinab führenden Treppe befindet sich ein Wandbrunnen aus blauer Majolika - so heißt eine Keramik, die mit einer weißen Zinnglasur überzogen und anschließend bemalt wurde.

Die beiden Gasträume sind in ihren Wand- und Gewölbefassungen mit floralen und geometrischen Jugendstilformen gestaltet. Die mehrfach überstrichenen Original-Bilder wurden kurz nach der deutschen Wiedervereinigung freigelegt. Auch die historischen Deckenleuchter sowie das Mobiliar wurden anhand alter Vorlagen in dieser Zeit nachgestaltet.

Der Bierkeller ist der einzige Ort im Rathaus, an dem noch die ursprünglichen Bleiglasfenster von Josef Goller zu sehen sind. Der 1868 in Dachau geborene Künstler hatte auch die Original-Scheiben in Rats- und Stadtverordnetensaal gestaltet, welche im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. Die Fenster im Ratskeller haben die im 19. Jahrhundert abgerissenen Chemnitzer Stadttore als Motiv. Ebenfalls Gollers Werk ist das Wandgemälde an der Rückwand der Ratstrinkstube. Es stellt ein antikes Bacchusfest in einer arkadischen, also harmonisch-idealisierten, Umgebung dar - ein klassisches Szenario der Landschaftsmalerei.

Die kleine holzumtäfelte Ratstrinkstube, die sich an den Weinkeller am Neumarkt anschließt, weist überhaupt eine besondere Geschichte auf. Dort trafen sich die Stadtverordneten einst zum fröhlichen Beisammensein, hier wurde getrunken, gegessen und Politik am Stammtisch gemacht. Man sollte sich allerdings hüten, den in der Festschrift zur Einweihung des Rathauses überlieferten Spruch "Des Rates Trunk ist ernste Pflicht. Eine leere Lampe leuchtet nicht" allzu wörtlich zu nehmen. "Das hieß nicht, dass sich die Stadträte ständig betranken, der Alkohol diente in erster Linie als Kontaktöffner", erklärt Türmer Stefan Weber.

Dabei blieben die Ratsherren in ihrer Trinkstube unter sich. Nicht einmal um den Raum zu erreichen, mussten sie sich unter das gemeine Volk mischen. Denn der Zugang erfolgte bequem von der Bibliothek, einem Nebenraum des Stadtverordnetensaals, im zweiten Stock aus. Die enge in den Kirchturm integrierte Wendeltreppe umfasst 68 Stufen und mündete direkt in eine Ecke der Ratstrinkstube. Der "Geheimgang", früher regelmäßig und gerne genutzt, ist heute noch begehbar - allerdings im Regelfall abgeschlossen. Von seinem unteren Ende aus findet ihn allerdings ohnehin nur, wer Bescheid weiß: Die Tür ist perfekt in die Wandverkleidung integriert.

Buch

Im Chemnitzer Verlag ist das Buch "Chemnitz - Die Rathäuser" erschienen. Es kostet 9,95 Euro und ist in allen Geschäftsstellen der "Freien Presse" (in Chemnitz im Verlagshaus Brückenstraße, in der Galerie Roter Turm und im Vita-Center) erhältlich.

 
erschienen am 18.08.2011 ( Von Jürgen Werner )
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
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